Fernweh nach dem fremden Ich

Eine Reise mit dem Musicaldarsteller Björn Schäffer. Sie beginnt im Kopf ganz ohne Gepäck und direkt vor Ort. Wo sie endet, ist ungewiss.

Der Musicaldarsteller Björn Schäffer kommt mit einem herzlichen Lachen zum Theatereingang geeilt, folgt anschließend dem Schild Richtung Ballettsaal und tritt schwungvoll ein. Es finden die Proben zu dem Stück „Helle Nächte“, nach der Novelle „Weiße Nächte“ von Dostojewski, statt. Bewegung und ausdrucksvolle Gesichter füllen den Saal. Nach den Proben in der Kantine, fängt der 33-Jährige mit leuchtenden Augen an, zu erzählen.

„Für mich ist Fernweh immer mit einer Sehnsucht verbunden. Und es hat damit zu tun, dass man vielleicht aus dem Alltag fliehen möchte. Ich muss dafür nicht 20.000 Kilometer um die halbe Welt reisen.“ Während Björn erzählt, beleuchtet die Sonne, die durchs Fenster scheint sein Gesicht, wie ein Scheinwerfer. „Zum Beispiel, wenn man ins Kino geht, könnte das Fernweh danach schon befriedigt sein. Wenn man kurz in eine fremde Welt eintaucht. Oder eben ins Theater.“ Der 33-Jährige lacht und schwärmt. Bevor Björn Musicaldarsteller wurde, studierte er Medienwissenschaften. „Schon immer“ brannte die Liebe zu Theater, Tanz und Gesang in ihm. Mit 25 folgte er dann seiner Sehnsucht und ging einen neuen Weg. Er begann eine Ausbildung zum Bühnendarsteller an der Stage School Hamburg und schloss diese erfolgreich ab.

„Ich sage immer, wenn ich über meinen Job spreche: Das Wichtigste ist Leidenschaft! Deswegen ist gerade diese Sehnsucht, die auch im Fernweh steckt, etwas, dass sehr nahe an Leidenschaft dran ist. Sehnsucht danach, etwas Neues zum Leben zu erwecken“, berichtet er begeistert. Björn Schäffer ist schon viel gereist. Mit der Produktion „Phantom der Oper“ ging er auf Europa-Tournee, spielte unter anderem in der „Rocky Horror Show“ und in Berlin im Musical „Hinterm Horizont“ mit.

Die Identität liegen lassen, Altes wegschmeißen und endlich ausreißen. Viele Menschen reisen weit, um dem Fernweh zu entkommen. Doch auch in der Rollenarbeit besteht die Möglichkeit zu verreisen und an einem Ort zu bleiben. „Du steigst aus deinem jetzigen Leben aus und gibst für zwei, drei Stunden einer anderen Figur deinen Körper. Du kannst dir selbst Raum geben, etwas Neues zu erleben und einmal nicht du selbst sein zu müssen“, erklärt Björn, der für längere Zeit den Operndirektor Richard aus „Phantom der Oper“ verkörperte.

Aus dem Gespräch ist herauszuhören, dass die Leidenschaft zu einer Sache das Gefühl von Fernweh bändigen und zusätzlich als emotionaler Antrieb für etwas dienen kann. Und was hilft noch? „Im Moment leben und diesen auch genießen.“

Von Alem-Adina Weisbecker

Foto: Theresa Orosz

[ssba]