Ein Leben auf der Platte? Nein, Danke!

Stefan lebt seit vier Jahren auf der Straße – oder Platte, wie er sie nennt. Zwischenzeitlich wohnte er zur Miete. Funktioniert hat das nicht. Trotzdem will er genau das wieder erreichen – dauerhaft. Was bedeutet Heimat für ihn, da er wohnungslos ist?

Stefan lehnt am Tisch. Den bereitgestellten Stuhl ignoriert er. Sein Blick irrt durch das kleine Büro des Tagestreffs für Wohnungslose, seine Unsicherheit versucht er zu überspielen. In blauem Pulli und dunkler Arbeitshose steht er da, leicht verloren. Die linke Hand umschließt eine Plastikflasche, deren Inhalt stark nach Alkohol riecht. Immer griffbereit. Sein Leben, das spielt sich auf der „Platte“ ab. Momentan schläft er am Kröpcke. Weg gescheucht werde er selten, eher toleriert. „Ich hab einen Schlafsack und meine Decke immer dabei. Aber die Steine sind kalt und die Decken werden feucht.“

Stefan setzt seine Flasche wiederholt an, schluckt. Stefan ist 39 Jahre alt und Rentner, darf nach einem Arbeitsunfall nicht mehr arbeiten. Trotzdem würde er gerne. Die Schule hat er abgebrochen. Aber zwei Ausbildungen hat er durchgezogen, sagt er stolz: „Ich bin Koch und Fußbodenleger. Dann kam der Unfall und mein Absturz“. Vor zehn Jahren fiel ihm eine dreieinhalb Zentner schwere Rolle in den Rücken. Das berufliche „Aus“.

Damals besaß er noch eine Wohnung, führte ein geregeltes Leben. „Ich hab so normal gelebt, wie jeder andere auch“, erklärt Stefan und setzt die Flasche erneut an die Lippen. „Nach dem Unfall konnte ich mich kaum bewegen, hatte immer Schmerzen und musste viele Medikamente nehmen“. Als sein Arbeitgeber in Konkurs ging, trieb ihn das auf die Straße und hinein in die Wohnungslosigkeit. „Früher hab ich auch Drogen genommen, um zu vergessen. Alles, was mir in die Finger kam, das ging bis zum Heroin. Heute bin ich clean.“ Lange kämpfte er gegen die Sucht an, von der Straße kam er trotzdem nicht los.

Zur Heimat wurde die „Platte“ für Stefan nie. „Heimat ist für mich eine Wohnung. Mein Zuhause ist da, wo ich Miete zahle“, macht der Frührentner klar. Eine Zeit lang hatte er einen festen Wohnsitz, war drauf und dran, sein Leben zu verändern. „Ich hab mit ein paar anderen Männern zusammengelebt“, erzählt er, „Und dann einfach Pech gehabt“. Seine kleine Rente wurde ausgesetzt, er musste einen Monat ohne Geld überbrücken. „Ich hab mir was von Freunden geliehen, aber das bin ich leid. Ich bin ja kein Schmarotzer.“ Lieber schlägt er sich auf eigene Faust durch.

Hin und wieder besucht Stefan einen Treffpunkt für Wohnungslose, trifft dort Freunde. Ein Gefühl von Heimat bedeutet dieser gegenseitige Austausch für ihn nicht. „Das ist mehr wie ein Café, wo man einander sieht, duschen kann und was isst. Mehr aber auch nicht“, sagt Stefan. „Man hilft sich. Aber Heimat – nein, das ist es nicht. Eine Wohnung wäre besser.“

Von Ellen Hartmann

Foto: Lars Mund

[ssba]