„Ich fühl mich da noch nicht heimisch“  

Er war bereits dreimal in den Top 10 der deutschen Albumcharts und steht bei „Banger Musik“, einem der erfolgreichsten HipHop-Labels des Landes, geführt von Farid Bang (29), unter Vertrag. In der Brust des deutsch-türkischen Rapstars Summer Cem (32) schlagen zwei Herzen – und doch sorgt sein Job bisweilen für ein Gefühl der Heimatlosigkeit. 

Summer, du erwähnst in deinen Texten häufig, dass du aus Rheydt in Mönchengladbach kommst – allerdings nicht immer positiv. In deinem Song „#teamsummer“ heißt es: „Wär‘ meine Family nicht hier, würd‘ ich zehnmal auf die Stadt scheißen“. Trotzdem lebst du nach wie vor in Rheydt. Bist du ein Lokalpatriot?

Teils, teils. Ich bin meiner Stadt treu geblieben, obwohl ich schon oft hätte wegziehen können und das in manchen Momenten sicher schlauer gewesen wäre. Jedoch bin ich nicht auf ewig festgefahren. Abgesehen davon würde ich mich gekränkt fühlen, wenn du so abfällig über meine Stadt reden würdest. Wenn ich mich aber mit einem Rheydter über Rheydt unterhalte, spricht der vermutlich genauso darüber wie ich. Ich stehe für Rheydt, aber ich kann keine Märchen erzählen, dass das voll die super Stadt ist. Mit dem Alter realisiert man mehr, was für negative Sachen es hier gibt. Es ist einfach ’ne Pennerstadt, ’ne Nichtgönnerstadt. Etwas hängengeblieben und konservativ. Unter’m Strich verbindet mich eine Art Hassliebe mit Rheydt.

Wie sehr brauchst du deine Heimatstadt, um dich für die Musik inspirieren zu lassen?

Ich denke, mein Sound hätte sich nicht so entwickelt, wenn ich nicht hier gewesen wäre. Mit den Jahren habe ich aber meinen eigenen Stil gefunden und bin mittlerweile auf einem sehr professionellen Level. Für mein neues Album fanden zwar viele Aufnahmen in Barcelona statt, aber es ist ja immer noch der Rheydter, der in Barcelona ist.

Quelle:BangerChannel

„Ich bin überall, doch fühl mich nirgendwo zu Hause“, eine Zeile deines Labelkollegens KC Rebell. Du bist ebenfalls viel unterwegs, spielst Clubshows und hast bundesweit Termine – kannst du diese Zeile nachvollziehen?

Voll und ganz. Die Zeile ist übertrieben real. Wenn ich vier Nächte hintereinander in einer anderen Stadt war, wünsche ich mir mein eigenes Bett zurück. Außerdem bin ich jetzt innerhalb von Gladbach umgezogen. Ich fühl mich da noch nicht heimisch, weil ich kaum Zeit hatte, mal zwei Wochen am Stück dort zu verbringen. Man ist ständig unterwegs und kommt nicht dazu.

„Heimat ist, wo dein Herz ist“ – Stimmst du diesem Spruch zu? Wenn ja, betrifft das bei dir eher Deutschland oder dein Herkunftsland, die Türkei?

Wo mein Herz ist, das bedeutet für mich, wo meine Familie ist, wo ich meine Wurzeln schlage. Das hat gar nicht viel mit irgendeiner Stadt zu tun. Ich habe sowohl in Deutschland als auch in der Türkei Familie und würde mich diesbezüglich nicht entscheiden wollen. Die Türkei liebe ich wahrscheinlich instinktiv, weil es in meinen Genen ist, und Deutschland, weil ich wirklich hier lebe.

Du hast gelegentlich erwähnt, dass du irgendwann endgültig in die Türkei gehen möchtest. Kann man sagen, dass du unter chronischem Heimweh leidest?

Ich kann dir so viel sagen: Es kam schon mal vor, dass ich nur für drei, vier Tage im Jahr in der Türkei war. Dann fehlte mir etwas am Jahresende, das habe ich gespürt. Wobei ich das nicht dramatisieren möchte. Ich bin mir sicher, dass ich als Deutscher in der Türkei in meinem momentanen Alter wenig zurechtkommen würde, weil es ein ganz anderer Lebensstil ist. Wenn ich irgendwann mal da bin, dann möchte ich durch sein mit allem und nicht mehr meinem Geld hinterherlaufen müssen. Doch das ist Zukunftsmusik. Es gibt noch genug Dinge, die ich in Deutschland realisieren muss, damit ich den Schritt in die Türkei machen könnte.

Was schätzt du an Deutschland und was an der Türkei?

An Deutschland gefällt mir das Geregelte und dass viele Dinge sehr diszipliniert sind. Wie eine Art Konstante, die man im Leben hat. Das ist wiederum, was ich an der Türkei liebe: die Unordnung, dass man spontaner ist. Hier in Deutschland ist es fast ein Event, wenn man abends ausgeht. In der Türkei hingegen ist das Standard. Sonntags wirst du niemanden zu Hause sehen. Alle sind draußen, alle sind am Konsumieren und man braucht nicht unbedingt viel Geld dafür. Die Leute machen sich auch selbst weniger Druck, sind gechillter. Das ist zumindest mein Eindruck. Ich habe aber nicht das ganz richtige Bild von der Türkei, weil ich auch nur zum Entspannen dahin fahre. Wahrscheinlich sieht der Alltag anders aus. Für mich ist die Zeit dort ein guter Ausgleich und was ich liebe, ist die Küche. Das ist für mich die beste Küche, das ist ein Gefühl von Heimat.

Vielen Dank für das Gespräch!

Von Jonas Lindemann

Foto: Lara Sagen

[ssba]