Gruppe B – Geheimfavorit setzt auf Pressing – Der große WM-Check

Favoriten und Underdogs – in kaum einer anderen Gruppe sind die Rollen so klar verteilt wie in Gruppe B.  So sind sich viele Fußball-Experten sicher, dass mit dem Aufeinandertreffen zwischen Spanien und der Niederlande bereits heute (21 Uhr, MEZ) der Gruppensieger der Gruppe B ermittelt wird. Australien und Chile gelten indes als klassische Underdogs.

An Brisanz ist das erste Spiel in der Gruppe B kaum zu übertreffen. So erhält das WM-Finale von 2010, als sich die Niederlande mit 0:1 nach Verlängerung gegen Spanien geschlagen geben musste, bereits heute seine Neuauflage. Als amtierender Welt- und Europameister gelten die Spanier unweigerlich als einer der Top-Favoriten, wenn es um den WM-Titel geht. 16 der 23 Spieler, die vor vier Jahren erstmals in der Geschichte des spanischen Fußballs den WM-Titel gewannen, sind auch in Brasilien mit dabei. Wenngleich der Altersdurchschnitt der „La Furia Roja“ gestiegen ist, hat das Team von Trainer Vincent del Bosque keineswegs an Qualität verloren. Im Gegenteil: So ist Andrés Iniesta, das kreative Herzstück der Spanier, derzeit in überragender Form. Gleiches gilt für die im defensiven Mittelfeld gesetzten Xabi Alonso und Sergio Busquets. Sergio Ramos, neben Gerard Piqué (FC Barcelona) in der Innenverteidigung gesetzt, ist derzeit vielleicht sogar in der Blütezeit seiner Karriere. Mit seinen Toren im Halbfinale gegen Bayern München und im Endspiel gegen Atletico Madrid hatte der Madrilene maßgeblichen Anteil am Gewinn der Champions League.

Doch das gefürchtete Kurzpass-Spiel der Iberer ist längst kein Grund mehr, um in Ehrfurcht zu erstarren.  Das seit Jahren bewährte System der Spanier, das ohne echten Stürmer auskommt, birgt auch seine Schwächen. Vor allem, wenn sich der Gegner in der Defensive gut organisiert und in der eigenen Hälfte kaum Anspielstationen zulässt. Doch für dieses vermeintliche Problem könnten die Spanier mit Diego da Silva Costa (Atletico Madrid) die passende Antwort parat haben. Der gebürtige Brasilianer mit doppelter Staatsbürgerschaft entschied sich erst im vergangenen Jahr, künftig für Spanien aufzulaufen. Im März feierte er beim 1:0-Sieg im Freundschaftsspiel gegen Italien sein Debüt.  Mit ihrer robusten Spielweise und einem einzigartigen Torinstinkt, gelten Costa  und Fernando Torres (FC Chelsea) als die beiden einzigen, echten Mittelstürmer in der spanischen Nationalmannschaft. Wer am Ende den Vorzug erhält, bleibt abzuwarten. Fakt ist: Welches Team in Brasilien den Titel holen will, muss sich mit Spaniens Star-Ensemble messen lassen.

Obwohl sich die Niederlande als erstes europäisches Team im vergangenen Jahr für die WM-Endrunde in Brasilien qualifizierte, steht hinter dem wahren Leistungsvermögen der Oranje für viele Experten noch ein großes Fragezeichen. Nicht zuletzt, weil Louis van Gaal seiner Marschroute treu bleibt und in Brasilien auf viele bis dato unbekannte Gesichter setzt. So sind 14 Spieler des 23-köpfigen WM-Aufgebots überhaupt erstmals bei der Endrunde eines großen internationalen Turnieres dabei. Unter anderem wurde Paul Verhaegh vom FC Augsburg für den endgültigen WM-Kader nominiert. Das Grundgerüst bilden Mittelfeld-Motor Arjen Robben (Bayern München), Goalgetter Robin van Persie (Manchester United) und Defensiv-Allrounder Nigel de Jong vom AC Mailand. Der mittlerweile 30-jährige Wesley Sneijder spielte in der abgelaufenen Saison bei Galatasaray Istanbul eine tragende Rolle und wird die Niederlande erstmals bei einer Endrunde als Kapitän aufs Feld führen.

Van Gaals größte Aufgabe wird es also sein, aus seinem 23-köpfigen Kader eine homogene Mannschaft zu formen. Ob das in der abgelaufenen WM-Vorbereitung gelungen ist, wird sich bereits heute Abend zeigen. Ein Sieg gegen Spanien dürfte durchaus als Überraschungscoup bezeichnet werden. Gleichzeitig wären jene drei Punkte Gold wert, denn mit Chile lauert der vermeintliche Underdog im Hintergrund nur auf einen Patzer der Niederlande. Die Südamerikaner qualifizierten sich hinter Argentinien und Kolumbien als drittes Team aus Südamerika für die Weltmeisterschaft und gelten spätestens seit ihrem Achtelfinaleinzug bei der WM 2010 als einer der Geheimfavoriten. Der argentinische Trainer Jorge Sampaoli setzt auf eine offensive Ausrichtung und versucht nahezu jeden Gegner mit frühem Pressing unter Druck zu setzen. Geht dieses System auch in Brasilien auf, wird das Abschneiden der Chilenen nicht zuletzt an die Tagesform eines Alexis Sanchez geknüpft sein. Vollstreckt der sowohl im Sturm als auch auf dem Flügel einsetzbare 25-Jährige vom FC Barcelona erfolgreich, ist das Achtelfinale möglich. Ähnliche Erwartungen lasten auch auf den Schultern von Arturo Vidal. Trotz einer Meniskus-OP soll der quirlige Techniker von Juventus Turnier die Fäden in Chiles Mittelfeld ziehen. Neben ihren Top-Stars ruhen die Hoffnungen von Kapitän Claudio Bravo und Co. auch auf die große Unterstützung der eigenen Fans. Immerhin findet die WM-Endrunde unweit der eigenen Landesgrenze statt.

Auf die Unterstützung der eigenen Fans wird auch Australien setzen können, wenngleich nur vor dem heimischen Fernseher. Die „Socceroos“ gehen als klarer Außenseiter ins Turnier, träumen aber insgeheim von einer Achtelfinale-Teilnahme wie bei der Weltmeisterschaft 2006. Zu den zahlreichen jungen Spielern in Australiens Aufgebot zählen auch Keeper Mitchell Langerak (Borussia Dortmund) sowie die Zweitliga-Profis Mathew Leckie (FSV Frankfurt) und Ben Halloran (Fortuna Düsseldorf).

Prognose

Spanien setzt sich als Gruppenerster durch, während Chile und die Niederlande im letzten Gruppenspiel um das zweite Achtelfinalticket kämpfen. Australien scheidet ohne Punktgewinn aus.

Von Maria Kurth

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