„Ich möchte nicht sterben!“

Brrrrr, brrrrr. Daniel verstellt das Kopfteil seines Bettes. Er möchte es gemütlich haben, die kleine Nadel in seinem Arm nicht mehr so spüren. „Wenn ich schon im Krankenhaus sein muss, will ich wenigstens bequem liegen“, fordert der kleine Junge entschlossen. Sein verschmitztes Lächeln lässt die Blässe in seinem Gesicht für einen Moment verschwinden.

Der 13-jährige Daniel ist an Lymphdrüsenkrebs erkrankt. Er liegt in einem Krankenbett auf der Kinder- und Jugendstation der Medizinischen Hochschule Hannover. Die graue Bettdecke aus Baumwolle umhüllt seinen zierlichen Körper beinahe komplett. Nur der linke Arm schaut noch heraus. Die Injektionsnadel in seiner Vene führt über einen dünnen Schlauch bis hin zu dem beutelförmigen Infusionstropf, der am hinteren Bettende steht.

Dem Jungen werden intravenös über Infusionen Medikamente und Elektrolytlösungen verabreicht. „Ich mag die Infusionen nicht. Mein Arm fühlt sich kalt an, manchmal spüre ich auch ein leichtes Brennen im Arm. Ständig bleibe ich irgendwo hängen oder stolpere über den fahrbaren Tropf“, beschwert sich Daniel. Er verzieht das Gesicht, verdreht die Augen. Der Junge schaut zu seiner Mutter, die links neben dem Krankenbett auf einem Stuhl sitzt.

„Hab‘ dich doch nicht so Daniel. Du weißt doch, wie wichtig das ist. Du möchtest doch auch so schnell wie möglich wieder gesund werden“, entgegnet seine Mutter Bettina. Sie legt ihre Hände beschützend auf seinen Bauch.

Normalerweise wäre Daniel in diesem Moment seine Mutter peinlich. Doch niemand kann die gemeinsamen Kuscheleinheiten sehen. Denn zurzeit ist er alleine im hellgelb gestrichenen Zweibett-Zimmer.

Bettina hat dunkelbraune, mittellange Locken. Sie reichen ihr genau bis zu den Schultern. Die Tätigkeit als selbstständige Frisörmeisterin gibt der Mutter die Möglichkeit, viel Zeit mit ihrem Sohn zu verbringen. Bis zu acht Stunden am Tag bleibt sie bei Daniel. Gemeinsam spielen die beiden Brettspiele, schauen sich auf dem Laptop Filme an oder schlendern durch das Krankenhaus.

In den letzten sieben Monaten ist die MHH für Daniel zu seinem zweiten Zuhause geworden. „Ich fühle mich hier sicher. Die Menschen akzeptieren mich, sind nett zu mir und lachen mich nicht aus“, freut sich der Junge.

Dass Daniel krank ist, sieht man ihm an. Seinen runden Kopf ziert nur noch ein dünner, dunkler Haarkranz, seine Haut ist aschfahl, sein Körper dünn und schlaff. Seine Laune und Gefühle kann der Junge nicht verstecken, denn dazu fehlt ihm die Kraft. Bettina dagegen versucht, sich das Ganze nicht anmerken zu lassen und ihre wahren Emotionen zu überspielen. Das Make-Up verdeckt die Augenringe. „Natürlich geht das nicht spurlos an mir vorbei. Ich mache mir oft Vorwürfe. Ich frage mich, was ich nur falsch gemacht habe, dass ich und mein Sohn so bestraft werden. Ich weine jeden Abend und bete zu Gott, dass er mein einziges Kind am Leben lässt. Doch sobald ich das Krankenhaus betrete, muss ich stark sein. Stark sein für meinen Daniel. Ich habe keine andere Wahl, ich möchte ihn nicht verlieren“, sagt die Mutter, während ihr Tränen über die Wangen kullern.

Die Diagnose veränderte das Leben der kleinen Familie schlagartig. Vor der Krankheit war Daniel sportlich, aktiv und offen. Er spielte am liebsten Fußball mit seinen Freunden im Garten oder veräppelte die Nachbarn mit Klingelstreichen. Doch als er die schockierende Nachricht vom Arzt bekam, brach für ihn eine Welt zusammen. Sein bisheriges Leben stürzte wie ein Kartenhaus ein.

„Ich weiß noch ganz genau, wie ich auf die Diagnose reagierte. Ich weinte und schrie ‚Ich möchte nicht sterben! Warum ich, warum? Ich bin doch noch ein Kind. Ich will leben!‘“, erinnert sich der Junge.

