„Dieser Einspruch kam mir jeden Tag in den Sinn, wenn ich auf den Zaun schaute“

Uta Lücking wohnte direkt neben einem Asylbewerberheim. Als sich ihre Nachbarn dazu entschlossen Zäune darum zu errichten, schritt sie ein und überwand die Grenzen der Kulturen.

Sie haben ein Projekt mit Flüchtlingen durchgeführt. Wie kam es dazu?

Ich wohne bzw. habe in der direkten Nachbarschaft zu diesem Asylbewerberheim gewohnt. Diese Einrichtung in dem Sinne gibt es so nicht mehr. Ich habe mich daran gestört, dass einige Nachbarn einen Zaun um diese Anlage herum gefordert haben, auf den ich täglich geschaut habe. Ich habe mich gefragt, warum es diesen Zaun geben muss. Daraufhin habe ich die Initiative ergriffen mit dem Leiter dieser Einrichtung zu sprechen, ob ich an diesen Zaun gehen darf. Wichtig ist vielleicht noch, dass ich zu dem Zeitpunkt gerade eine Ausstellung im Landgericht Paderborn hatte unter dem Titel „Einspruch“. Genau dieser Einspruch kam mir jeden Tag in den Sinn, wenn ich auf den Zaun schaute.

Also wollten Sie reingehen und diesen Zaun, als Barriere gesehen, durchbrechen. Wie sind Sie damit umgegangen und welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Das Wort Barriere ist vielleicht ein ganz gutes Stichwort. Ich habe mich gefragt, warum es diese Barriere überhaupt geben muss, ob es einen Unterschied gibt zwischen den Menschen, die vor dem Zaun und denen, die hinter dem Zaun leben. Das ist sicherlich eine der Grunderfahrungen, die ich gemacht habe: Es natürlich Unterschiede, genau wie es die zwischen uns beiden gibt. Aber gewiss nicht in dem Maße, dass man sich getrennt aufhalten muss und keinen Kontakt zueinander haben darf.

Hatten Sie irgendwelche Probleme mit der Sprache oder vielleicht sogar ein bisschen Angst vor dem ersten Kontakt?

Ganz sicherlich hatte ich Angst vor der ersten Berührung, weil natürlich alles, was fremd ist, erstmal Angst macht, auch mir. Und natürlich ist die Sprache eine Barriere, die aber mit leichtem Englisch in den Griff zu bekommen war.

Können Sie mir erklären, was genau Sie in dem Projekt mit den Flüchtlingen gemacht haben?

Also im Prinzip waren es zwei Schritte. Der erste Schritt bestand darin, dass ich den Zaun abbauen wollte, also wirklich diese Barriere durchbrechen wollte. Dabei haben die Asylbewerber auch schon tatkräftig geholfen. Der zweite Schritt bestand darin diese Lücke wieder zu füllen, denn meine Nachbarn -lacht- wollten ja unbedingt diesen Zaun haben. Deshalb war es dann mein Projekt gemeinsam mit den Flüchtlingen diese Lücke neu zu schließen. Im Prinzip haben wir neue Elemente gestaltet. Mein Gedanke ist, dass es neben den vielen Barrieren, die wir haben, viele Dinge gibt, die uns verbinden. Ein großer Bereich, ist das Essen -schmunzelt-.  Das brachte mich auf die Idee, diese neuen Elemente mit Dosen zu versehen, die dann von den Asylbewerbern mit Bildern, beklebt wurden. Also nicht mit Nahrungsmitteln gefüllt wurden, aber vielleicht mit Dingen, welche die Existenz und das Leben eines Menschen ausmachen und auch am Leben erhalten, genau wie es Lebensmittel tun.

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Hat sich Ihre Sichtweise auf den Zaun während des Projektes geändert?

Ja, das war tatsächlich so. Am Anfang war ich ganz gegen diesen Zaun und hab mich darüber geärgert. Aber die Erfahrungen, die ich dann in der Einrichtung gemacht habe, haben mir verdeutlicht, dass ein Zaun nicht nur die eine Seite hat, die ich negativ gesehen hab, sondern auch Schutz gibt.

Wie haben sich die Beziehungen nach dem Projekt mit den Menschen gestaltet?

Auf jeden Fall hat sich der Schritt in die Einrichtung über den Zaun hinaus absolut gelohnt, denn schon die erste Berührung mit den Menschen dort, hat gezeigt, dass wir so viel gemeinsam haben. Die direkte Nachbarschaft hat bewirkt, dass meine Familie diesen Zaun danach fast täglich überwunden hat und die Kontakte, die entstanden sind, gepflegt hat. Und zwar sehr freundschaftlich, sodass die Menschen, die an dem Projekt teilgenommen haben hier bei mir Zuhause waren, wir zusammen gegessen und Zeit verbracht haben. Mir fallen da zwei junge Frauen ein, Massa und Raffa, aus dem Iran und aus Syrien. Bis heute bestehen da auch noch Kontakte und wir verfolgen mit viel Interesse wie es für sie weitergeht.

Das Flüchtlingsheim wurde kurze Zeit später geschlossen. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Es war ein sehr trauriger Tag für Nieheim und beinahe auch die Idee zu einem neuen Projekt, denn ich wollte an diesem Tag Friedhofskerzen vor das Gebäude stellen, um zu zeigen, wie schade es ist, dass wir hier nicht bereit sind Menschen, die in Not sind, aufzunehmen, wo wir doch den Raum und den Platz dafür tatsächlich haben. Es beschämt mich und macht mich sehr traurig, dass es die Entscheidung gab, das Asylbewerberheim zu schließen. Aber ich muss auch sagen, dass jetzt im Nachhinein auch sehr gute Projekte in dem Ort laufen.

Von Victoria Antoni

[ssba]