Die Revoluzzerin

Ich muss euch was gestehen. Heute muss ich es einfach loswerden. Puh, gar nicht so leicht. Okay. Ich gehöre zu den Freaks, die auf Live-Konzerten mitsingen. Ich hab es einfach nicht anders gelernt, andere machen das doch auch. Ich dachte, das wäre okay! Bis zu meinem letzten Konzert. Obwohl wir  weiter hinten saßen, war die Stimmung um meine Freunde und mich ausgelassen. Alle haben mitgesungen. Alle. Und ich auch. Wie die Verrückten.

Erst, als ich den Blick meines Vordermannes bemerkte, wurde ich stutzig. Er beäugte seine Umgebung misstrauisch und überheblich, wie ein erzkonservativer Akademiker vor einer Sonderschulklasse. Überhaupt schien er sich überhaupt nicht zu amüsieren. Lässig gelangweilt den Arm um die Freundin gelegt, ab und an mit der anderen Hand die Gel-Frisur wieder an den Kopf geklebt. Als sein abfälliger Blick mich traf, stieg etwas in mir auf. Ein Gefühl, das wohl bereits die französischen Revolutionäre,  Che Guevara und Han Solo übermannt hatte: Ich strebte energisch nach Widerstand und Rebellion. Ich starrte ihm direkt in die Augen und…sang mit. Laut und mit fester Stimme. Und ich kann euch sagen, das war großartig.

Wisst ihr was? Ich bin gerne ein Freak.

Von Leonie Gebhard

Foto: Lara Sagen

[ssba]