Erst schnippeln, dann schlemmen – Ein Besuch in der Mittwochsküche 

Ist der Kühlschrank mal wieder leer? Keine Lust zum Kochen oder zum Alleine essen? Die Mittwochsküche auf dem Gelände des Kulturzentrums Faust bietet eine Alternative. Gemeinsam kochen, quatschen und in lockerer Atmosphäre genießen: Sie ist eine willkommene Abwechslung zu teuren Kochkursen und eine Alternative zum Alleine sein. Sojamilch ersetzt Kuhmilch und statt Fleisch gibt es Tofu – Das nachhaltige Kochevent ist ideal für Liebhaber der veganen Küche. Doch was für Menschen verbergen sich eigentlich dahinter? Unsere Autorin Milena Schwoge war vor Ort und hat sich für Interact umgeschaut.

„Das hat mir gerade noch gefehlt“, murmele ich vor mich hin. Mein Magen knurrt. Auf Knien hocke ich über dem Küchenboden und blicke ins Innere meines Kühlschranks. Im Gefrierfach liegen noch drei Scheiben Toastbrot. Und auch sonst ist der Anblick eher ernüchternd: Im oberen Fach liegt ein Vanillejoghurt, in der Mitte reihen sich zwei Scheiben Salami an eine Handvoll Nudeln von gestern Abend und unten verkümmert ein Kohlrabi. Frustriert schlage ich die Kühlschranktür wieder zu. Und nun? „Eigentlich müsste ich einkaufen gehen“, sage ich gedankenverloren zu mir selbst. Doch dafür fehlt mir eindeutig die Motivation. Ich setze mich an den Esstisch und klappe meinen Laptop auf. Mal schauen was das Internet sagt. Verzweifelt tippe ich drauf los. „Kühlschrank leer Hannover“ schreibe ich in meine Suchzeile bei Google. Neugierig, was mich nun erwartet, klicke ich auf das Lupen-Symbol.
Auch hier ist der erste Anblick wieder ernüchternd. Ich scrolle mich durch das Angebot, vorbei an Kleinanzeigen für gebrauchte Küchen, Reparaturservice-Stellen für defekte Kühlschränke und einen Zeitungsartikel mit dem Titel „50 Dinge, die du als Student in Hannover gemacht haben musst“. Die  klischeehafte Verbindung zwischen einem leerem Kühlschrank und dem Studenten-Dasein zaubert mir kurzzeitig ein Schmunzeln ins Gesicht. Dann stolpere ich unerwartet auf der zweiten Seite doch noch über etwas, das vielversprechend aussieht. „Die Mittwochsküche“ steht in blauer Schrift am Seitenanfang geschrieben. Ich klicke auf den Link und finde mich plötzlich auf der Homepage vom Kulturzentrum Faust wieder. „Kühlschrank leer? Keine Lust, alleine zu essen? Es gibt eine Alternative: Jeden Mittwoch findet zwischen 17 und 19 Uhr bei Faust eine Kochaktion statt, bei der alle herzlich eingeladen sind, die Lust haben, nicht immer nur zuhause zu sitzen, gerne kochen und sich dabei gut unterhalten wollen“, lese ich. Reflexartig schaue ich auf meine Desktop – Uhr und stelle fest, dass ich anscheinend Glück im Unglück habe. Es ist Mittwoch, viertel nach drei. Ich zögere nicht lang, packe meine Sachen zusammen und mache mich auf den Weg nach Linden.
Am Faust-Gelände angekommen, beginnt für mich zunächst die Suche nach dem Keller, in dem die gemeinsame Kochaktion stattfinden soll. Nach drei Runden im Kreis werde ich schließlich fündig. Eine steile Treppe führt zum versteckten Hintereingang. Ich laufe einen langen, leeren Flur entlang –  ohne zu wissen, wohin er mich führen wird. Es ist bereits kurz vor fünf und überraschend ruhig. Von Menschen gibt es weit und breit keine Spur. Ich biege links ab und stehe innerhalb von nur zwei Schritten in der Küche.

