Die Reisenden

Unsere Poesie-Autorin Maike Skerstins beschäftigt sich heute mit dem Reisen.

Und so ging und kam er von seinen Reisen immerzu an des Nachbarn Tür vorbei. „Ich sage dir, eines Tages wird sich deine Blauäugigkeit rächen“, mahnte er den Reisenden. Der Weltenbummler hörte sich die Warnungen nun seit Jahren an, und kehrte mit abenteuerlichen Geschichten, exotischen Mitbringsel, einem heilen Körper und wohlgenährtem Geiste jedes Mal unversehrt zurück. „Diesmal hattest du Glück“, pflegte der Nachbar dann zu sagen, ohne den Erfahrungen, die der Reisende mit ihm teilte, auch nur im geringsten Anerkennung zu schenken. „So viele schon, die einst in diesem Haus wohnten, habe ich durch ihre naive Art zu reisen verloren. Ich warnte sie jedes Mal, bevor sie aufbrachen und habe damit immer Recht behalten. Es kam und kommt der Tag, an dem sie nicht wiederkehren.“

Es wurde ruhig im Haus. Der Reisende musste wieder seine kostbare Zeit gegen Geld tauschen, um in näher rückender Zukunft erneut seinen Rucksack packen zu können. Der Nachbar hingegen zog es vor, sich von der Außenwelt abzuschotten, denn zu jeder Zeit wandelt Gefahr auf den Straßen. Gar alles ihm nicht bekannte, entgegnete er mit einem Gesichtsausdruck von Unbehagen. Es kam der Tag, an dem das Konto gedeckt und der Rucksack gefüllt war. Der Weltenbummler brach auf – wohl zu seiner letzten Reise aus diesem Haus. „Ich sage dir, diesmal wird etwas passieren. Nur der Tod ist sicher, alles andere ist ungewiss“, mahnte einmal mehr der Nachbar. Und wieder nickte der Reisende mit einem höflichen verständnisvollen, aber distanzierten Bejahen seine mahnende Prophezeiung ab und wusste, dass er diesmal wohl Recht behalten würde. So geschah es, dass der Reisende nimmer mehr erschien. Es verging Jahr auf Jahr, als der Nachbar – spähend am Guckloch seiner rauen Holztür – nun keine Menschenseele mehr erblickte. Eines Tages, am späten Morgen, sah er den Postboten an der Haustür im Hof halten. Ängstlich – vor dem Unbekannten – schlich er an sein Guckloch, denn Post hatte der vereinsamte Mann nicht erwartet. Es stand geschrieben:

„Lieber Nachbar,

ich schreibe Dir, um Dich im Wissen zu lassen, dass du Recht hattest. Ein Jeder verließ das Haus, auf Grund deiner Angst vor dem Ungewissen, die Du verbreitet hast. So weiß ich um die Gefahr, die das Leben mit sich bringt, nur erinnere ich mich nicht täglich zwanghaft daran. Welch grausames Erwachen es doch morgendlich wäre!“

Das Schreiben erwiderte der Nachbar unverzüglich.

„Lieber Reisender,

ich habe dieses Haus nun seit langem in Besitz. Hiermit schenke ich es Dir, mit der Bitte, daraus eine Unterkunft für Rastende zu errichten, denn ankommen werden wir alle mal.

Gezeichnet der reisende Nachbar.“

Bereits sieben Tage später war das Haus vollends leer. So machte sich auch der Nachbar auf die Reise, auf seine erste, denn für ihn war nur eines sicher. Sein Ausdruck im Gesicht schien zu Lebzeiten niemals so unbeschwert wie an jenem Nachmittag.

Von Maike Skerstins

[ssba]