„Gravity“: Die Major-Tom-Situation

Schwerelosigkeit. Ein Gefühl, welches bisher nur eine handvoll Menschen durch eine Reise im Weltraum erleben durften. Regisseur Alfonso Cuarón nimmt uns in „Gravity“ mit in die unendlichen Weiten und lässt uns vergessen, dass uns dabei die Schwerkraft fest in die Kinosessel drückt.

Die Arbeit von Weltallspezialistin Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock) und Astronaut Matthew Kowalski (George Clooney) erscheint uns wie ein Spielplatz weit außerhalb unserer Vorstellung – in den Sphären der Unendlichkeit. Kindlich schwebt und turnt die Besatzung des Space Shuttles STS-157 um ihr Spielgerät. Das Fehlen von Schwere erscheint uns dabei nicht nur in physikalischer Sicht. Erst als das Shuttle von heranfliegenden Satellitentrümmern zerstört wird, tut sich aus der Leichtigkeit des Seins ein allgegenwärtiger Abgrund auf, welcher den kleinsten Fehltritt mit dem Verschlingen in den Weiten des Nichts bestraft.

Abgekapselt von Halteleinen und Funkverbindung zu Houston wird aus Schwerelosigkeit Aussichtslosigkeit. Stone und Kowalski sind auf ihrem Weg nach Hause auf sich gestellt, frei nach dem Motto „Ich komme bald, mir wird kalt“.

„Du kannst einfach die Augen schließen und alles ausblenden“ 

Während letzteres völlig zutrifft, sollte man ersteres vermeiden. Denn Gravity ist ein Film der Bilder, weniger der Worte. Ein Film, der sich auf großer Leinwand und als 3-D-Version lohnt. Denn wir sind live dabei: Wir sind dabei, wenn Kowalski loslässt, wir sind dabei, wenn Stones Angsttränen im omnipräsenten Memento mori durch die Rettungskapsel schweben. Durch das Wechselspiel aus Zuschauer und Ich-Perspektive bestärkt Cuarón unser Gefühl, nicht mehr auf der Erde zu sein. Das Verlassen des Kinosaals fühlt sich am Ende an wie das Eintreten in die Erdatmosphäre. Man atmet tief ein und genießt es wieder reine Erdenluft zu atmen.

Gravity zeigt uns, dass der Mensch Halt braucht. Die wärmenden Worte von Matt Kowalski, der nur noch einseitig aufrechterhaltende Monolog Ryans an Houston und der scheinbar letzte menschliche Kontakt mit einem unbekannten Chinesen geben Ryan Stone Halt. Und so hangelt sie sich mit uns von Raumstation zu Raumstation auf dem Weg nach Hause, ohne dass wir dabei ein Happy End erwarten.

Wir schweben mit

Gravity ist ein Film den man erlebt. Das Erlebnis Weltall lässt die Notwendigkeit einer großen Handlung entfallen. Dennoch besteht durch die Ambivalenz aus Hoffnung und Tod eine ununterbrochene Spannungskonstante. Diese stellt den Kontrast von Gravity zu anderen Filmen, in denen Protagonisten in Extremsituation auf sich gestellt sind, wie „127 Hours“ oder „Cast away“, dar. Zehn Oscar-Nominierungen sprechen für sich. Gravity wird mit Sicherheit auch bei der Verleihung am 2. März in Los Angeles ganz weit oben schweben.

Regie: Alfonso Cuarón

Darsteller: Sandra Bullock, George Clooney

Dauer: 90 Minuten

Bewertung: 8 von 10 Punkten

DVD-Start: 17. Februar 2014


Von Johannes Giewald

[ssba]