Gezeitenkraftwerke – die Energielieferanten der Zukunft? 

Sich die Energie des Wassers zunutze zu machen, ist nicht die jüngste Idee. Lange, bevor es Klimagipfel, CO2-Statistiken oder den schönen Begriff  der „regenerativen Energien“ gab, nutzten Römer und Griechen Wasser als Antriebsmittel für verschiedenste Arbeitsmaschinen. Glaubt man britischen Wissenschaftlern, eröffnen sich nun ganz neue Möglichkeiten, die Kraft des nassen Elements zu nutzen – in Form von Gezeitenkraftwerken. Denn die Meereskraft hat ein gewaltiges Energiepotenzial, das die Menschheit allerdings nie gänzlich ausschöpfen konnte und vermutlich auch nie können wird.

Seit knapp einem Jahr betreibt das Unternehmen Tidal Lagoon Power nun aber die Planung für ein gigantisches Projekt an der Nordküste von Bristol, das etwa 1, 4 Milliarden Euro verschlingt. Dabei schien es lange, als ob die Wirkungskraft der Gezeitenkraftwerke an ihre Grenzen stößt. Zu ineffektiv, zu teuer, zu wartungsintensiv. Und zudem nur an knapp 50 Standorten weltweit wirtschaftlich nutzbringend einsetzbar. Warum also eine solche Investition?

Ein Grund dafür ist unter anderem eine neue Bauweise der Gezeitenkraftwerke. Nachdem bisher immer auf Staudämme gesetzt wurde, in die Turbinen eingebaut waren, werden die Turbinen nun an Punkten mit starker Strömung in den Meeresboden eingelassen. Vorstellen kann man sich diese Anlagen wie Windkraftwerke unter Wasser. Die sogenannten In-Flow-Kraftwerke nutzen die Meeresströmung und nicht wie die Staudämme den Tidenhub, die Differenz zwischen Ebbe und Flut. Dadurch sind sie nicht nur umweltfreundlicher und weniger korrosionsanfällig, sondern vor allem auch an deutlich mehr Standorten einsetzbar, da sie nicht mehr auf die Höhe des Tidenhubs angewiesen sind, der nur selten ausreicht, um effektiv Energie zu gewinnen. Allein in Europa gebe es über 100 mögliche Stellen zur Errichtung einer In-Flow-Anlage. Bis zu „20 % des britischen Strombedarfs“ können Gezeitenkraftwerke abdecken, meinte der britische Wissenschaftler Nicolas Yates 2013 gegenüber dem Onlinedienst der BBC. „Mit Gezeitendämmen kann man 15 Prozent des Strombedarfs Großbritanniens abdecken“, prophezeite Yates. Die Turbinen seien zudem in der Lage, weitere 5% beizusteuern.

Doch auch wenn die Entwicklung in der Meeresenergieforschung einen entscheidenden Schritt weitergekommen ist, steckt sie noch in den Kinderschuhen. Gemessen an den Summen, die für die Errichtung und Wartung der Kraftwerke investiert werden, ist der Ertrag noch eindeutig zu gering. „Der Anteil an der weltweiten Stromversorgung liegt bei null“, meinte Albert Ruprecht vom Institut für Strömungsmechanik und hydraulische Strömungsmaschinen der Uni Stuttgart im Jahr 2013. Ein Wert, der vor allem in den kommenden Jahren wohl nicht mehr der Wahrheit entsprechen wird. Doch sollte berücksichtigt werden, dass auch das Meereskraft-Projekt von Tidal Lagoon Power immer noch ein Pilot-Projekt und damit auch ein Risiko bleibt. Yates empfahl entsprechend vor drei Jahren, lieber mit kleinen Projekten anzufangen, dabei Erfahrungen zu sammeln und sich später an größere Ideen heranzuwagen. Man darf gespannt sein, ob Yates Empfehlung nicht doch besser erhört worden wäre.

Von Tobias Kurz

Foto: Madeleine Buck

[ssba]