Der Geschmack von Heimat

Im „Bauch von Hannover“ ist es laut. Und voll. Menschen, die drängeln, lachen und essen. Das wohl Schwierigste ist die Entscheidung: Wohin soll meine Reise gehen? Italien, Spanien, vielleicht in die Türkei? In Hannovers Markthalle ist all das möglich. Und mich zieht es nach Südafrika.

Von weitem erkenne ich schon die Farben, rot und schwarz, in der Mitte das umgekehrte grüne Ypsilon: Die Flagge Südafrikas über einem der Stände. Ich habe mich durch die Menschenmassen in der Markthalle geschoben und mich den Versuchungen von Curry und frischen Salaten entzogen. Geradezu genötigt wird man hier, von jeder Ecke eine andere Einladung, aber ich habe eine Mission, einen Auftrag und endlich bin ich angekommen: In Südafrika. Ein Mann mittleren Alters, mit ernstem Gesicht, drückt mir seine Visitenkarte in die Hand: „Der Südafrikaner“ steht in dicken schwarzen Lettern zwischen einem Zebrakopf und einer Giraffe. Er zieht die Augenbrauen hoch, als ich ihn über mein Vorhaben aufkläre, ihn und seine Heimat genauer kennenzulernen. Scheinbar widerwillig lässt er sich auf den Barhocker neben mir fallen. Er verschränkt die Arme. Er nimmt einen Schluck von seiner Limo, kratzt sich kurz über den fast kahlen Kopf und fragt: „Was wollen Sie jetzt eigentlich genau wissen?“

Ich bin etwas überrascht: Ich hatte mit einem Zulu gerechnet oder mit einem Buren, doch der Mann neben mir könnte auch aus Spanien oder Mexico stammen. Er streicht die Ärmel seines orangefarbenen Kapuzenpullis glatt und fängt dann doch an zu erzählen – über seine Heimat Südafrika. „Unsere Küche ist bunt, sie wurde über 360 Jahre lang beeinflusst“ – von Niederländern, aber auch von Indern, Malaien und anderen.

Dean A. Yon betreibt seinen Stand mit südafrikanischen Spezialitäten und Lebensart. Damit ist er seit 2009 ein Teil des „Bauchs von Hannover“, der Markthalle. Vor 15 Jahren zog ihn die Liebe aus seiner Heimat Kapstadt hierher. Durch seinen Vater bestärkt, etablierte er sich mit Lebensmitteln, Weinen und Kunsthandwerk aus Südafrika auf dem deutschen Markt. „Was wir hier machen, ist nirgends zu finden, mein Vater sagte mir, dass ich für diese Idee bestimmt mal eine Medaille bekäme!“ Ich versuche, Yon zu folgen, er redet unheimlich schnell und mit einem ausgeprägten Akzent.

Ich stelle mir die afrikanische Kultur und ihre Speisen in einem kurzen Gedankenstreif vor: Mir fallen neben Giraffen und Wüstensand Currygerichte ein, gelbes Curry mit Reis. Ob das wohl stimmen mag? Ich frage Dean A. Yon, der mich mit seinen großen dunkelbraunen Augen aufmerksam beobachtet. „Wir essen Boerwors und Mealie-Pap, also Bratwurst und Brei aus Maismehl. Außerdem machen wir viel Bobotie oder Biltong, das ist stark gewürztes Dörrfleisch. Das Fleisch kommt von unterschiedlichen Gazellenarten, aber ich bevorzuge eher Rindfleisch“.

Yons Mitarbeiterin, eine blonde, zierliche Frau, reicht uns eine kleine Schale mit braunen, hauchdünnen Streifen. Das besagte Biltong muss ich als Vegetarierin leider ablehnen, es erinnert mich aber stark an das aus den USA bekannte „Beef Jerky“. Yon nimmt sich einen Streifen, hält ihn mit seinen großen Händen nach oben, um mir die Konsistenz vor Augen zu führen und schiebt ihn sich anschließend in den Mund. Kurz darauf muss der Südafrikaner sich entschuldigen, um einen Stammgast zu begrüßen.

Derweil schaue ich mir die Auslage in seinen Regalen an. Neben Giraffen aus Holz und Straußeneiern reihen sich Flaschen mit „Savannah Dry“, einer Art Cider, oder unterschiedliche Marinaden und Würzmischungen. Daneben Weinflaschen mit schillernd bunten Etiketten, die mich ein wenig an die Südafrikanische Nationalflagge erinnern.

Die Weine interessieren mich. Was sich hinter Namen wie „Chocolate Block“ wohl verbergen mag? „Der ausschlaggebende Faktor, der unsere Weine besser als europäische macht, ist die Sonne. Die Trauben haben durch die gute Bestrahlung mehr Zucker. Ich habe viele meiner Freunde und Bekannte zu Liebhabern südafrikanischer Weine gemacht.“ Dass Wein ein so lukratives Geschäft sein kann, hätte ich nicht erwartet. „Der Südafrikaner“ ist gut besucht. Yon plaudert mit seinen Gästen bei einem Glas Wein und eine paar Streifen des selbstgemachten „Biltong“.

Der Mann mir gegenüber taut langsam auf. Die Frage, was ihn an seine Heimat erinnert, brauche ich nicht zu stellen. Man muss „Den Südafrikaner“ nur einmal besuchen, dann bekommt man die Antwort. Dean A. Jon war clever: Er ein Stück seiner Heimat einfach eingepackt und hier wieder aufgebaut – in Hannover, dem Ort, der ihm nicht mehr fremd ist.

Mit einem Lächeln bittet mich Yon ihm zu folgen. Wir gehen um seinen Stand herum – und ich traue meinen Augen kaum: Mitten in der nüchternen 50er-Jahre Architektur der Markthalle steht eine Holzhütte. Ein afrikanisches Postkartenidyll. Hinter einem blickdichten Plastikvorhang versteckt sich ein weiteres kleines Stück Afrika: Barhocker aus Bambus, Tierfelle und eine Reihe von Holzmasken fordern auf, einen von den speziellen Weinsorten aus Yons Repertoire zu probieren. Der „Chocolate Block“ geht mir irgendwie nicht mehr aus dem Kopf. „Das hier wird die ‚Buschbar‘, eröffnet wird am 6.10, meinem Geburtstag.“ sagt er lächelnd. Zum ersten Mal erreicht sein Lachen jetzt auch seine Augen: „Von hier aus beobachten wir dann die Deutschen“.

Von Juliane Maleika

Foto: Leonie Herzfeldt

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