„Ich habe zwei Heimaten- deshalb aber auch kein Zuhause“

Zwischen zwei Welten aufwachsen – eine Bereicherung oder eine Last? Slava Miller war noch ein Kind, als seine Familie Russland verließ und nach Deutschland kam. Trotzdem sehnt er sich oft nach seinen Wurzeln.

In Slavas großem, modern eingerichtetem Zimmer erinnert nichts an seine russische Heimat. Er wurde im sibirischen Omsk geboren. Als er vier Jahre alt war, verließen seine Eltern das nach dem Ende der UdSSR politisch und wirtschaftlich geschwächte Russland und kamen nach Hannover. Vor kurzem konnte die Familie sich den Traum vom eigenen Haus erfüllen.

Trotz des Wohlstands, den seine Eltern hier erreicht haben, vermisst der 18-jährige Student seine Wurzeln in Russland. Auf die Frage, wo er sich zu Hause fühlt, runzelt er nachdenklich die Stirn. Schließlich antwortet er: „Ich besitze eigentlich zwei Heimaten, deshalb aber auch kein richtiges Zuhause.“ Er lacht. „In Russland bedeutet Heimat nur für mich, bei meiner Familie zu sein. Die Stadt an sich oder die Landschaft hat für mich keine besondere Bedeutung.“ Auch die Kultur seines Heimatlandes fehle ihm hier nicht. Die Familie spricht zu Hause meistens ihre Muttersprache und auch die russische Kultur wird bewahrt: „Dadurch vermisse ich diese Werte auch nicht.“ Trotzdem fehle ihm manchmal die russische Mentalität, erzählt Slava: „Ich vermisse die Offenheit und Hilfsbereitschaft der Russen. Hier sind die Menschen oft verschlossen.“

Mutter Julia Miller (41) kann sein Heimweh nur begrenzt nachvollziehen: „Slava ist in diesem Punkt wirklich naiv“, verrät sie. Er erkenne nicht, dass Tourismus und Migration zwei verschiedene Dinge seien: „Spätestens wenn ihn der Alltag dann einholen würde, würde er erkennen, dass es etwas anderes ist, eine Stadt nur zu besuchen oder dorthin zu ziehen.“ Wenn Slava in den großen Ferien nach Russland fahre, bekäme er nur die schönen Seiten des Landes vor Augen geführt, ein unrealistischer Abdruck des alltäglichen Lebens. In Russland könne man abends nicht auf die Straße gehen, ohne dass es gefährlich sei, erzählt sie. Auch die schlechte Infrastruktur sei ein großes Problem: „Diese Sicherheit in Deutschland war einer der Hauptgründe, warum wir damals hergekommen sind.“

In dem 18-Jährigen wächst dennoch der Wunsch, wieder zurück zu gehen. Doch ihm ist klar: „Meine Eltern sind hier nach Deutschland gekommen, um mir ein besseres Leben zu ermöglichen. Würde ich zurückgehen, wären ihre ganzen Anstrengungen umsonst gewesen.“

Von Svenja Pilger

Foto: Julia Schäfer

[ssba]