Sie ist klein, eng und provisorisch. Zahlreiche Schnittbretter, große und kleine Schüsseln und eine bunte Ansammlung von Zutaten tummeln sich auf dem Wandtisch. Darunter: Karotten, Bärlauch, Zwiebeln, Kartoffeln und Kohl. Bevor ich jedoch rätseln kann, was hier heute gekocht wird, höre ich Stimmen. Einen Raum weiter wird anscheinend schon gearbeitet. „Hallo. Schön, dass du da bist“, werde ich von einer Frau begrüßt. In ihren Händen hält sie eine mit Salatblättern gefüllte Schüssel, die sie zu den anderen Zutaten in den Vorraum bringt. Dann stellt sie sich vor und gibt mir die Hand. „Ich bin Martina Jachmann und organisiere die Mittwochsküche. Und wer bist du?“, fragt sie mich. Von dem Moment an duzen wir uns. Martina wirkt sympathisch und locker. Und das, obwohl sie gerade sichtlich im Stress ist. Denn immer mehr Menschen trudeln ein, stürmen auf sie zu, um sie zu begrüßen und suchen sich einen Platz in dem kleinen Essensraum. Es scheint, als kenne hier jeder den anderen. „Wir haben hier ein typisches Lindenerpublikum. Etwas alternativ. Von jung bis alt, von voll tätowiert bis zum Unternehmensberaterim schicken Anzug“, erklärt Martina. Zwar gebe es ein festes Stammpublikum, aber mitunter wechsle die Kundschaft auch. Vor allem zum Semesterbeginn sei der Ansturm an neugierigen Studenten groß. „Einige kommen wieder, andere nicht. Für manche ist das bei uns zu chaotisch. Wer es bunt mag, ist hier richtig“, sagt Martina. Einer, der immer wieder kommt, ist Peter. Den Pensionär habe einst die Neugierde zur Mittwochsküche getrieben. „Ich war im Auto unterwegs und habe im Radio davon gehört. Als von veganer Küche gesprochen wurde, musste ich erst mal im Internet nachschauen, was es damit auf sich hat. Ich dachte mir, vegan und lecker – geht das überhaupt?“, erzählt er während er routiniert die Kartoffeln schält. Völlig unvorbereitet sei er damals in die Küche hineingeschneit. „Das hat sofort nach mehr geschrien“, sagt er. Auch sein eigener Umgang mit den Lebensmitteln zuhause habe sich durch die Mittwochsküche verändert. „Ich mache mir nun viel mehr Gedanken, wo ich was kaufe“, berichtet er stolz.


