Die Antworten des Islam

Behutsam kämmt Julia ihre langen, blonden Haare. Sie greift nach dem
Haargummi, das auf dem weißen Badezimmerschrank vor ihr liegt, und bindet sie
zu einem hohen Dutt. Sie entscheidet sich heute für ein smaragd-grünes Tuch mit
grauen, runden Mustern darauf. Nachdem sie ihre Haare unter einem schwarzen
Untertuch versteckt hat, verhüllt sie sorgsam ihren Kopf samt Ohren, ihren Hals
und auch ein Teil ihrer Schultern mit dem grünen Stoff.

Auf Make Up verzichtet sie, genauso wie auf Schmuck oder Nagellack. Lediglich eine Armbanduhr ziert ihr rechtes Handgelenk. Ihre Nägel sind kurz und gepflegt. Sie putzt sich die Zähne mit
der rechten Hand. Ihr bodenlanger, dunkelgrauer Rock und ihr beige-farbener
Pullover liegen ihr locker am Körper. „Fertig“, sagt sie und betrachtet sich lächelnd
in ihrem Badezimmerspiegel.

„Ich bezeuge, dass niemand mit Recht und Wahrheit angebetet werden darf außer
Allah und ich bezeuge, dass Muhammad sein Diener und letzter Gesandter ist.“ Die
Worte des muslimischen Glaubensbekenntnisses sprudeln aus Julias Mund. Sie
sitzt in ihrem Zimmer auf dem blauen Sofa, gegenüber von Nurul, einer
muslimischen Freundin. In ihrer Mitte auf dem Glastisch liegt jenes braune Buch,
das Julia alle Antworten gab, die sie in ihrem monotonen Leben je gesucht hat. Die
Konversion ist durch das Aussprechen des Bekenntnisses abgeschlossen. Neben
dem Bekenntnis verspricht sie, fünfmal täglich zu beten. Sie verspricht, Almosen an
die Bedürftigen abzugeben und während des Ramadan zu fasten. Sie verspricht,
einmal in ihrem Leben nach Mekka zu pilgern. Das sind die fünf Säulen des Islam.
Natürlich verzichtet sie auch auf berauschende oder verbotene (Lebens-)Mittel wie
Alkohol, Zigaretten, Schweinefleisch oder Fleisch, das nicht rituell geschlachtet
wurde. Sie tut Gutes grundsätzlich mit der rechten Hand. Sie besucht die Moschee,
auch, wenn sie das als Frau nicht tun muss. Sie möchte alles richtig machen. Sie
lebt für die Religion. „Endlich weiß ich, zu welchem Zweck ich auf der Welt bin.
Allah zu dienen und als Geschenk dafür am jüngsten Tag das Paradies zu
erreichen, das ist der Sinn meines Lebens.“

Sie betritt das orangefarbene Haus mit den vielen Fenstern, das durch einen
kleinen Turm namens Minarett verziert ist. Zwei bärtige Männer in Gewändern
kommen ihr im Flur entgegen, sie hält ihren Blick gesenkt. Sie betritt den mit rotem
Teppich ausgelegten Gebetsraum, in dem sich viele Frauen angeregt unterhalten.
An den Wänden stehen Regale, die mit Büchern gefüllt sind. Es duftet nach
Moschus. Die tiefe Stimme des Imam ertönt durch ein Mikrofon. Dadurch sind der
Frauen- und Männerraum miteinander verbunden. Julia reiht sich zwischen den
Frauen ein. Das Gebet in der Moschee beginnt.

Ihr Tagesablauf ist geregelt. Zu Beginn des Tages – das Morgengebet. Frühstücken,
duschen, zur Universität fahren, zwei Vorlesungen besuchen – das Mittagsgebet.
Mittagessen, mit Kommilitonen plaudern, sich einen ruhigen Platz suchen – das
Nachmittagsgebet. Nach Hause kommen, lesen, sich weiterbilden, etwas
Sinnvolles tun. In die Moschee fahren, in der sie sich mit ihren muslimischen
Freundinnen, die sie Schwestern nennt, verabredet hat – das Abendgebet.
Zusammen plaudern, die Regeln für die kommende Fastenzeit durchgehen – das
Nachtgebet. Nach Hause fahren, ins Bett fallen – glücklich. Tag ein, Tag aus.
Julia steht vor dem Waschbecken. Mit so wenig Wasser wie möglich und ohne
Seife wäscht sie sich die Hände, führt sie zum Mund und spült Wasser durch Mund
und Nase. Dann pustet sie das Wasser aus der Nase heraus, wäscht sich das
Gesicht vom Haaransatz bis zum Kinn, streicht erst über den rechten, dann den
linken Unterarm, vom Ellenbogen bis zu den Fingern. Danach ein wenig Wasser
über den Kopf und wieder zurück, über die Ohren, den rechten Fuß bis
einschließlich dem Knöchel, dasselbe mit dem linken. Diese Routineprozedur
dauert nicht mal eine ganze Minute. Sie richtet sich nach Mekka aus, legt ihre
Hände überkreuz, der rechte liegt auf dem linken Arm. Der Blick geht Richtung
Boden, auf den sie sich niederwirft. Sie liest die erste Sure des Korans und etwas,
was sie zusätzlich aus dem heiligen Buch rezitieren möchte. Dann verbeugt sie
sich mit geradem Rücken und gestreckten Armen und Beinen, kommt aus der
Verbeugung wieder hoch und hebt die Hände. Danach wirft sie sich nieder, wobei
ihre sieben Körperstellen, Füße, Knie, Hände und Gesicht den Boden berühren.
Ihre Ellenbogen sind aufgestellt. Sie setzt sich auf, legt die Hände auf ihre Beine
und wirft sich erneut nieder. Dann steht sie auf. Bei jedem Bewegungswechsel
spricht sie, auf Arabisch, wie in Trance die Worte „Allah ist größer“. Den Ablauf
wiederholt sie noch einmal. Als sie damit fertig ist, bleibt sie sitzen, blickt über die
rechte, dann über die linke Schulter, spricht noch einige Gedenksprüche und
beendet damit das Gebet.

