Heimat nach dem Heim

Wenn du dein Zimmer nicht aufräumst, kommst du ins Heim“ – drohende Eltern malen das Kinderheim als ein trostloses, altes Gemäuer, in dem strenge Regeln herrschen. Wie ist es tatsächlich, im Heim aufzuwachsen? Und wie ist das Leben danach? Lennart, 19 Jahre aus Hannover, spricht über seine Erfahrungen.

Bis er zehn Jahre alt ist, wächst Lennart behütet in einer intakten Familie auf. Doch dann der Schlag: Seine Eltern trennen sich. Lennart kommt ins Heim. Alles ändert sich.

Im Heim hat Lennart, wie jedes Kind, sein eigenes Zimmer. Es gibt einen Gemeinschaftsraum, Waschräume, eine große Küche – und Regeln: Feste Essenszeiten, Hausaufgabenstunde am Nachmittag, abends ist um 22 Uhr Nachtruhe. Ein kleines Taschengeld gibt es einmal pro Woche. Das müssen sich die Kinder allerdings selbst für Kleidung und Freizeit einteilen.

An Feiertagen machen alle zusammen Ausflüge oder gehen gemeinsam essen. „Ostern sind wir mal alle in den Heidepark gefahren, das war super“, berichtet Lennart. Auch zu Weihnachten wurde alles geschmückt. „Wer wollte, konnte in die Kirche gehen, es gab Plätzchen, Spiele wurden gespielt und es gab eine kleine Bescherung. Wie in einer ganz normalen Familie.“

An seine Geburtstage im Kinderheim erinnert sich Lennart besonders gerne: „Jedes Kind darf einen Wunschzettel schreiben. Und wenn du Glück hast, bekommst du das dann auch“. Nachmittags lud Lennart dann Freunde aus der Schule zu Kaffee und Kuchen ein. „Und abends durfte ich mir dann mein Lieblingsessen wünschen“.

Das einzige Tabuthema im Heim ist Alkohol. „Außer an Silvester“, lacht Lennart, „da durften die Älteren mal ein Glas Sekt probieren“.

Mit 16 Jahren zieht Lennart in eine kleine Wohngemeinschaft auf dem Heimgelände. Von nun an darf er für sich selbst einkaufen und kochen. „So wird man Stück für Stück an die Selbstständigkeit herangeführt“. Alleingelassen habe er sich hier nie gefühlt, denn es gab immer einen Ansprechpartner, der ihm beratend zur Seite stand.

Heute ist Lennart 19 Jahre alt und lebt nicht mehr im Heim. Mit 18 zog Lennart Jahren in eine eigene Wohnung – wie die meisten volljährigen Heimbewohner. „Ich sehe das Heim nicht als meine Heimat an, denn Heimat bedeutet für mich Familie und die habe ich ja. Für mich ist das Heim mein Zuhause auf Zeit“, resümiert Lennart. „Ich habe viele Erfahrungen gemacht. Nicht alle waren positiv. Aber die Zeit im Heim ist ein Teil meines Lebens, der sehr interessant war, der mich vieles gelehrt hat und ohne den ich jetzt nicht der wäre, der ich bin“.

Von Nicole Schweitzer

Foto: Leonie Herzfeldt

[ssba]