Inzwischen ist Martina zurück. Der Stress steht ihr ins Gesicht geschrieben. Ihre Wangen leuchten orange.  Als Küchenchefin muss sie den Überblick behalten und dafür sorgen, dass das Essen zeitplangerecht auf den Tisch kommt. „Was kann ich denn tun?“, frage ich sie im Vorbeigehen. Sie bleibt kurz stehen, überlegt und reicht mir ein Schneidebrett. „Am besten setzt du dich zu Erich und Janna und hilfst beim Karottenschneiden“. Ich mache noch kurz Halt bei der Schublade mit den scharfen Messern und suche mir anschließend einen der wenigen verbleibenden Sitzplätze auf der Bank. Der Raum scheint mit den circa zwanzig Kochteilnehmern kurz vor seiner Kapazitätsgrenze zu stehen. Doch ich empfinde die Enge nicht als unangenehm. Es ist fast schon eine familiäre Atmosphäre in dem Keller. Hier und da wird munter geplaudert während andere die Geselligkeit im Stillen genießen. Die Schneidegeräusche bilden einen unterschwelligen Chor im Raum. Es riecht nach Zwiebeln, die mein linker Nachbar in kleine Scheiben schneidet. Ich muss für einen Moment aufpassen, um nicht los zu weinen. Mein Gegenüber, Erich, verzieht dagegen keine Miene. Auch er ist nicht zum ersten Mal bei der Mittwochsküche. Zusammen mit seiner Freundin Janna kommt der 21-jährige Sozialarbeiter regelmäßig zu den Treffen. „Wir mögen den Austausch mit den unterschiedlichen Menschen. Wir kennen uns und mögen uns hier“, sagt das Pärchen. Ich lasse mir zur Sicherheit nochmal von Janna zeigen, wie klein Martina die Karottenstückchen haben möchte. „Was gibt es denn heute eigentlich zu essen?“, frage ich sie. Janna zuckt mit den Schultern. „Das wissen wir nie. Oft gibt es Drei-Gänge, aber das ist meistens Überraschung“, erklärt sie mir. Aber bio, saisonal und vegan werde es sein. Denn das sei es immer. Bei dem Wort „vegan“ halte ich kurz inne. Zwar habe ich schon ein halbes Jahr vegetarisch gelebt, aber mit der veganen Küche bin ich bis dato noch nie in Berührung gekommen. „Es ist immer sehr lecker. Wir machen manchmal auch sehr ungewöhnliche Dinge. Zum Beispiel haben wir auch schon mal aus Salat Suppe gemacht“, sagt Janna und schmunzelt dabei irritiert. Sie und Erich schätzen das vegane Essen. „Ich bin überzeugter Vegetarier und habe einen Hang zum Veganismus. Aber ich würde nie komplett auf Käse verzichten wollen“, gibt Erich zu. Dann nehme ich die volle Schüssel mit den Karottenwürfeln und reiche sie in den Vorraum weiter, wo sie mir von Jürgen abgenommen wird. Seit letztem Frühling kommt auch er regelmäßig zur Mittwochsküche. Und das aus einem ganz banalen Grund. „Ich schnippel einfach gerne. Ich habe zuhause nie Ideen gehabt, was ich mir kochen soll“, sagt er. Die Eintönigkeit habe ihn so sehr gestört, dass er eines Tages einfach in der Faust angehalten und mit gekocht habe und dann gleich dort geblieben sei. „Eine Freundin hat mir von dem Konzept erzählt. Ich konnte mir das erst gar nicht vorstellen“, sagt er. Plötzlich zieht es an meiner linken Schulter. „Kannst du das bitte mit zum Tisch nehmen und auseinander zupfen?“, fragt mich eine ältere Dame. Ich nehme die Schüssel mit dem Bärlauch mit zu meinem Platz und zupfe. Doch es dauert nicht lange, bis sie vor mir steht und meine Hände bei der Arbeit kritisch mustert. „Du kannst ruhig die Stängel ganz abmachen und draußen lassen“, sagt sie. Prompt übernimmt sie die Regie, zeigt mir wie es richtig geht und hilft mir beim Zupfen. „Warum sind sie hier?