„Der Schauspieler muss voll und ganz an das glauben, was er auf der Bühne denkt und sagt.“

Method-Acting ist eine Schauspieltechnik, durch die der Darsteller so tief in seine Figur eintaucht, dass er sie nicht mehr spielt, sondern wortwörtlich verkörpert. Eigene Erinnerungen, Gefühle und Erfahrungen stellt er in den Dienst des portraitierten Charakters, um sich damit zu identifizieren.

 

Der Ursprung dieser Methode lässt sich auf das „System“ des russischen Schauspielers und Regis­seurs Konstantin Stanislawski im 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Stanislawskis Idee war, dass gute Schauspielkunst immer eine Reflexion der Wahrheit sein muss, die nicht vorgespielt werden kann. Seine Vorstellungen von Wirklichkeitstreue erforderten eine deutliche Abkehr von den überhöhten Rolleninterpretationen, die für die damalige Zeit üblich waren. Solche Darstellungsweisen würden heutzutage an Satire grenzen. Stanislawskis „System“ hingegen ermutigte junge Schauspieler zur Identifikation mit der jeweiligen Rolle und leitete sie entsprechend an. Sie sollten sich innerlich und praktisch mit ihrer Figur auseinandersetzen und sie dann, aufgrund ihres eigenen Erlebens und Verstehens, menschlich glaubhaft und authentisch darstellen.

Lee Strasberg gilt als der eigentliche Geburtshelfer des Method-Actings. Strasberg, durch Stanislawskis „System“ inspiriert, lehrte in den vierziger Jahren seine Schauspielschüler die „Methode“. So bezeichnete er seine persönliche Philosophie der Schauspielkunst und seine Übungstechnik, durch welche die Schauspieler ihre Rolle in sich selbst erfahren und entwickeln sollten. Das Ziel war die völlige Identifikation mit der Rolle.

Obwohl sowohl das „System“ Stanislawskis als auch Strasbergs „Methode“ die Schauspielschüler ermutigt, ihre persönlichen Erfahrungen in die Rolle einfließen zu lassen, gibt es doch einen großen Unterschied zwischen den beiden Konzepten: Die „Methode“ ermutigt dazu, gezielt neue Erfahrungen zu machen, um diese danach in die Rolle einbringen zu können. Das „System“ hingegen greift lediglich auf bereits vorhandene Erinnerungen und Gefühle zurück, um sie für die Rolle zu nutzen. Die Schauspieler sollen die Situationen ihrer Rollenfigur aus eigener Anschauung kennenlernen. „Der Schauspieler muss voll und ganz an das glauben, was er auf der Bühne denkt und sagt“, so Strasberg.

Zu Strasbergs Schülern gehören Hollywoodgrößen wie Paul Newman, Al Pacino, Marylin Monroe und Jack Nicholson.

Die Technik
Method-Acting ermutigt Schauspieler dazu, ihre Erfahrungen zu nutzen, um sich mit der darzustellenden Figur persönlich zu identifizieren. Sie sollen lernen, sie emotional und kognitiv zu begreifen. Wenn sie bereits über entsprechende Erfahrungen aus dem eigenen Leben verfügen, nutzen sie diese, um sich in das Erleben der Figur hineinzuversetzen. Manchmal müssen sie jedoch eine Situation erst einmal live hervorrufen, um sie persönlich nachempfinden zu können. Zum Konzept des Method-Actings gehören außerdem Techniken wie Platzhalter, Stereotypen, Arbeit mit Tieren oder auch Gedächtnistraining. Strasberg nutzte Fragen wie „Was würde mich motivieren so zu handeln, wie die Figur es tut?“ In Übungssituationen werden die Darsteller angewiesen, die Umstände im Film gegen Umständen aus ihrem Privatleben auszutauschen, um die Reaktionen natürlicher gestalten zu können.

Schauspieler, die mit Method-Acting arbeiten, versuchen häufig, die äußeren Lebensumstände der Figur nachzustellen, um mehr Verständnis für ihr Sein zu bekommen. Das kann sich bis zum Extrem steigern und kann deshalb auch gefährlich, sogar lebensgefährlich werden. Es kommt vor, dass Dar­steller sich weigern zu essen, zu schlafen oder in irgendeiner Form ihre gewohnten sozialen Kontakte zu pflegen. Zusätzlich sprechen viele Schauspieler mit Psychologen, um sogar unbewusste Motive ihrer Figuren zu entdecken und in ihre Arbeit einzubeziehen.