Dabei war es ein Zufall, dass Daniels Krankheit überhaupt so schnell ans Tageslicht kam. Am Morgen des 3. November 2014 stand Daniel mit seiner Mutter nichtsahnend beim Bäcker um die Ecke. Auf einmal bemerkte sie eine Beule, ungefähr der Größe eines Tennisballs, am Hals ihres Kindes. Die Mutter dachte sich nichts dabei, sie ging von einer allergischen Reaktion aus. Die Familie fuhr zum Hausarzt von Daniel. Dieser schickte die Familie ratlos weiter zum nächstgelegenen Krankenhaus. Doch auch hier konnten die Ärzte dem Jungen nicht weiterhelfen und verwiesen auf die MHH.

Glücklicherweise war der Krebs zu dieser Zeit erst im Anfangsstadium. Die Überlebenschance ist daher relativ hoch. Jedoch kann immer was passieren und dessen muss man sich bewusst sein.

Knapp sieben Monate nach der Diagnose hat der Junge seine Kraft wiedergefunden. Daniel ballt mit seiner linken Hand eine Faust, er zeigt sich kämpferisch und willensstark. Er weiß, dass die Ärzte und seine Familie alles Erdenkliche versuchen, um ihm die Zeit im Krankenhaus so angenehm wie möglich zu gestalten. So sorgt Bettina beispielsweise dafür, dass seine Freunde mindestens dreimal die Woche zu Besuch kommen. „Mein Sohn soll sich nicht allein gelassen fühlen. Der Kontakt zu seinen Freunden ist sehr wichtig, er bringt Normalität in seinen Alltag“, erklärt die Mutter des Jungen.

Daniels Freunde reagierten locker auf die Diagnose. „Wie ist es so im Krankenhaus? Schmeckt das Essen hier? Wann können wir wieder gemeinsam draußen spielen?“, fragten sie den Jungen neugierig.

Dass das Leben im Krankenhaus nicht ansatzweise mit dem vor der Diagnose zu vergleichen ist, musste Daniel schmerzlich feststellen. Tobte er früher wie wild im eigenen Garten herum und spielte leidenschaftlich gern Fußball, so fehlt ihm heute für alles die nötige Kraft und Ausdauer. Fürs Fußballspielen. Für lange Spaziergänge. Fürs Treppensteigen.

Sein Alltag sieht nun anders aus. Daniel wird allerspätestens um 7:30 Uhr unfreiwillig vom lauten Klirren des Geschirrs wach. Gegessen wird das, was auf den Tisch kommt. „Anfangs tat ich mich sehr schwer mit dem Essen. Ich bin von Natur aus sehr mäkelig. Zu Hause durfte ich mir immer aussuchen, was es zum Frühstück, Mittag und Abendbrot gibt. Ich liebe Fischstäbchen, Pommes und Pfannkuchen“, schwärmt der Junge. In seinen Augen ist ein gewisses Funkeln zu sehen.

Neben dem leckeren Essen seiner Mama vermisst Daniel aber vor allem das unbeschwerte Spielen draußen an der frischen Luft. Verstecken oder fangen spielen mit seinen Freunden, nasse Haare vom Regen sowie dreckige Klamotten – auf all‘ das, was ein „normaler“ Junge in seinem Alter liebt, muss er verzichten. Jedes Mal, wenn es lautstark „plopp, plopp, plopp“ an seinem Fenster macht, würde Daniel am liebsten schnurstracks nach draußen in den Regen flitzen und mit seinen roten Gummistiefeln in den Pfützen herumspringen. Doch das geht in seinem körperlichen Zustand nicht. Stattdessen schaut er von seinem Krankenbett nach draußen. Er beobachtet wehmütig die Menschen. „Ich wünsche mir dieses Gefühl von Freiheit so sehr. Ich hoffe immer, dass draußen irgendetwas Spannendes passiert. Denn hier in meinem Zimmer ist mir oft langweilig“, stellt der Junge traurig fest. „Oaaaah“. Er gähnt.

Aus diesem Grund freuen sich Daniel und seine Mutter schon sehr auf die Zeit und das Leben nach der Krankheit: „Klar habe ich Panik vor den Reaktionen der anderen Menschen. Vielleicht sehen sie meinen Sohn und lachen ihn aus, weil er keine Haare hat. Davor habe ich extrem Angst. Es würde mir das Herz zerreißen. Aber auch diese Zeiten werden wir als Mutter-Sohn-Team meistern. Der Krebs hat uns noch näher zusammengebracht. Wir lernen Tag für Tag das Leben mehr wertzuschätzen. Die gemeinsame Zeit ist kostbar, nicht selbstverständlich. Es ändert sich viel, wenn das Leben eines geliebten Menschen auf einmal am seidenen Faden hängt“, sagt Mutter Bettina und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht.

„Ich möchte einfach so schnell wie möglich nach Hause zu meiner Mama, in meinem Bett schlafen und Pfannkuchen essen“, wünscht sich Daniel und spielt wieder an seinem Bett herum: Brrrrr, brrrrr.

Von Hans Cramer

Foto: Lara Sagen

[ssba]