Goldkärtchen

Die Prinzessin in Not, die böse Hexe und der Prinz, der zur Rettung eilt – Märchen sind voll von Stereotypen und prägen so vor allem bei Kindern veraltete Rollenbilder. Wäre es nicht angebracht die alten Geschichten einmal neu zu erzählen?

Es waren einmal ein König und eine Königin eines reichen Familienunternehmens, die wünschten sich einen Erben für Villa und Nobelkarosse. Doch so sehr sie auch mit Reichtum gesegnet waren, das Glück eines Kindes war ihnen nicht vergönnt. Eines Tages jedoch kam ein Arzt zu ihnen und versprach, diesen Wunsch zu erfüllen. Eine drei Tage dauernde Behandlung verhalf den beiden zu ihrem Glück. Die Königin wurde schwanger und brachte schließlich einen gesunden Jungen zur Welt. Zur Taufparty luden die stolzen Eltern Familie, Freunde und einige großzügige Investoren ihrer Firma ein. Nur der Arzt, der dieses Wunder für sie vollbracht hatte, stand nicht auf der Gästeliste. Wütend verfluchte er den Jungen: An seinem 18. Geburtstag würde er sich an einer goldenen Kreditkarte schneiden und in einen tiefen Schlaf fallen. Die Eltern versuchten den Mann zu bestechen, doch weder Firmenanteile noch Millionen konnten den Fluch rückgängig machen. So kam es wie es kommen musste: Der junge Erbe fiel an seinem Geburtstag ins Koma. Die Eltern ließen Ärzte und Spezialisten aus der ganzen Welt einfliegen, doch niemand konnte ihren Sohn aufwecken. Nach vielen Jahren hatten der König und die Königin ihr Vermögen ausgegeben, den Kreditrahmen ausgeschöpft und das Unternehmen verkommen lassen. Machtlos standen sie am Krankenbett ihres Sohnes und verfielen in tiefe Depression.

Eines Tages war der Mythos vom Leidensweg der Unternehmerfamilie Thema in einer BWL-Vorlesung. Eine junge, ehrgeizige Studentin wollte den Dingen auf den Grund gehen und herausfinden, ob der Sohn der Unternehmerfamilie noch immer in seinem Krankenbett im obersten Geschoss der ehemaligen Firmenzentrale schlief und darauf wartete erweckt zu werden um das Unternehmen wieder aufleben zu lassen. Die junge Frau begab sie sich in das heruntergekommene Gebäude. Die Eingangshalle war verstaubt, der Empfang verwaist und der Fahrstuhl kaputt. So stieg sie Stufe um Stufe bis ans Ende der vielen Treppen. In einem Raum, der einst das Büro von König und Königin gewesen war, fand sie den schlafenden Unternehmersohn in seinem Krankenbett. Sie ließ sich auf der Bettkannte nieder, erweckte ihn mit einem Kuss und transferierte per App ihr Erspartes auf sein Firmenkonto um ihnen ein Startkapital zu liefern.

Gemeinsam bauten die beiden das geerbte Unternehmen wieder auf, füllten die leeren Büros mit Leben und die Konten mit Geld. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann verprassen sie noch heute den wiedergewonnenen Reichtum.

[ssba]