„Eine weitere Nacht hätte ich nicht geschafft“

Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Altersheime werden immer voller. Die hohe Lebensqualität, lässt die Anzahl an Patienten kontinuierlich ansteigen, während die Pflegekräfte rapide weniger werden. Die Arbeitsbelastung nimmt zu und immer wieder kommen neue Vorschriften, die den Arbeitsalltag erschweren. Madeleine Buck hat eine Nacht lang die Krankenschwestern Barbara und Monika im Siloah Krankenhaus begleitet und am eigenen Leib die Bedingungen des Berufs miterlebt.

1:45 Uhr. Zeit die Blutzuckerwerte zu kontrollieren und die Schlafposition zu wechseln. Schwester Monika öffnet die Tür und tritt in den dunklen Raum ein. Die Patienten reagieren mürrisch auf die Schlafunterbrechung, das weiß sie. Mit sanfter Stimme fragt sie, ob alles in Ordnung sei oder ob die Erkrankten die Positionen wechseln möchten. 40 Menschen liegen hier in der Geriatrie-Abteilung auf Grund ihres Diabetesleidens. „Viele von ihnen sind bereits über 70 Jahre alt und schaffen es nicht mehr, sich eigenständig im Bett umzudrehen oder alleine aufzustehen. Sie leiden schon lange unter ihrer Krankheit.“, sagt die Schwester.

Seit 36 Jahren ist Monika schon Krankenschwester. Nie ist es ihr in den Sinn gekommen, etwas Anderes zu machen. „Berufung“ nennt sie es, während sie den Versorgungswagen durch die leeren Gänge der Station B5 im Krankenhaus Siloah schiebt.

Schwester Barbara verteilt währenddessen die Medikamente für den nächsten Tag. Ab und zu muss sie ihre Arbeit unterbrechen, um auf das Klingeln eines Patienten zu reagieren. Das „Krankenhaus der kurzen Wege“ – so wird das Siloah auch genannt. Erst im September 2014 wurde es neu eröffnet und gilt als eines der modernsten Krankenhäuser Norddeutschlands. Trotzdem legen die Angestellten täglich einige Kilometer zurück, während sie ihrer Arbeit nachgehen.

Zudecken, Flaschen öffnen, beim Aufstehen helfen, Positionen ändern, Bettpfannen wechseln – egal weshalb sie gerufen wird, Schwester Barbara reagiert immer mit Bedacht und Fürsorge auf ihre Schützlinge, beruhigt sie oder muntert sie mit ein paar Worten auf. „Ich hätte allerdings gerne mehr Zeit für die Patienten“, beteuert sie. Die Bürokratie-Aufgaben hätten die letzten Jahre stark zugenommen. Ein notwendiges Übel, trotzdem wünscht sich das Pflegepersonal, es gäbe dafür eine separate Hilfskraft.

„Zurzeit folgen auf eine Pflegekraft 14 Patienten“ erklärt Klaus Reneberg, Leiter des Pflegepersonals. Da ist es unmöglich, jedem die Zeit zu schenken, die er verdient. Die Patienten werden älter und kränker, folglich befinden sich immer mehr Menschen in den Pflegeheimen und Krankenhäusern – während die Regierung verpasst, den Pflegeberuf für junge Menschen attraktiver zu gestalten. „Häufig wird er nur noch als Sprungbrett ins Studium gesehen“, klagt Schwester Barbara.

Heute Nacht sind sie zu zweit auf der Geriatrie. „Und da sind wir schon froh drüber“, erläutern die beiden Pflegekräfte. Bis vor kurzem sei man in der Nacht noch auf sich allein gestellt gewesen.

Der Personalausfall im Bereich der Pflege ist groß. Klaus Reneberg schätzt, dass mindestens zehn Prozent mehr Pflegepersonal benötigt wird um die Arbeitsbelastung genügend zu senken. Körperlich als auch psychisch kommen die Menschen an ihre Grenzen. Und auch die Bezahlung kann dies nicht ausgleichen. So rentieren sich beispielsweise die Zuschüsse, die die Pflegekräfte für Feiertage und Nachtschichten bekommen, aufgrund der Steuern nicht. Dennoch spiegelt sich die Unterbezahlung nicht in der Leistung wieder.