Die ersten Adaptionen der Technik

Aus dem Ursprungssystem von Stanislawski adaptierten mit der Zeit weitere US-Schauspiellehrer ihren eigenen Stil. Der von Sanford Meisner gelehrte Ansatz ist sogar von seiner persönlichen Zusammenarbeit mit Stanislawski geprägt. Er kommt dem modernen Ansatz zur Schauspielausbildung sehr nahe. Seinen Schülern erklärte er: „Schauspielen ist die Fähigkeit wahrhaftig unter vorgegebenen imaginären Umständen zu leben.“ Strasbergs gefühlsbasierte Schule ließ Meisner jedoch hinter sich, da dieser Ansatz seiner Meinung nach die Schauspieler zur Selbstfixierung verführte. Das sah er als Hindernis für die Übermittlung der Geschichte der Figur.  Stattdessen lehrte er die Schüler, sich auf ihre Schauspielpartner zu konzentrieren und innerhalb der Rolle so natürlich wie möglich zu handeln, gegebenenfalls auch zu improvisieren. Er entwarf interaktive Übungen, die den Darstellern helfen sollten, sich emotional in die Szene zu versetzen und von dort aus wahrhaftig als der dargestellte Charakter zu reagieren.  Robert Lewis dagegen war ein Verfechter des Stimmtrainings, das er stärker in das emotionale Training integriert sehen wollte. Er stellte emotionsbasiertes Sprach- und Körpertraining ins Zentrum und sah darin das eigentliche Method-Acting. Stella Adler unterrichtete Schauspielgrößen wie Marlon Brando, Warren Beatty und Robert De Niro. Auch sie adaptierte das System anders als Strasberg. Adler studierte direkt unter Stanislawski – zu einer Zeit, als Stanislawski selbst bereits einige seiner ursprünglichen Ideen weiterentwickelt hatte. Adlers Version der Methode basiert auf der Idee, dass Darsteller Emotionen nicht aus ihrem eigenen Erleben hervorholen, sondern auf die gegebenen Umstände am Set reagieren sollten. Wie auch bei Strasberg basiert Adlers Technik auf Ausführungsübungen von Aufgaben, Wünschen, Bedürfnissen und Zielen. Sich nur auf eigene Erfahrungen zu verlassen ist ihr entschieden zu wenig, da man sich dabei nur selbst beschränken würde. Adler ermutigte ihre Schüler daher dazu, ihre Vorstellungskraft zu nutzen und das emotionale Gedächtnis vollständig auszureizen.

Ohne Maske

Der erste große Meister des Method-Actings war Marlon Brando. Brando hatte von Stella Adler gelernt, wie man sich sogar dann in Charaktere hineinversetzen kann, wenn man sie eigentlich nicht ausstehen kann. So verkörperte Brando 1951 in dem Film „Endstation Sehnsucht“ Stanley Kowalski mit einer solchen Natürlichkeit und Authentizität, dass die Zuschauer von dieser Glaubwürdigkeit überwältigt waren. Sie hatten Derartiges vorher noch nie in einem Film gesehen. Damals stellten Schauspieler ihre Rollen oft noch sehr überhöht dar. Umso mehr beeindruckte Brando, der seine Figur eine pure, rohe Männlichkeit ausstrahlen ließ. Der schreiende, murmelnde und schroffe Kowalski hätte authentischer nicht sein können, da sich Brando die dazu passenden, ursprünglichen Bewegungen der Figur bei Affen abgeschaut hatte.
Marlon Brandos Performanz revolutionierte die Schauspielwelt. Er setzte sich keine Maske auf, er führte nichts vor. Es wirkte so, als wäre Kowalski Brando und Brando Kowalski. Vor Brando hatten Darsteller ihre Rollen angezogen wie Kostüme, sich fiktive Masken aufgesetzt und sich bemüht, diesen zu entsprechen. So waren sie nicht sie selbst und ihr Spiel wirkte nicht natürlich, sondern künstlich und überhöht. Es war das, was man „theatralisch“ nennt: Gutes Theater im heutigen Sinne ist das eben nicht, sondern authentisch, obwohl es gespielt ist.

