Helfer am Rande des Gleises

Frau Reisen schaut zur Tür. Dort warten vier Personen darauf, dass die Bahnhofsmission in Bremen ihre Türen öffnet. Vor allem Bedürftige oder Reisende sind hier zu Gast. Ein schneller Blick auf die Uhr. Es ist schon kurz nach acht. Langsam läuft sie zur Tür, schließt auf und lässt die Leute herein.

Die blaue Weste der Bahnhofsmission ist ihr etwas zu groß und wippt bei jedem Schritt mit. Viele müde Augen schauen sie an. „Morgen“ flüstert einer der Vier mit kratziger Stimme. Frau Reisen entgegnet lächelnd: „Guten Morgen!“ Er trägt zwei große, bis oben hin gefüllte blaue Säcke mit sich herum. Seine Haare sind zerzaust und seine Kleidung ist schmutzig. Langsam geht er zu einem der drei Tische, nimmt sich eine Zeitung und fängt an zu lesen.

Hinter dem Tresen steht Frau Reisen und wartet darauf, dass sich der Erste einen Kaffee, heißen Tee, oder kalten Früchtetee holt. Ihr Kollege Hauke Hirsinger hat schon ein paar Tassen bereitgestellt. Auf jeder Untertasse liegt ein kleiner Keks. „Einen Kaffee mit zwei Zucker und `n bisschen Milch“, wünscht ein stämmiger Mann mit stark geröteter Gesichtshaut. Ein leichter Alkoholgeruch strömt ihr entgegen. „Ihr Name?“, fragt die Mitarbeiterin der Bahnhofsmission. „Rafael, Herr Rafael“, antwortet er. Sie notiert seinen Namen auf der Liste der Tagesgäste. „Pro Person ist die Anzahl der Getränke auf eine Tasse Kaffee und zwei Tassen Tee begrenzt, die Aufenthaltszeit auf 30 Minuten. Deshalb schreiben wir uns die Namen der Gäste jeden Tag auf“, sagt Frau Reisen. Sie ist Rentnerin und arbeitet einmal in der Woche ehrenamtlich hier. „Ich wollte noch irgendwas machen, auch wenn ich schon in Rente bin. Die Bahnhofsmission ist `ne gute Möglichkeit dafür.“ Lächelnd stellt sie den Kaffee auf den Tresen. Herr Rafael hebt die Untertasse mit zitternden Fingern und geht in Richtung der Tische.

„Dülü, dülü“, das Telefon klingelt. Frau Reisen ist gerade damit beschäftigt, neuen Gästen Tee und Kaffee einzuschenken. Ihr Kollege Hauke Hirsinger übernimmt und sie geht zum Telefon. Nach einem kurzen Gespräch widmet sie sich einer Liste, auf der festgehalten wird, welcher Gruppe die Gäste angehören. ‚Psychisch Kranke‘, ‚Drogenabhängige‘, ‚Alkoholabhängige‘, ‚ausländische Bedürftige‘ sind die Kategorien, bei denen sich am meisten Striche zählen lassen. Normale ‚Reisende‘ sind eher seltener. Während sie noch konzentriert die Liste studiert, steht vor dem Tresen der Mann mit der geröteten Gesichtshaut, Herr Rafael. Er ist in der Kategorie ‚Alkoholabhängige‘ untergebracht. „Wir machen das aber eher nach Gefühl, viele erzählen nichts über sich“, sagt sie. Fragend schaut sie zu dem Mann auf. „Kann ich mal eben Mutti anrufen, dass sie herkommt?“, fragt Herr Rafael. „Ja, wenn es nicht zu lange dauert. Private Gespräche sind eigentlich nicht erlaubt, wir machen aber mal ´ne Ausnahme“, sagt Frau Reisen und gibt ihm das Telefon. Mit zitternden Fingern tippt er die Nummer ein. Gespannt wartet er. Nach ein paar Sekunden legt er auf. „Niemand da“, sagt er leise und legt das Telefon auf den Tisch zurück. Seine Augen sind jetzt rot und wässerig. Mit schlurfenden Schritten verlässt er den Raum.

Im nächsten Moment kommt eine junge Frau aufgeregt in die Räume gelaufen. „Ich habe nicht viel Zeit. Da liegt oben am Bahnsteig ein Betrunkener. Ich hab` ihn angesprochen, aber er hat nichts gesagt“, erklärt die Frau und wirbelt mit den Armen in der Luft herum. Die anwesenden Gäste schauen die Frau aufmerksam an. Eine Tür, die bisher geschlossen war öffnet sich und eine braunhaarige Frau in einem ockerfarbenen Stoffkleid kommt heraus. Sie ist die Leitung der Bahnhofsmission in Bremen, Frau Eilers. In ihrem Büro hat sie bereits mitgehört und fragt noch einmal, wo genau er liegt. „Am Straßenbahngleis auf ´ner Bank. Ich dachte sie können vielleicht ´nen Krankenwagen rufen“, sagt sie und geht schnellen Schrittes wieder.

