Der Kult-Treffpunkt am Bahnhof in Hannover: „Unter’m Schwanz“

Er hat sich als Treffpunkt etabliert. Er bietet Orientierung. Hier treffen täglich tausende Menschen aufeinander: Das Reiterdenkmal „Ernst August“ in Hannover. Was hat es mit diesem Treffpunkt auf sich? Ich als Hannoveranerin präsentiere euch mal meine Sichtweise…

Gestern um diese Uhrzeit renne ich in – für meine Verhältnisse – hoher Geschwindigkeit durch Koffer, umherirrende Leute, leicht übersehbare Hunde und schaffe es tatsächlich mit einem Sprung aus dem voll-überfüllten Hauptbahnhof.

Dieser Anblick…

Die vertrauten Fassaden um mich herum, das ein oder andere bekannte Gesicht, die Wasserfontänen, die spielenden Kinder. Alles so familiär und gewohnt. Hannovers Innenstadt eben!

Unglaublich: Ernst Augusts Denkmal bewacht dieses Panorama schon seit 150 Jahren.

Genau so stolz wie Ernst August blickt, präsentiere ich meinen Freunden aus anderen Städten meine Heimat. Die Treppen, die vom Reiterstandbild hinab in die „Passarelle“ reichen, führten mich öfters zu Bahnstationen, Veggie-Falafel Buden, zur Bäckerei und dem Chinesen mit dem leckersten Sushi Hannovers.

Selbstbewusst stelle ich mich unter den Schweif am tollen Hengst-Hintern und warte auf meine Schwester. Mit Kopfhörern im Ohr hoffe ich, dass meine bessere Hälfte mir endlich Bescheid gibt, wann ihr Zug Gleis 2 erreicht.

In solchen Situationen ist doch meine liebste Beschäftigung, Menschen zu beobachten. Also wandert mein Blick zum Typen neben mir. Vermutlich wartet er auf sein „Lovoo“-Blinddate – in der Hoffnung, dass ihre Bilder auch nur ansatzweise der Realität entsprechen. Der Typ hat die Hände in den Hosentaschen, um cooler zu wirken. Daneben sitzt ein Hipster mit Bart, Jutebeutel, Beats-Kopfhörern und New-Balance-Turnschuhen auf dem Boden vor der Statue. Fehlt nur noch das „Clubmate“-Getränk und willkommen in der heutigen Generation! Mein Blick geht weiter zu der älteren Dame, die unter’m Denkmal mit ihrem Chihuahua in der rechten und einem „Balzac“-Frischkäse-Bagel in der linken Hand die Leere fixiert, während das Schoßhündchen ihre halbe Mahlzeit verschlingt.

Ganz gleich, ob verrantzer Punk, junger Kerl mit Erzeugerfraktion oder Oma mit Köter – sie alle haben eines gemeinsam: Den Treffpunkt schlechthin in Hannover, das „Ernst-August“-Denkmal. Echte Hannoveraner sind mit dem ehemaligen Landesvater und seinem Hengst aufgewachsen. Für viele ist es eine Art Heimat – definiert als eine Beziehung zwischen Mensch und Raum. Oder, wie es der deutsche Philosoph Alexander von Villers anno 1812 sagte: „Der Mensch hat immer eine Heimat, und wäre es nur der Ort, wo er gestern war und heute nicht mehr ist.

Von Juliane Maleika

Foto: Angela Siems

[ssba]