Die Schmerzen des Glücks: Der erste Tag auf dem Camino Francés

„Buen Camino“ heißt übersetzt „Schönen Weg“. Das rufen sich die Pilgerer auf dem Jakobsweg zu. Unsere Autorin Chiara Thies hat den Weg auf sich genommen.

Am Fuß des Gebirges steht ein Mann. Die Berge verschlucken ihn fast. Die Farbe seiner Kleidung vermischt sich mit dem Braun der Umgebung, obwohl er eine knallrote Jacke trägt. Er wirkt verloren in der Landschaft. Nicht mal die Kühe auf der angrenzenden Weide beachten ihn. Er hat kurze, braune Haare, trägt braune Wanderschuhe und eine graue Wanderhose. Konzentriert schaut er auf die Kamera vor sich. Es ist frisch. Ich fühle die Nässe des Taus auf meiner Haut. Es ist halb neun. Die Sonne ist am wolkenlosen Himmel aufgegangen. Es riecht nach feuchter Erde, Kuhscheiße und Blumen. Man hört den Wind durch die Bäume ziehen, Vogelgezwitscher und den Ruf des Fotografen: „Buen Camino“.

Er arbeitet an einem Projekt über den Jakobsweg. Die Floskel „Buen Camino“, übersetzt „Schönen Weg“, ist der Glückszuruf des Weges. Da dies die erste Etappe des Camino Francés ist, macht er Fotos von den aus Frankreich in Saint Jean Pied De Port startenden Pilgern. Vor uns liegen noch 774 Kilometer bis nach Santiago de Compostela. Die Kirche dort ist das Ziel aller Jakobswege, von denen es mehrere gibt. In ihr liegt das Grab des Apostels Jakobus. Santiago ist auch mein Ziel. Allerdings bin ich erst seit zwei Stunden unterwegs. Mein zehn Kilo schwerer Wanderrucksack macht mir langsam zu schaffen. Ich stelle den orangefarbenen Fremdkörper vor mir ab, während ich für das Foto posiere. Er wünscht mir Glück für den weiteren Anstieg. Verwundert schaue ich ihn an. Ich war der Überzeugung, schon den Großteil des heutigen Weges geschafft zu haben. Er lacht nur. Mir würden noch 20 Kilometer und 800 Höhenmeter bis nach Roncesvalles, dem heutigen Etappenende, fehlen. Ernüchtert setze ich meine Reise fort.

Warum tue ich mir das an? Um es allen zu beweisen?

Die Berge erstrecken sich in einer nicht einsehbaren Weite. Der Camino Francés verläuft über die Pyrenäen quer durch Nordspanien. Dabei geht es durch die Regionen Navarra, Rioja, Nordkastilien und Galicien. Der Pilgerweg entstand im elften Jahrhundert unter König Sancho dem Dritten von Navarra. Er verband die Königsstädte Jaca, Pamplona, Burgos und Léon miteinander. Sämtliche Herrscher Nordspaniens bemühten sich damals durch Privilegien französische Siedler anzuziehen. Daher stammt der Name Camino Francés, was „Französischer Weg“ bedeutet. 2015 entschieden sich 66 % aller in Santiago ankommenden Jakobswegpilger für diesen Weg. Bis nach Santiago sind es noch fünf Wochen. Heute muss ich nach Roncesvalles.

Dort komme ich um 19 Uhr an. Die Ehrenamtlichen der Herberge fragen mich besorgt, ob ich mich im Gebirge verlaufen hätte. Verwundert verneine ich die Frage. „Warum kommst du dann so spät?“, fragt mich der Herbergsleiter auf Deutsch. Ich werde rot. Meine offensichtliche Unsportlichkeit ist der Grund. Hätte ich mich doch vorbereitet wie all die Anderen. Aber in meinem 18-jährigen Leichtsinn habe ich das nicht für nötig gehalten. Ich bekomme den zweiten Stempel in meinen Pilgerpass und er führt mich zu dem mir zugeteilten Bett für heute Nacht. Erschöpft falle ich hinein und will nicht mehr aufstehen. Warum zum Teufel tue ich mir das an? Um es allen zu beweisen? Um zu mir zu finden? Trotz meiner Schmerzen fühle ich mich auf eine trotzige Weise glücklich.

In einem Schlafsaal mit 70 Stockbetten

Ich hole meinen Pilgerpass hervor und schaue das historische Wappen von Roncesvalles an. Die Stempel erhält man in jeder Herberge, in der man übernachtet. Wenn man seine Compostela in Santiago erhalten möchte, dienen sie als Nachweis. Die Compostela ist ein lateinischer Text und die Bescheinigung der katholischen Kirche, dass man den Jakobsweg gelaufen ist. Denn der Camino ist ursprünglich ein religiöser Weg. Pilgert man ihn in einem heiligen Jahr, erlässt einem die Kirche alle Sünden. Dafür muss man jedoch nur die letzten 100 Kilometer zurückgelegt haben.

Aber ich musste mich ja für 800 Kilometer entscheiden. Mir tuen Knochen und Muskeln weh, von denen ich nicht wusste, dass ich sie besitze. Auf meinem Rücken sind rote Striemen von den Rucksackriemen. Als ich aufstehen möchte, zucke ich vor Schmerzen zusammen und lege mich wieder hin. Erst jetzt fällt mir auf, wie groß der Schlafsaal ist. Die Herberge befindet sich bereits seit Jahrhunderten in einer alten Kirche. Die kalten, hohen Steinmauern und die von der Decke hängenden Kronleuchter verleihen dem Saal etwas Düsteres. In dem Schlafsaal stehen 70 Stockbetten. Heute Nacht werde ich, dank schnarchender Bettnachbarn, wahrscheinlich nicht schlafen können. Erschöpft schließe ich die Augen und murmele: „Buen Camino“. Der Fotograf von heute morgen hat mir versprochen, mir mein Foto zuzuschicken. Wie es wohl neben dem Bild meiner Ankunft in Santiago aussehen wird?

Von Chiara Thies

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