„Frau Reisen? Gehen Sie bitte zum Gleis und schauen Sie wie es dem Mann geht. Und nehmen Sie besser Handschuhe mit“, beauftragt Frau Eilers Frau Reisen. Die Leitung holt aus einer Schublade neben dem Tresen ein Paar Handschuhe und gibt sie Frau Reisen. Dann geht sie wieder in ihr Büro.

Halb sitzend, halb liegend, findet die gerade ans Gleis Beorderte den betrunkenen Mann auf. Er hat ein aufgequollenes, rotes Gesicht. Die Augen sind nur zur Hälfte geöffnet und in die Ferne gerichtet. Seine Zunge hängt regungslos heraus und Speichel läuft ihm aus dem Mund. Die Kleidung ist schmutzig, seine Hose nass und die Schuhe sind ihm zu klein. Oben sind sie aufgeplatzt, weil die Füße für die Pantoletten zu dick sind. Neben der Bank lehnt ein Gehstock. Auf dem Boden liegt eine zerbrochene und ausgelaufene Bierflasche. Es riecht nach einem Gemisch aus Erbrochenem und Alkohol. „Kann ich ihnen helfen? Soll ich einen Krankenwagen rufen?“, fragt Frau Reisen vorsichtig. Sie bekommt ein undeutliches „Nein“ als Antwort. Dann schiebt sie ihre Hand in eine der großen Taschen von der blauen Weste der Bahnhofsmission. Ein weißer Handschuh kommt zum Vorschein. Sie stülpt ihn über, stupst den Betrunkenen damit an und wiederholt ihre Fragen. Diesmal kommt ein deutlicheres und lauteres „Nein“ als Antwort. „Dann kann man wohl nichts machen. Wenn jemand noch ansatzweise seinen eigenen Willen hat, muss man ihn in Ruhe lassen. Katharina, unsere Freiwilligendienstleistende, wüsste seinen Namen. Die ist jeden Tag da, aber ich kenne ihn noch nicht“, erklärt Frau Reisen und lässt ihn in Ruhe.

Zurück in der Bahnhofsmission schmeißt sie die weißen Handschuhe in den Mülleimer. Danach holt sie hinter dem Tresen ein Desinfektionsspray hervor. „Wir benutzen das immer, wenn wir jemanden angefasst haben. Auch nachdem wir die schmutzigen Tassen weggeräumt haben oder wenn jemand telefoniert hat, desinfizieren wir das Telefon. So gut kennen wir unsere Gäste ja auch nicht“, erklärt sie und sprüht damit großzügig ihre Hände ein. Frau Reisen hält sie in die Luft und lässt sie trocknen.

An einem der drei Tische sitzt schon seit einer Weile ein junger Mann mit kurzen braunen Haaren. Er trägt ein sportliches T-Shirt, eine knielange Jogginghose und Sportschuhe. Er starrt auf seine linke Hand. Um den Daumen ist ein Verband gewickelt, der braun ist vom Dreck und anderen äußeren Einflüssen. „Hallo, ich habe gehört Sie warten auf mich?“, eine Frau mittleren Alters in einem gelben Mantel holt ihn aus seiner Starre. Eine ehrenamtliche Ärztin, die sich immer mittwochs um Bedürftige mit Verletzungen kümmert. „Ja, der Verband muss erneuert werden“, sagt der Verletzte. Frau Reisen kommt hinzu und fragt ihn, was passiert ist. „Ich hatte ´nen Bienenstich am Daumen. Der war direkt an meinem Ring und jetzt ist das so angeschwollen, dass der Ring in meinen Finger eingewachsen ist“, erklärt der junge Mann. Die Ärztin nimmt langsam den schmutzigen Verband ab. Hervor kommt ein Finger, der in der Mitte eine Schwellung hat, die mehr als doppelt so dick ist, wie ein normaler Daumen. Um den Ring herum ist eine große offene Wunde zu sehen, die an manchen Stellen rot, an manchen grünlich ist. Frau Reisen verzieht das Gesicht und schaut weg. „Der Finger ist wahrscheinlich nicht mehr zu retten. Sie hätten direkt ihren Ring abknipsen müssen. Ich denke, dass nicht mal das jetzt noch was bringen würde“, sagt die Ärztin und verteilt etwas Creme auf dem Finger. Der junge Mann guckt sie nur mit entsetztem Gesichtsausdruck an, sagt aber nichts. Sie verbindet den Finger mit einem neuen dicken weißen Verband und wünscht ihm eine gute Besserung. Er geht wieder hinaus ins Bahnhofsgebäude.

Auch Frau Reisen sagt nicht viel dazu. „Was ich hier alles erleb`, das glaubt mir ja keiner. Und da kann man selber auch nichtmehr viel helfen“, sagt sie zu der Ärztin und wirft einen Blick zum Geschirrwagen vor dem Tresen. Dort stapeln sich benutzte Tassen und Gläser. „Um die Mittagszeit ist nichtmehr viel los, da sind die alle irgendwo frühstücken. Das gibt’s immer so spät. Wir räumen dann ein bisschen auf“, erklärt sie und steht auf.

Von Marie Röthlingshöfer

Foto: Pixabay

[ssba]