Der Schatten im Hintergrund

Wahlkampfslogan der CDU bei der ersten Landtagswahl 1946 –

1946 fand die erste Landtagswahl in der sowjetischen Besatzungszone nach Ende des 2. Weltkriegs statt. Viele Deutsche waren verunsichert: Freie Wahlen hatte es seit Jahren nicht mehr gegeben. Jessica Preuss hat sich in die fiktive Erstwählerin Jutta Schulze 1946 hineinversetzt.

„Pst! Das ist vorbei – wir wählen frei“, steht auf einem Wahlplakat der Christlich Demokratischen Union (CDU).

Heute ist der Krieg vorbei und wir dürfen zum ersten Mal wieder wählen gehen. Das Land, wie wir es kannten, existiert nicht mehr. Wir müssen es erst wieder aufbauen. Die Streitkräfte fremder Nationen haben jetzt das Sagen und sorgen für Ordnung. Sie haben versprochen, uns zu helfen unser Land wieder aufzubauen, die Kriegsverbrecher hinter Gittern zu bringen und neue Strukturen mit uns gemeinsam aufzubauen. Im Zuge dessen dürfen wir nun das erste Mal wieder wählen.

„Pst“… Das kenne ich, so bin ich aufgewachsen. Man muss aufpassen, was man sagt. Ich darf nicht schlecht über den Führer reden, sagte meine Mutti immer. Aber der ist jetzt tot. Trotz­dem habe ich immer noch das Gefühl, dass ich aufpassen muss, was ich sage. Das hat man mir so beigebracht. „Pst!“, machte meine Mutti, als nebenan eine Bombe einschlug, „Pst!“, machte meine Mutti, als ich weinte vor Hunger. Und „Pst!“, macht meine Mutti heute noch, wenn ich frage, was die Uniformierten vor unserer Tür machen.

„Das ist vorbei.“ Wie kann das jetzt vorbei sein? Meine Mutti sagt immer noch, dass ich auf­passen muss, was ich sage. Was ist vorbei? Vieles liegt noch in Schutt und Asche. Die letzten Jahre herrschte Krieg. Panzer rollten durch unsere Straßen und Bomben prasselten auf unsere Häuser und Schulen nieder. Ist das jetzt wirklich alles vorbei? Darf man wirklich offen sagen, was man für richtig hält? „Wir wählen frei“. Ich durfte noch nie wählen. Frei wählen, was ist das eigentlich? Dass ich jetzt die Auswahl habe, wen ich wählen möchte, oder dass ich mich auch frei fühlen darf?

„Wir wählen frei“. Wir dürfen laut sagen, was wir denken. Die Zeit der gemachten Meinun­gen ist vorbei. Meine Mutti sagt, sie traue dem Braten nicht. Auf dem Bild ist der Schatten eines Mannes im Hintergrund zu sehen. Was macht der da? Beobachtet der mich? Läuft er mir hinterher und kontrolliert, ob ich mich auch an alle Regeln halte, oder ist das der Schatten der Vergangenheit? Da steht „Es ist vorbei“.

Von Jessica Preuss

[ssba]