“, frage ich sie. Wie ich kurz darauf erfahre, heißt die ältere Dame Lisa. Sie wohnt alleine in der Südstadt und kocht sehr gerne. Lisa ist Veganerin, aber isst ab und zu auch mal Fisch. „Mir gefällt es, mit den anderen zu sprechen und neue Leute kennenzulernen. Manchmal verabredet man sich auch und macht etwas in der Freizeit zusammen“, erzählt sie. Sie scheint an diesem Abend die älteste Teilnehmerin zu sein und wirkt mit ihrer Schürze wie die Mutter der hungrigen Meute. Während Martinas Abwesenheit lässt Lisa ihre wachsamen Blicke mehrfach durch den Raum streifen und kontrolliert die Arbeitsfortschritte. Fertig gezupft bringe ich die silberne Salatschüssel zu Martina. Auf dem Weg stoße ich auf Ralf. Der gelernte Bürokaufmann ist jede zweite Woche bei der Mittwochsküche. Das Abendessen ist etwas ganz Besonderes für Ralf. „Bei mir zuhause esse ich zu jeder Mahlzeit Müsli. Das stelle ich in die Mikrowelle, mache es zwei Minuten warm und fertig“, sagt er. Einen Herd habe er zwar auch, aber der sei noch nie benutzt worden. „Ich habe einfach keine Motivation zum Kochen. Außerdem esse ich gerne in Gruppen“, erklärt Ralf. Sich selbst bezeichnet er als Flexitarier und isst gerne vegan und vegetarisch.
Im Flur, in Richtung Ausgang, kniet Martina vor einem riesigen, runden Kessel und rührt eine gelbliche Masse um. Der currylastige Dampf steigt ihr dabei ins Gesicht, sodass sie sich zwischendurch den Schweiß von der Stirn wischen muss. Sobald alle Zutaten geschnitten wurden, wirft die gelernte Bürokauffrau sie in den Topf. „Es ist immer ein lustiges Rezepte raten. Meistens wird es bei mir und meiner Kollegin Steffi sehr erfinderisch“, sagt sie und lacht. Ich schaue in den mit einer Art Brei gefüllten Topf. „Als Vorspeise gibt es heute Hirse mit roten Linsen und China Salat und im Anschluss einen Asia-Topf á la Martina “, antwortet sie auf meine verwunderten Blicke. Ich bin gespannt.
Seit 2012 gibt es die Mittwochsküche. „Wir sind hier wie eine große Familie. Natürlich ist es schön, mit Menschen mit ähnlichen Essensvorlieben zusammen zu sein, aber hier ist jeder willkommen, solange er das vegane Essen akzeptiert“, betont Martina.  Sie selber ist Vegetarierin. „Ich könnte nicht auf Milch verzichten“, gibt sie zu. Dann ist es soweit. Ein letztes Mal umrühren, dann hebt Martina den Topf vom Herd und stellt ihn in die Mitte des Tisches. Pünktlich um kurz nach sechs sitzen alle Köche und Köchinnen zusammen am Tisch. Jeder bekommt zunächst den Salat als Vorspeise. Danach geben alle nacheinander ihre Teller zur Mitte des Tisches durch und warten gespannt auf das Ergebnis der Fingerarbeit vom Nachmittag. Für jeden gibt es eineinhalb Kellen aus dem Asia-Topf á la Martina. Auch Nachschlag ist möglich, sobald alle eine Portion bekommen haben. Auch ich bekomme meinen ersten und zum Teil selbstgekochten veganen Teller überreicht. Nach einem musternden Blick tauche ich meine Gabel in die eintopfartige Masse und lasse es mir schmecken. Mein Urteil fällt gemischt aus. Der Geschmack ist intensiv, würzig, leicht. Ein ungewöhnliches, aber zugleich auch interessantes Gericht. Außerdem stelle ich fest, dass Tofu so gar nicht meins ist, weswegen ein Teil der Hauptspeise leider auf meinem Teller liegen bleibt.
Während des Essens kehrt für ein paar Minuten Ruhe ein. Im Keller ist nur noch das klirrende Geräusch des Bestecks und das ein oder andere Schmatzen des Nachbarn zu hören. Im Anschluss an das gemeinsame Essen wird die Spendendose rumgereicht. Die Mittwochsküche ist für Teilnehmer zwar kostenlos, aber das Team vom Wirtschaftsladen freut sich dennoch über jede Spende, ganz gleich ob in Form von Bargeld, Gemüse aus dem eigenen Garten oder eigenen Rezeptvorschlägen. Ich bringe meinen Teller zum Spülen in den Vorraum. „Du kannst gerne jederzeit wieder kommen. Im Sommer kochen wir dann auch draußen“, sagt Martina. Dann gibt sie mir noch eine Tüte Rucola und Feldsalat mit auf dem Weg. Vielleicht mache ich mir morgen mal eine Salatsuppe.


Wer Lust hat, die muntere Gruppe von Hobbyköchen und Hobbyköchinnen und die kulinarische Welt der Veganer kennenzulernen, kann jederzeit vorbeischauen. Die Mittwochsküche findet wöchentlich auf dem Gelände des Kulturzentrums Faust, Zur Bettfedernfabrik 3, 30451 Hannover statt. Beginn der gemeinsamen Koch-Aktion ist um 17 Uhr. Essen gibt es ab ca. 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. 

Von Milena Schwoge

[ssba]