Flüchtlinge in der Nachbarschaft – wo Mitgefühl anfängt und Toleranz aufhört

Jenny Wittenberger lebt in einer Kleinstadt bei Dresden. Die 27-jährige berichtet von der kulturellen Bereicherung, den eigenen Ängsten und der Wut auf die Flüchtlingspolitik.

Frau Wittenberger, wir haben uns in Hannover kennengelernt. Mittlerweile sind Sie wieder in Ihre Heimat Freiberg (Sachsen) zurückgezogen. Was hat sich für Sie verändert, seitdem Sie wieder in Freiberg leben?

Das Freiberg aus meiner Kindheit, mit seiner entspannten Atmosphäre, kenne ich heute nicht mehr. Ich arbeite als Abteilungsleiterin in einem großen Modecenter und da ist mir aufgefallen, dass meine Kollegen tiefgeprägte Vorurteile gegenüber Ausländern haben. Das hat mich sehr schockiert. Doch dann habe ich beängstigende Erfahrungen gemacht, die auch mein Denken ein wenig verändert haben.

Was ist passiert?

Es ist wirklich richtig schwer darüber zu reden, weil man Angst hat, dass einem nicht geglaubt wird. Ich habe das Gefühl, dass man sich als Ostdeutscher nur sehr vorsichtig ausdrücken darf. Ich kann auch jeden verstehen, der sich das nicht vorstellen kann, was ich jetzt erzähle. Aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele junge muslimische Männer zu uns in den Laden kommen und Frauen erstmal respektlos behandeln und ganz offensichtlich und ohne Scham klauen. Wenn wir versuchen, das zu verhindern, werden wir beschimpft; eine Kollegin wurde bespuckt, eine andere sogar bedroht. Ich selber wurde geschubst. Die Menschen hier, die nie Vorurteile hatten gegen Ausländer, sind mittlerweile ängstlich, weil diejenigen, die das tun, keine rechtlichen Konsequenzen erfahren.

Man hört viel in den Medien über rechtsradikale Aufstände. Was bekomme Sie davon mit?

Es fing letztes Jahr an, als die AFD sich hier in Freiberg niedergelassen hat. Besonders ältere Kollegen haben sehr positiv darauf reagiert, weil sie gehofft haben, dass da mal eine Partei ist, die keinen rechtsradikalen Hintergrund hat und sich für die Probleme einsetzt, die wir tagtäglich haben. Ich habe auch zwei Kollegen, die montags zu den Pegida-Demonstrationen nach Dresden fahren. Die eine ist eine Familienmama. Sie macht sich wirklich Sorgen, weil ihre Tochter nach dem Musikunterricht schon mehrfach belästigt worden ist. Der andere Kollege ist ein lieber Mann – ich habe von beiden noch nie Äußerungen gehört, die mir Angst gemacht haben, also weder, dass man Flüchtlinge vertreiben sollte, noch, dass man ihnen Gewalt antun möchte. Aber ich erlebe, dass man die Straßenseite wechselt, dass man versucht, nach der Arbeit nicht mehr alleine zum Auto zu gehen. Aber die absolute Radikalität, wie das in der Presse dargestellt wird, sind meiner Meinung nach Einzelfälle.

Sind Sie mittlerweile der Meinung, dass man die Grenzen „schließen“ sollte?

Nein, das sehe ich absolut nicht so. Ich finde, dass wir Menschen helfen sollten, die in Not sind. Ich selber würde auch diesen Menschen immer helfen wollen. Ich habe vor Kurzem eine syrische Familie bedient: Mutter, Vater und zwei Kinder. Wir konnten uns nur mit Händen und Füßen verständigen und es war trotz der Sprachbarriere sehr angenehm und sogar lustig. Sie haben sich sehr über die Hilfe und meine Bemühungen gefreut.

Ich habe nichts dagegen, dass junge Männer hierher kommen und ich habe auch nichts dagegen, dass das so viele sind. Ich bemängel dagegen unser Rechtssystem, das zurzeit absolut versagt. Wir haben einmal die Polizei gerufen, weil wir einen gesuchten Straftäter im Laden hatten, doch die haben gesagt, dass von der Staatsanwaltschaft kein Haftbefehl erlassen wurde. Und das sind Sachen, die ich einfach nicht verstehen kann. Ich finde, wir müssten härter durchgreifen. Die Menschen, die hier straffällig werden, müssen zurück in ihre Länder.

Wie denken Sie, ist es möglich, die Situation wieder zu stabilisieren, damit Sie sich in Ihrem Zuhause wieder wohlfühlen?

Ganz wichtig ist erstmal, dass die Presse nicht nur über Pegida herzieht und den ganz einfachen Bürger, der eine kritische Meinung hat und vielleicht auch negative Erfahrungen gemacht hat, als Nazi oder Lügner diffamiert. Natürlich sind da auch Leute bei, die sich einfach nur dumm äußern. Aber wenn man diesen Menschen, die Ängste haben nicht zuhört und keinen Platz gibt in unserer Gesellschaft, dann fühlen die sich so unterdrückt, dass sie sich irgendwann Minderheiten zuwenden werden, die ihnen einfach zuhören und das sind dann meistens die falschen.

Von Theresa Del Castillo

Foto: Lara Sagen

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