Ein Leben auf der Platte? Nein, danke!

Stefan lebt seit vier Jahren auf der Straße – oder Platte, wie er sie nennt. Zwischenzeitlich wohnte er zur Miete. Funktioniert hat das nicht. Trotzdem sehnt er sich nach einem echten Zuhause. Was bedeutet Heimat für ihn, da er wohnungslos ist?

Stefan lehnt am Tisch. Den für ihn bereitgestellten Stuhl ignoriert er. Sein Blick irrt durch das kleine Büro, seine Unsicherheit versucht er zu überspielen. In seinem blauen Pulli und der dunklen Arbeitshose steht er da, leicht verloren. Die linke Hand umschließt eine Plastikflasche, deren Inhalt stark nach Alkohol riecht. Immer griffbereit. Sein Leben, das spielt sich auf der „Platte“ ab. Und was heißt das? „Naja, Schlafplatz ne“, antwortet er. Momentan schläft er am Kröpcke. „Da sind wir schon monatelang“, sagt der Hannoveraner. Vertrieben wird er selten, eher toleriert. „Ich hab einen Schlafsack und meine Decke immer dabei. Aber die Steine sind kalt und die Decken werden feucht.“ Etwa 284.000 Wohnungslose gab es Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe (BAG W) zufolge im Jahr 2012 in Deutschland. Bis 2016 ist die Anzahl bereits auf 380.000 gestiegen. Bei einigen dieser Menschen spielen, laut BAG W, Suchterkrankungen und psychische Erkrankungen eine Rolle. Auch bei Stefan ist das so. Er setzt seine Flasche wiederholt an den Mund, schluckt. Erst seit ein paar Tagen lebt er wieder auf der Straße. „Davor war ich auch schon vier Jahre draußen. Zwischendurch lande ich immer wieder auf der Platte.“ Stefan ist 39 Jahre alt und bereits Rentner, darf nicht mehr arbeiten seit er einen Arbeitsunfall hatte. Doch er würde gerne. Die Schule hat er abgebrochen. Wie alt er da war, weiß er nicht mehr. Drei Lehren hat er durchgezogen, darauf ist Stefan stolz. „Ich bin ausgebildeter Koch und Fußbodenleger. Dann kam der Unfall und mein Absturz.“ Vor zehn Jahren fiel ihm eine dreieinhalb Zentner schwere Rolle in den Rücken. Seitdem ist er arbeitsunfähig. Damals besaß er noch eine Wohnung, führte ein geregeltes Leben. „Ich hab so normal gelebt, wie jeder andere auch“, erklärt Stefan und setzt die Flasche erneut an die Lippen, „Nach dem Unfall konnte ich mich kaum bewegen, hatte immer Schmerzen und musste viele Medikamente nehmen.“ Als sein Arbeitgeber Konkurs ging, trieb ihn das auf die Straße und hinein in die Wohnungslosigkeit. „Früher hab ich auch Drogen genommen, um zu vergessen. Alles was mir in die Finger kam, das ging bis zum Heroin. Heute bin ich clean.“ Lange kämpfte er gegen die Sucht an, von der Straße kam er trotzdem nicht los. Zur Heimat wurde die „Platte“ für Stefan jedoch nie. „Heimat ist für mich eine Wohnung. Mein Zuhause ist da wo ich Miete zahle“, macht er klar. Eine Zeit lang hatte er einen festen Wohnsitz, war drauf und dran sein Leben zu verändern. „Ich hab mit ein paar anderen Männern zusammengelebt“, erzählt er, „Und dann einfach Pech gehabt.“ Jemand habe seine Post gestohlen, ist er sich sicher. Wodurch ihm seine kleine Rente nicht mehr ausgezahlt wurde und er einen Monat ohne Geld überbrücken musste. „Ich hab mir was von Freunden geliehen, aber das bin ich leid. Ich bin ja kein Schmarotzer.“ Lieber schlägt er sich auf eigene Faust durch. Hilfe erwartet er von niemandem, nicht einmal von den Menschen denen es ähnlich geht wie ihm. Hin und wieder geht Stefan zu einem Treffpunkt für Wohnungslose, trifft dort Freunde. Ein Gefühl von Heimat stellt sich aber nie ein.

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