Eine Ode an Oma

„Alles hat seine Zeit“, sagte meine Oma damals oft. Auch wenn ich früher nicht verstand, was sie mir damit sagen wollte, so weiß ich es heute umso besser. Und bin dankbar für diese einfachen und doch so wundervollen Worte. 

Studium. Auszug. Allein und doch irgendwie auch nicht. Das Ende meiner Kindheit kommt gefährlich nah und bäumt sich vor mir auf. Es verschluckt mich, spuckt mich wieder aus. In einer neuen Ära, einer Zeit, in der ich das Kleid der kindlichen Naivität endgültig abwerfen muss. In der von mir erwartet wird, dass das letzte bisschen infantiles Verhalten abgelegt ist.

„Wenn du groß bist, wirst du das verstehen“, war häufig die Antwort auf neugierige Fragen. Erwachsenendinge halt. Und heute? Ja, heute bin ich groß und verstehe Dinge, die ich am liebsten nicht verstehen wollen würde. Breitbeinig mit beiden Händen auf den Ohren dastehen und ganz laut „lalala“ rufen. So wie früher halt. Aber damals, da wollte ich das unbedingt. Groß sein und alles wissen. Überall mitreden, selbstständig und groß – oh, so groß! – wirken.

Erinnerungen, die mir niemand mehr nehmen kann

Natürlich bekam ich, was ich mir so sehr wünschte. Denn das Erwachsenwerden kennt keine Gnade. Es überrollt mich noch heute Jahr für Jahr immer ein kleines Stückchen mehr. Wie eine Dampfwalze, die unaufhaltsam jeden noch so winzigen, kindlichen Gedanken dem Erdboden gleichmacht. Damals ganz zum Leidwesen meiner Großeltern. Wenn ich als Teenie darüber nachdachte, wie meine Oma meine mit steigendem Alter immer seltener werdenden Besuche mit den Worten „Alles hat seine Zeit, Franca“ rechtfertigte, war ich überwältigt. Nicht, weil ich den Sinngehalt der Worte erfasste. Nein –  weil sie es so cool und gelassen daher sagte. Als wäre es das normalste der Welt, dass ich immer weniger Zeit für sie aufbrachte. Dass es völlig okay ist, dass ich erstmal mich selbst ordnen musste, bevor es jemand anderes tat. Denn sie wusste, was passierte und verstand es.

Wenn ich jetzt überlege, dann verstehe ich nicht nur ihre Worte, sondern deren Sinn. Ich verstehe, was sie mir damit sagen wollte. Zeiten ändern nicht nur sich, Zeiten ändern dich. Und jede ach so kleine Ära des Lebens ist verbunden mit verschiedenen Emotionen, Sinneseindrücken, Menschen, Dingen, Situationen. Dingen, die man nur in dieser Zeit erlebt und nie wieder zurückholen kann. Je älter ich werde, desto verständlicher scheint es mir. Mir schmerzt der Verlust meiner Kindheit noch immer. Jedoch habe ich Erinnerungen, die mir niemand mehr nehmen kann. Genauso wenig, wie mein kindliches Ich, das weiterhin in meinem Inneren schlummert. Das kleine, grinsende Mädchen, ohne das das Erwachsensein manchmal gar nicht erträglich wäre.

Es lindert den Schmerz zu wissen, was meine Oma schon weit vor mir wusste: Dass die Zeit meines Lebens in Abschnitte geteilt ist, in denen ich Dinge erleben, fühlen, sehen werde, die nie wiederkehren. Genau deshalb genieße ich jede so kostbare Minute, die mir geschenkt wird. Denn Oma, heute ist auch mir klar: Alles hat seine Zeit.

Text und Foto von Franca Lentz

[ssba]