Der große Tag ist fast gekommen. Julias Mutter wird übermorgen 60 Jahre alt, eine
riesige Familienfeier mit sämtlichen Verwandten, teurem Essen und viel Musik ist
geplant. Für Julia unvorstellbar. „Geburtstage feiern wir Muslime nicht, da es
ursprünglich ein christlicher Brauch ist.“ Ihr Vater zieht die Augenbrauen hoch, sein
Entsetzen ist ihm anzusehen. „Du wirst nicht kommen? Nach 22 Jahren gratulierst
du deiner eigenen Mutter nicht einmal zum Geburtstag?“ Die Worte ihres Vaters
hallen in Julias Kopf nach. Sie blickt auf ihre Hände. Sein Unverständnis lässt sie
nicht kalt. Dennoch kann sie es nicht mit sich vereinbaren, zu der Feier zu gehen.
Sie weiß, wo ihre Prioritäten liegen.

„Wie viele Kinder möchtest du? Wie oft praktizierst du? Wie stellst du dir eine Ehe
vor?“ Diese und viele weitere Fragen prasseln auf Julia ein. Sie sitzt gegenüber von
Ednan, ihrem potentiellen Traumpartner, und nippt an ihrem Tee. Auch seine Eltern
sind anwesend, genauso wie der Imam ihrer Moschee, als ihr Vormund. Diese
Situation ist nicht ungewöhnlich für sie, denn genauso funktioniert das „Daten“ in
der muslimischen Welt. „Wir wissen beide, wozu wir auf dieser Welt sind, von daher
ist es doch viel einfacher, alles direkt anzusprechen“, sagt sie. Üblicherweise
werden ihr die Männer durch Schwestern vermittelt. Ist der Partner erst einmal
gefunden, dauert es nur wenige Wochen, bis die Hochzeit stattfindet. „Ich wünsche
mir zwei gesunde Kinder, im Idealfall einen Jungen und ein Mädchen“, beginnt
Julia, Ednans Fragen zu beantworten.

Früher war diese Art von „Dating“ kaum vorstellbar. „Ich hol dich um 11 Uhr ab“. Ein
typischer Samstagabend für Julia. Sie liest die Nachricht ihrer besten Freundin. 10
Minuten nur noch. Sie ist geduscht, stark geschminkt, hat die Haare zu einer
aufwändigen Hochsteckfrisur zusammengesteckt. Der Alkohol war natürlich bereits
eingekauft. Sie kann es kaum erwarten sich mit ihren Mädels hemmungslos zu
betrinken und spät nachts in ihrer Stammdisko zu versacken. Heute geht es in die
Baggi, den Club, den sie wie ihre Westentasche kennt. „Wann kommst du heim?“,
hört sie ihren Vater fragen. „Vor 6 Uhr bestimmt nicht, du kennst mich“, ruft sie ihm
lachend zu während sie das Haus verlässt und zu ihren Freunden ins Auto steigt.
„Verdammt – siehst du mal wieder gut aus“, wird sie von Tim begrüßt. Sie lächelt.
Mit ihren langen dunklen Wimpern und den roten Lippen ist sie unwiderstehlich und
das weiß sie auch.

Das Klicken des Türschlosses begleitet Julia auf dem Weg in ihre Wohnung. Sie
hängt ihren Parker an die Garderobe, streift ihre Sandalen ab und geht in ihr
Badezimmer. Sie ist kaputt. Da sie ihr Nachtgebet bereits in der Moschee absolviert
hat, darf sie gleich in ihr Bett fallen. Sie stellt sich vor den Badezimmerspiegel,
wäscht ihr Gesicht mit lauwarmen Wasser und trocknet es sanft mit einem weichen
Handtuch ab. Es ist spät. Die Uhr zeigt mittlerweile 23:35 Uhr. In wenigen Stunden
klingelt der Wecker passend zur Morgendämmerung, um das Morgengebet zu
verrichten. „Ich freue mich auf jeden neuen Tag, den ich erleben darf und bin
dankbar für alles, was morgen passiert“ sagt sie, während sie ihr Kopftuch löst.

Von Gina Kaemmerer

Foto: Lara Sagen

[ssba]