Der Irrpfad der gehässigen Fruchtfliege

Sie sprang am Morgen in die linke Ecke des Dachbodens. Am Abend schließlich war die Spinne aber in der rechten Ecke einer Diele am Weben. „Ach du kleine Fliege, wie schwer ich es doch habe. Immerzu neue Ideen, dabei beende ich die Arbeit meiner Leistungen nicht.“
Die kleine Fruchtfliege hörte sich das Leiden der Spinne – seit unzähligen Fehlversuchen ein fertiges Netz zu weben – geduldig an. In Selbstmitleid verfallend, ergründete die Spinne ihr Scheitern: „Wer bin ich, es als qualvoll zu erachten, nachts keinen Schlaf zu erhaschen vor lauter kreativen Einfällen. So sollte ich mich doch als glücklich betrachten. Der Mangel an Schlaf ist es nicht, was mich zum Verzweifeln bringt, zur Trauer, zur Entmutigung, auch nur einen Einfall umzusetzen – es ist die Vielzahl, die mich bricht.“ „So – du glaubst also nicht, dass du dir womöglich einfach nur selbst im Weg hängst? Von dir wird doch nicht viel erwartet. Spinne ein Netz und schon hast du deiner Anwesenheit alle Ehre erwiesen“, spottete die Fliege.

Die Spinne kroch am nächsten Morgen bereits sehr früh aus einer der unzähligen Holzrisse in den Dielen. „Na, hast du das Netz fertig, um mich endlich einzufangen?“, spottete die Fliege erneut. „Wohl eher nicht! Du webst ja immer noch von Eck zu Eck.“ Darauf die Spinne:
„Na und ob. Ich habe gelernt und verstanden wie ich es nun zu machen habe, denn du als mein Ziel warst einfach nur zu klein, zu unbedeutend für meine Träume.“

Und so spann die Spinne bei allem Ehrgeiz, den sie aufbringen konnte, den gesamten Dachboden voller Netze. Nicht, um etwa Fliegen einzufangen, sondern um Tauwasser zu sammeln, das sich in den Fäden verfing. Das gepflückte Wasser trug sie Tropfen für Tropfen in eine Schale zu Boden. Von dem Moment an genoss sie voller Stolz ihre Blicke auf das Werk. Und sollte mal wieder der Hunger aufkommen, so musste die Spinne nur ihre Beinchen ausstrecken und nach einer Stechmücke greifen, die durch den Tümpel angezogen wurde. Und die gehässige Fruchtfliege? Sie starb letztendlich, wie man es auch nicht anders von ihr erwartet hatte, durch den Hieb einer Fliegenklatsche.

Von Maike Skerstins

Foto: Milena Schwoge

[ssba]