Die Wartenden   

Ich stehe am Gleis. Mit mir warten Fremde, sind genau wie ich unterwegs – wohin wissen nur sie selbst. Der Zug verspätet sich, ich ärgere mich, doch es lässt mir Zeit zum Denken.  

Manchmal frage ich mich, wie viel Schmerz die Leute neben mir wohl in sich tragen. Und wie viel Freude. Wie viel Hass und wie viel Angst. Vielleicht zerbricht der Frau im grauen Mantel neben mir gerade das Herz. Vielleicht hat der lächelnde Mann mir schräg gegenüber soeben die beste Nachricht seines Lebens bekommen. Was auch immer es sein mag, ich weiß es nicht. Egal, wem diese Menschen ihren Schmerz oder ihrer Angst bereits anvertraut haben, geteilt haben sie diese Emotionen trotzdem nicht. Verbal? Ja. Aber Schmerz aufteilen, geht das? Wohl kaum. Ich wünsche mir, dass wenigstens zwei Drittel dieser Menschen am Bahnsteig glücklich sind. Denn auch wenn es nur ein Drittel ist, so ist es ein Drittel Glück, das sich verdoppelt, wenn man es teilt. Wie ein kleiner Virus. Nur, dass er eben schön und nicht böse ist. Aber Schmerz? Schmerz darf sich nicht halbieren und auf andere Menschen hüpfen. Er darf geteilt, aber nicht auf sich genommen werden. Wenn das Herz bricht, dann gibt es Menschen, die sammeln die Teile auf und versuchen sie wieder zusammenzusetzen. Aber eben nur das und das ist genug. Mehr als genug, denn ohne diese Menschen lägen nun wohl viele kleine Herzsplitter auf den Bahnsteigen dieser Welt.

Ich würde gerne hereinschauen in die Köpfe der um mich herum Wartenden. Würde gerne Mäuschen spielen und wissen, ob sich manche genauso fühlen wie ich. Ob es mehr Herz- als Kopfmenschen gibt oder eben andersherum. Ob sie genau wie ich wissen, dass Schmerz mit der Zeit vergeht und sie ihm dennoch ihre kostbaren Tränen opfern.

Ich sitze endlich im Zug und schaue heraus. Nicht nur ich weine, auch der Himmel tut es. Als ob er mir beipflichten will, dass es okay ist auch mal schwache Momente zu haben. Im Zug ist es still, draußen ist es dunkel. Die Himmelstränen rinnen die Fensterscheibe hinab. Ein Mann räuspert sich. Der Mann mit der guten Nachricht. Er strahlt. Lautlos belächelt er sein Handy, das in seiner Hand ruht. Er schaut auf und sein Blick trifft den meinen. Sein lautloses Lächeln verstummt. Ich schaue auf meine Knie, fühle mich ertappt. Die nächste Station ist die seine und er steht auf. Ich schaue heraus, schlucke einen bitteren Kloß vom Hals in den Magen. Ein leichter Windhauch des Vorbeigehens streicht meine Haut und ich höre die Worte: „Kopf hoch, der Schmerz geht vorüber.“ Ich lächle. Er war einer der zwei Drittel der glücklichen Wartenden. Oder halt der ein Drittel. Zumindest ist er glücklich und hat sein Glück mit mir geteilt. Zwar nur für diesen einen Moment, jedoch tat er, was ihm das Glück zuteilwerden ließ. Denn den Rest, den erledigt die Zeit. Wie bei mir so auch bei den anderen Wartenden. Bis dahin warten wir weiterhin gemeinsam still vor uns hin. Auf den Bahnsteigen dieser Welt. Jeder mit jedem und doch jeder für sich. Aber das ist okay. Denn mit ganz viel Glück ist der Schmerz irgendwann vergessen. Und der Zug auch endlich abgefahren.

Von Franca Lentz

[ssba]