„Ich stelle mich nicht hin und sage, jetzt sind die anderen dran.“

Henning Hoffmann, Bezirksbürgermeister in Buchholz-Kleefeld und Mitglied des Hannoveraner Stadtrates,  setzt sich für eine Willkommenspolitik gegenüber Flüchtlingen ein. Hier spricht er über die Verteilung der Flüchtlinge in Hannover, kritische Stimmen zu seiner Politik und emotionale Begegnungen.

Herr Hoffmann, in Ihrem Bezirk steht die größte dauerhafte Flüchtlingseinrichtung in Hannover. Wie stark verändert das die alltägliche Arbeit für Sie als Bezirksbürgermeister?

Zunächst einmal möchte ich festhalten, dass Flüchtlinge für mich genauso Einwohner und Einwohnerinnen des Stadtbezirks sind wie jeder andere und ich mich um alle kümmern möchte. Wir haben es geschafft, fast 800 Menschen, die  im Oststadtkrankenhaus leben, kurzfristig in einen Stadtbezirk zu integrieren. Es war eine große Herausforderung, das mit den Anwohnern gemeinsam zu machen. Wichtig ist, dass man von Anfang an offen und ehrlich über alles redet. Es gab viele Informationsveranstaltungen – auch wenn der ein oder andere immer sagt, er habe noch nie von einer Informationsveranstaltung gehört. Wir versuchen, uns da weiter zu verbessern, sodass sich jeder auch tatsächlich eingeladen fühlt. Ich habe auch am Oststadtkrankenhaus meine Handynummer ausliegen. Sollte es etwas geben, kann man mich jederzeit anrufen.

Sind Sie insgesamt zufrieden mit der Beteiligung der Anwohner an Ihrer Arbeit oder Ihrer Politik?

Sicherlich haben wir nicht jeden hundertprozentig überzeugen können. Es gibt Menschen, die haben durchaus eine ablehnende Haltung gegenüber unseren neuen Einwohnern. Aber es ist nicht der Fall, dass wir hier irgendwelche fremdenfeindlichen oder rechtsradikalen Schmähungen haben. Der überwiegende Teil fühlt sich nicht bedroht durch die neuen Einwohnerinnen und Einwohner.

Gab es von politischer Seite auch mal Kritik, dass die Flüchtlinge bei Ihnen einen zu hohen Stellenwert haben und nicht wie normale Einwohner behandelt werden sollten?

Es ist das aktuell sehr bestimmende Thema und wir geben natürlich auch viel Geld für die Unterbringung aus. Und da kommt es durchaus vor, dass aus Parteien oder aus der Bevölkerung der Reflex kommt, dass Maßnahmen gegengerechnet werden. Dann heißt es: für die Flüchtlinge gebt ihr so und so viel Geld aus, aber den Roderbruchmarkt lasst ihr verfallen. Und da muss man sachlich diskutieren, warum man das nicht miteinander vergleichen kann.

Was auch immer wieder ein Thema ist – auch hier in Hannover – ist die Verteilung von Flüchtlingen. Gibt es da auch in der Bevölkerung Stimmen, die sagen: Unser Bezirk wird benachteiligt?

Da gibt es natürlich Kritik an meiner Haltung. Wir haben momentan 4000 Flüchtlinge in Hannover, davon 800 in Buchholz-Kleefeld. Buchholz-Kleefeld ist einer von 13 Stadtbezirken. Ich stelle mich jetzt aber nicht hin und sage, es ist genug, jetzt müssen die anderen Stadtbezirke drankommen. Wir haben neun weitere Standorte in der Vorbereitung, das ist selbstverständlich gut und richtig. Aber ich sehe das so, dass wir eine gesamtstädtische Aufgabe zu leisten haben und in Buchholz-Kleefeld gibt es nun mal Flächen, die man bebauen kann. In einem Gebiet wie Vahrenwald, wo will man da etwas Neues bauen? Die Menschen sind uns nun mal zugewiesen und wir haben uns um sie zu kümmern. Und wenn dann Buchholz-Kleefeld einen größeren Beitrag zur gesamtstädtischen Verantwortung leistet, dann kriegen wir das auch hin. Das habe ich schon formuliert, bevor Kanzlerin Merkel mit ihrer berühmten Aussage „Wir schaffen das“ an die Öffentlichkeit trat.

Noch eine abschließende, persönliche Frage. Was war für Sie der emotionalste Moment in einer Begegnung mit einem Flüchtling?

Ich möchte drei Beispiele anführen. Zu Beginn des vergangenen Jahres war es herzerwärmend, als die kleinen Kinder mit strahlenden Augen die Willkommenspakete entgegengenommen haben. Beim Spätsommerfest dann kam ein kleines schwarzafrikanisches Mädchen und  tippte mein Knie an. Wir beide wussten, wir können uns nicht verstehen. Sie tippte mit beiden Fingern auf meine Schulter und ich wusste, sie will „Huckepack“. Und dann bin ich mit ihr durch die gesamte Grünanlage gelaufen, ihr kleiner Bruder kam noch dazu – ein wundervolles Erlebnis. Das dritte Ereignis war in der Sankt-Martins-Woche, wir hatten ein Treffen vom Willkommensnetzwerk. Draußen lief einer der neuen Einwohner vorbei und sah uns. Wir hatten nichts zu trinken – und das konnte er nicht verkraften. Er ist dann auf sein Zimmer gegangen, hat sein einziges Glas geholt, eine Flasche Wasser und vier Mandarinen und hat mit uns geteilt. Das ist meine persönliche Sankt-Martins-Geschichte.

von Tobias Kurz

[ssba]