Kein Bedarf an „höher-schneller-weiter“

Annika Dickel ist Musicaldarstellerin und Gründungsmitglied der Musical Company des Theater für Niedersachsens (TfN). Im Interview spricht sie über den Alltag eines Künstlers an einem Drei-Sparten-Haus und über den Wiedereinstieg nach einem Bühnenunfall.

Seit sieben Jahren bist du jetzt am Theater für Niedersachsen (TfN) Teil der festen Musical Company. Bist du zufrieden oder möchtest du in eine größere Produktion einsteigen?

Ich bin grundsätzlich sehr zufrieden, weil ich mich hier künstlerisch in ganz unterschiedliche Richtungen entwickeln kann. Ich bin gar nicht hinter diesem „höher-schneller-weiter“ her, größeres Haus, größere Stadt. Ich finde das sehr legitim, wenn man sich das wünscht, aber für mich ist es wichtiger, mich kontinuierlich weiterzuentwickeln. Das wäre bei einer Großproduktion, wo man ein Jahr lang nur eine Rolle spielt, für mich wahrscheinlich eher schwierig.

 

Gibt es überhaupt einen normalen Alltag in deinem Beruf oder kannst du diesen eigentlich gar nicht planen?

Bei uns hier am TfN ist Planung durch das spezielle Konzept schon sehr schwierig. Wir arbeiten sehr viel- dadurch, dass wir mindestens fünf Produktionen pro Jahr machen, haben wir sehr wenig Freizeit. Eigentlich kann man nur von Tag zu Tag planen. Das, was heute auf dem Probenplan steht, gilt für morgen. Vielleicht hat man mal zwei Stunden eher frei, aber wahrscheinlich nicht.

Also ist es schwer, den Kontakt zu Menschen mit „normalen“ Jobs zu halten?

Absolut, das beste Beispiel ist eine sehr enge Freundin von mir, die einen klassischen Bürojob hat. Wenn ich nachmittags frei habe, arbeitet sie, wenn sie Feierabend hat, arbeite ich und wenn ich Feierabend habe, dann schläft sie schon. Selbst telefonieren ist nicht so leicht, man muss sich immer gut verabreden. Aber wenn man das will, kann man Kontakte  halten.

Reicht das Gehalt, um über die Runden zu kommen?

Dadurch, dass wir hier ein festes Engagement haben, haben wir auch ein festes Gehalt. Das ist wirklich nicht üppig, aber in Ordnung. Man kann davon leben, was natürlich immer auf den Lebensstandart ankommt. Als freiberuflicher Künstler hat man es dagegen sehr schwer. Eine Kollegin von mir spielt gerade an einem renommierten Haus eine recht große Rolle. Sie kann eigentlich nicht davon leben, weil die Fahrtkosten das Gehalt schon wieder auffressen.

Befindest du dich als Musicaldarstellerin in einem ständigen Prozess?

Für mich im Idealfall schon. Ich fürchte, dass es in der Szene Kollegen gibt, die immer für den gleichen Typ besetzt werden, was auch alles in Ordnung ist. Aber ich finde es sehr  wichtig, dass man sich weiterentwickelt. Ich finde es sehr schön, Rollen zu spielen, die ganz anders sind als man selbst, und durch die man verschiedene Facetten an sich herausarbeiten kann.

Generell hat jeder von uns verschiedene Schwerpunkte, ich zum Beispiel komme eher vom Tanz. Das heißt, dass ich stets am Gesang arbeiten muss, ich nehme immer noch Unterricht.

Machst du dir häufig Gedanken über den Konkurrenzdruck in der Branche?