Perfektioniert wurde Method-Acting jedoch erst nach Brando. In den siebziger Jahren intensivierten Schauspieler wie Al Pacino, Robert De Niro und Dustin Hoffmann die Vorbereitung für ihre Rollen bis zum Äußersten. Dazu gehörte etwa Schlafentzug oder auch starke körperliche Transformationen.

Wo ist die Grenze?

Method-Acting hat jedoch auch seine Schattenseiten. Viele prominente Schauspieler und Regisseure bezeugen, dass es schwierig ist mit Darstellern zu arbeiten, die diese Methode anwenden. Einer der Gründe ist die lange Vorbereitungszeit, wenn beispielsweise ein Schauspieler vor seinem Einsatz stark zu- oder abnehmen muss oder aber etwas Neues lernen, wie etwa Klavierspielen oder Taxifahren. Andere Kritiker bemängeln, dass die Darsteller nicht einmal in den Drehpausen von ihrer Rolle abweichen und entsprechend angesprochen werden möchten. Die vielfach preisgekrönte Schauspielerin Lillian Gish spitzte ihre Kritik scharf zu: Nach dieser Philosophie, so Gish, könne man den Tod erst spielen, nachdem man ihn selbst erlebt habe.

Die bedingungslose Hingabe kann zu weit gehen. Nach dem Tod von Philipp Seymour Hoffman erschien Anfang 2014 ein Artikel im „New Yorker“ mit der Überschrift „Zerstört Method-Acting die Schauspieler?“ Hoffman hatte unablässig in sich selbst nach der Leidenschaft der Charakterrollen gesucht. Seine Mimik und Gestik veränderten sich analog zu seinen Rollen und Beobachter stellten fest, dass sich auch der Mensch Hoffman fortlaufend veränderte. Hatte er zu viel von sich selbst in seinen Rollen aufgehen lassen und sich letztendlich darin verloren? Der Artikel beschreibt eine beständige Grenzüberschreitung bis zu dem Punkt, an dem Hoffman nicht mehr mit seinen eigenen Emotionen umgehen konnte.

Der Schauspieler Will Smith hat Method-Acting nur einmal ausprobiert. In „With Six Degrees of Separation“ tauchte er 1993 so tief in seine Figur ein, dass er sich tatsächlich in seine Schauspielkollegin Stockard Channing bzw. in ihre Charakterrolle verliebte. Dies stellte er jedoch erst nach Drehende fest, als er zuhause saß und Liebeskummer empfand. Smith bereute sehr so weit gegangen zu sein und hält sich seitdem davon fern. Er nennt es „seinen Kopf umprogrammieren“. Man spiele dabei mit der eigenen Psyche herum. Smith rät zur Vorsicht und warnt, dass Method-Acting ein wirklich gefährliches Gebiet sei, wenn man darin gut sein wolle.

Der heutige Star des Method-Acting ist Daniel Day-Lewis. Auch er kam bereits mehrfach an sein Limit. Im Vorfeld zu den Dreharbeiten zum Film „Der letzte Mohikaner“ lebte er 1992 mehrere Monate in der Wildnis und aß nur das Fleisch von Tieren, die er selbst erlegt hatte. Nach dem Dreh hielt er es kaum länger als eine Stunde in einem geschlossenen Raum aus und litt außerdem unter leichten Halluzinationen. Dennoch ist Method-Acting nach wie vor seine favorisierte Methode. Beim Dreh zu „Gangs of New York“ im Jahre 2002 weigerte er sich warme Kleidung anzuziehen und holte sich prompt eine Lungenentzündung. Während der Dreharbeiten zu seinem bisher letzten Film „Lincoln“ fiel er schließlich auf, weil er nicht nur am Set, sondern auch in den Drehpausen in seiner Rolle angesprochen werden wollte. Seine Schauspielkollegin Sally Field berichtet, er habe sogar in der Sprache der Zeit getextet und sie habe im gleichen Stil zurücktexten müssen. „Lincoln“ gewann zwei Oscars. Einer davon ging an den „Besten Hauptdarsteller“ Daniel Day-Lewis, bereits seine dritte Auszeichnung in dieser Kategorie. Geschafft hat dies vor ihm kein anderer Schauspieler.

Von Jessica Preuss

[ssba]