„Heimat ist sicherlich mehr als ein Fußballverein“

Sebastian Kurbach (38), ist Archivar bei Hannover 96 und spricht mit uns über Identifikation durch und mit Hannover 96.

Sie sind festangestellter Archivar bei Hannover 96. Was macht gerade die Geschichte des Klubs so interessant für Sie?

Die Geschichte ist das Einzige an einem Unternehmen oder an einem Verein, das man nicht nachmachen kann. Der VfL Wolfsburg, Werder Bremen oder andere Konkurrenten könnten uns Spieler wegkaufen, könnten uns theoretisch auch Vorstände wegkaufen, aber die Geschichte lässt sich nicht nachahmen. Geschichte vermittelt Identität und ein Heimatgefühl, gerade in der globalisierten Welt.

Wie definieren Sie für sich persönlich „Heimat“?

Heimat und Identität sind Begriffe, zu denen sind ganze Bibliotheken geschrieben worden, weil sie ja per se erstmal hochproblematisch sind. Man denke bspw. an die Pegida-Bewegung, die versucht, solche Themen wie Identität und Heimat für sich zu reklamieren und damit gleichzeitig andere auszuschließen. Und wenn wir bei 96 von Identität sprechen, meinen wir damit eben, dass wir andere nicht ausschließen, sondern dass wir sie willkommen heißen und in die Gemeinschaft integrieren, wenn sie das möchten. Wir als Hannover 96 haben eine soziale Verantwortung für Hannover und die Region, und da gehört es auch dazu, den sozialen Frieden, wo es notwendig ist, zu sichern. Ich denke, da kann Hannover 96 sehr stark und sehr kraftvoll integrativ wirken.

Inwiefern kann ein Fußballklub Heimatgefühle vermitteln?

Heimat ist sicherlich mehr als ein Fußballverein, das muss man ganz klar sagen. Auf der anderen Seite ist Hannover 96 das Aushängeschild Hannovers. Es ist zu beobachten, dass seit ein paar Jahren – durchaus wachsend – die Bedeutung eines Fußballvereins für das Image einer Stadt zunimmt. Der Fußballverein nimmt eine stärkere Rolle bei der Frage der Identifikation ein, aber es darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es eben noch weitere Formen von Heimat und von Identifikation gibt.

Von Kerstin Hess

Foto: Lars Mund

[ssba]