Ich persönlich habe es aus irgendeinem Grund immer geschafft, mir Nischen zu schaffen. Ich glaube, dass ich in der Musicallandschaft eher ein spezieller Typ bin. Ich bin nicht die klassische schöne Hauptrollen-Blondine, sondern werde eher auf Charakterrollen besetzt. Das finde ich aber sehr schön! Deshalb habe ich persönlich recht wenig Konkurrenzdruck empfunden, gerade hier im Ensemble nicht, weil ich mein eigenes künstlerisches Profil entwickeln konnte. Grundsätzlich ist das aber ein Thema, ganz klar. Der Markt ist sehr eng, gerade für Frauen, denn es gibt wenige Frauenrollen, und viel mehr Darstellerinnen als Männer. Gerade wenn man freiberuflich arbeitet, kann das auf die Dauer sehr belastend sein, wenn man immer wieder zu Castings läuft und immer wieder Absagen erhält.

Im April hattest du einen schweren Bühnenunfall und zogst dir während eines Tanzabends einen Kreuzbandriss zu. Wie verlief der Wiedereinstieg?

Ich habe tatsächlich relativ schnell, nach acht Wochen, wieder auf der Bühne gestanden, allerdings mit einer reinen Schauspielrolle. Ich hatte gerade die Krücken los und konnte eigentlich noch nicht richtig arbeiten. Ich konnte zum Beispiel keine Treppen steigen, doch ich musste eine Treppe steigen. Das war schon nicht ganz ohne! Aber für mich war es wichtig, gleich weiterzumachen. Dann habe ich die Gelegenheit vom Haus bekommen, die Choreografie bei „Hair“ zu machen und selber nicht auf der Bühne zu stehen, was für mich ganz toll war. Ich konnte arbeiten und mir fiel zuhause nicht die Decke auf den Kopf. Tatsächlich bin ich aber immer noch krank geschrieben, seit fast neun Monaten.

Hat dieser Unfall den Blick auf deinen Beruf verändert?

Tatsächlich ja. Ich hatte das Glück, dass ich mich in der Vergangenheit nie verletzt habe, zumindest nicht ernsthaft. Tatsächlich kann ich jetzt sagen, so absurd wie das vielleicht klingt: dieser Unfall hat auch Gutes mit sich gebracht. Ich habe gemerkt, dass ich viel zu viel gemacht habe, und dass man sehr gut auf sich und seinen Körper aufpassen muss. Ich liebe es, zu arbeiten, und hier noch ein Projekt und da noch ein Projekt zu machen, aber jetzt hab ich mal diese Zwangspause gehabt. Es war gut, weil ich mal runtergekommen bin. Ich habe insofern einen anderen Blick auf den Beruf bekommen, als dass ich gemerkt habe, dass der Job auch nicht immer alles ist. Dass es auch wichtig ist, sich über andere Dinge zu identifizieren.

Hast du vor, den Beruf der Musicaldarstellerin so lange wie möglich weiterzumachen oder hast du dir noch andere Ziele gesetzt?

Dadurch, dass ich recht breit gefächert bin habe ich immer Ausweichmöglichkeiten. Ich könnte theoretisch von heute auf morgen aufhören und unterrichten, meine Zirkussachen machen oder Tanzunterricht geben. Das ist sehr beruhigend, etwas in der Hinterhand zu haben. Nichtsdestotrotz liebe ich die Bühne und möchte auf jeden Fall weitermachen und weiterkommen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass ich mich im Laufe der Zeit mehr auf den Bereich Choreographie konzentriere, was natürlich auch gerade später, wenn man dann vielleicht nicht mehr so beweglich ist, gut ist. Auch reines Schauspiel interessiert mich sehr stark. Das war ja damals der eigentliche Impuls, auf die Bühne zu gehen.

Zukunftsangst hast du also generell nicht?

Tatsächlich nicht. Irgendwie bin ich so gnadenlos optimistisch, dass ich denke, irgendwie kommt schon eh immer alles so, wie es soll und wenn man eine positive Einstellung zum Leben hat, kann gar nicht viel schiefgehen. (lacht)

von Katharina Brecht

 Foto: Lara Sagen

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