Eine Gemeinschaft fürs Leben

Trinken bis zum Umfallen, rechts-konservative Einstellungen und ein Frauenbild aus dem letzten Jahrhundert – Verbindungsstudenten haben einen denkbar schlechten Ruf. Was aber steckt hinter den Vorurteilen? Ein Aufklärungsgespräch.

„Der Satz ‚Ich wohne in einer Verbindung’ fällt bei mir nicht oft. Und wenn, dann bestimmt nicht am Anfang eines Gesprächs. Ich habe keine Lust, mich ständig erklären zu müssen“, erzählt Anne B.*. Sie ist Mitglied einer gemischten Verbindung in Hannover. Kaum einer in ihrem Umfeld hat vorher etwas über Verbindungen gewusst. Das hat einen Grund: In Deutschland sind weniger als 1% der Studenten Verbindungsmitglied.

Allein, dass bei ihr auch Frauen aufgenommen werden, sorgt bei ihren Gesprächspartnern meist für Verwunderung, so Anne. „Viele kennen nur Corps und Burschenschaften, reine Männerbünde“, erklärt sie, „doch es gibt eben auch gemischte Verbindungen und sogar reine Damenverbindungen“. Dass die meisten Korporationen (lat.: Zusammenschluss) keine Frauen aufnehmen liege an der Geschichte der Universitäten: „Früher durften eben nur Männer studieren.“

Schon im 13. Jahrhundert gab es studentischen Zusammenschlüsse, 1812 wurde in Jena die ersten Burschenschaft gegründet. Heute ist die Verbindungsszene bunter denn je. Jede Korporation hat ihre eigene Geschichte, Traditionen und Prinzipien. Einige Grundsätze teilen jedoch alle: Regelmäßig trifft sich die Studierendenschaft jeder Verbindung zu sogenannten „Conventen“. Auf diesen basisdemokratischen Treffen planen sie Veranstaltungen, beschließen Finanzausgaben oder organisieren Reparaturen am Vereinshaus. Unterstützt werden sie vom Mitgliedsbeitrag ihrer „Philister“, ehemaligen Studenten der Verbindung, die den Jungen mit Rat und Tat zur Seite stehen. „Das unterscheidet uns von Vereinen – dort kann man jederzeit ein- oder austreten. Bei einer Verbindung entscheidet man sich für sein ganzes Leben“, so Anne.

„Seilschaften“ nennen Kritiker dieses große Netzwerk, von dem alle profitieren. „Die kommen nur alle so gut miteinander aus, weil sie den ganzen Tag zusammen saufen“, nennt Anne ein weiteres Vorurteil, das ihr oft entgegengebracht wird. In der Tat ist die Trinkbereitschaft in der Verbindungsszene häufig relativ hoch, einige Männerbunde können ihre Mitglieder sogar zum Trinken zwingen. Doch das ist lange nicht bei allen so, betont Anne. „Da hocken eben viele junge Leute auf einem Haufen. Jeder hat mal Freunde zu Besuch, da wird natürlich häufiger gefeiert als in einer 2er-WG. Aber das hat nichts mit Verbindungen zu tun, das wäre bei allen sehr großen WGs so“, mutmaßt sie.

Jeder Verbindungsstudent ist außerdem ein Nazi? Anne lacht. Sie wohnt unter anderem mit einem Deutsch-Kurden, einem Afghanen und der Tochter eines Italieners zusammen. „Interkultureller geht’s nicht!“ Sicher: Viele Burschenschaften haben noch immer das Deutschlandprinzip auf der Fahne stehen, doch daneben gibt es auch etwa Corps und Landsmannschaften, die eine politische Ausrichtung explizit ablehnen. Katholische Verbindungen eint der gemeinsame Glaube, Turnerschaften treiben zusammen Sport und selbst Exoten wie Nautische Verbindungen existieren.

„Zuletzt muss ich immer noch erklären, dass nicht jede Verbindung ihre Farben im Band um die Schulter trägt und auch nicht jede ‚schlagend’ ist, also das akademische Fechten praktiziert“, schließt Anne ihren Bericht. Dann gibt sie zu: „Auch wir müssen manchmal über die seltsam anmutenden Bräuche der anderen Korporationen schmunzeln. Aber die machen das bestimmt genau so über uns und solange wir alle miteinander reden ist das doch vollkommen o.k.“.

*Name aus Datenschutzgründen von der Redaktion geändert

von Luise Ham

[ssba]