2:35 Uhr. Ein Anruf aus der Aufnahmestation. Eine Frau muss auf die B5 verlegt werden. Die Krankenschwestern ärgern sich. Die Aufnahmestation dient dazu, Patienten in der Nacht aufzunehmen, damit die Schlafenden nicht geweckt werden. 15 Minuten später erreicht die Patientin die Station. Ihre Zimmergenossin ist trotz später Stunde erfreut über die neue Gesellschaft.

Ein Glücksfall. „Heutzutage reagieren die Erkrankten uns gegenüber oft gereizter und respektloser als noch vor einigen Jahren“, erzählt Schwester Barbara. Dieses Patientenverhalten hat zur Folge, dass vor allem die jüngeren Kollegen früh lernen, strikter durchzugreifen.

Auf dem Tisch der Rezeption liegt eine Weihnachtskarte. Geschickt von einer Patientin, die sich nochmals für die nette Pflege bedankt und frohe Weihnachten wünscht. Auch das habe in den vergangenen Jahren nachgelassen, so die Pflegerinnen – Dankbarkeit. Trotzdem gibt es auch schöne Momente mit den Patienten, in denen man sektschlürfend am Bett sitzt und auf die erfolgreiche Operation oder das Leben überhaupt anstößt.

Doch vor allem sind es die Schattenseiten, die bewegen: Als ein 18jähriger ein neues Herz ablehnte, weil seine Freundin es aufgrund seiner Krankheit nicht mehr an seiner Seite aushielt und er daraufhin starb, war das auch für die erfahrene Pflegekraft nicht einfach. „Das war schon schwer mit anzusehen“, erzählt Schwester Monika. „Doch am Ende des Tages muss man, sobald die Tür hinter einem zugefallen ist, abschalten können.“

Es ist ansonsten nicht viel los heute Nacht. Der Schwesternruf erklingt nur selten, die Gänge sind leer, ab und zu spaziert ein Patient hindurch. Ärzte sieht man keine. Das Verhältnis zwischen ihnen und den Pflegekräften hat sich ebenfalls in den Jahren stark gewandelt. Es ist zwar lockerer, aber damit auch weniger respektvoll als damals. „Da die Ärzte heute häufig wechseln, ist auch nicht mehr die gleiche Dynamik im Arbeitsprozess zu sehen“ sagt Klaus Reneberg. Ärzte und Pflegepersonal verstehen sich nicht mehr blind. Er beklagt außerdem den Egoismus der heutigen Gesellschaft. „Keiner schaut mehr so auf das eigene Team wie früher“, verrät er. Dabei sei eine gute Gemeinschaft umso wichtiger in diesem Beruf, denn jeder bräuchte irgendwann mal die emotionale und tatkräftige Unterstützung seiner Kollegen. „Die jüngeren Kollegen sind auch nicht mehr so belastbar wie wir es damals waren“, beteuert Schwester Barbara. Die Liebe zum Beruf fehle.

4:17 Uhr. Die Vorbereitungen für den Tag sind getroffen. Die beiden Krankenschwestern überlegen angestrengt, ob sie etwas vergessen haben. Normalerweise sind sie um diese Uhrzeit noch lange nicht fertig. Doch es war ruhig heute Nacht, sie haben viel geschafft. Um fünf beginnen sie, die Medikamente in den Zimmern zu verteilen und Katheter zu leeren. Die Schicht ist so gut wie um, als um 5.40 Uhr in ihnen kurz eine leichte Panik aufkommt. Wo sind Herr B.s Tabletten? Haben sie sie vergessen? Erleichterung, als beide feststellen, dass er aufgrund einer OP nüchtern bleiben muss und deshalb heute keine Medikamente bekommt.

Die Nacht geht zu Ende. „Eine weitere Schicht hätte ich nicht geschafft“, gibt Schwester Barbara zu. 40 Jahre arbeitet sie nun schon als Krankenschwester. Was Anderes käme für sie nicht infrage. Doch unter den heutigen Bedingungen, würde sie nur eine halbe Stelle annehmen, sagt sie. Bald geht die 60-Jährige in Alterszeit. Und, wenn sie sich mal wieder um sechs Uhr morgens auf ihr Fahrrad schwingt, und die Stadionbrücke plötzlich unüberwindbar scheint, ist sie vielleicht auch ein wenig froh darüber.

Von Madeleine Buck

Foto: Lara Sagen

[ssba]