Das Vegan Spring und seine fleischfreien Landratten

Popmusik schallt aus den Lautsprecherboxen und Bierbänke, umzingelt von zahlreichen bunten Ständen, reihen sich aneinander. Es riecht nach Fleisch, gebratenem Fleisch. Überall sind Schilder mit Tiermotiven angebracht. Glücklich Kühe, geschlachtete Schweine – getreu dem Motto: So soll es sein und so ist es leider.

Die Sonne scheint und meint es damit gut mit der Initiative Veganes Hannover, die zum vierten Mal das vegane Frühlingsfest am Steintorplatz in Hannovers Stadtmitte veranstaltet. Wenngleich das mit dem Fleisch also nicht ganz der Wahrheit entsprechen kann, umgibt Hannovers Stadtmitte an diesem Sonnabendvormittag doch so etwas wie Jahrmarktatmosphäre. Grund genug, um sich einmal etwas genauer zwischen Wildkräuter und Veggie Döner umzuschauen.

Menschen drängen sich dicht aneinander, um einen Blick auf Biopaste, Wurstalternative und Co. zu erhaschen. Anja Widdel und ihre Kollegen von Nature’s Food geben freundlich Auskunft, interessierte Veganer oder jene, die es werden wollen, gibt es genug. „Die Leute sind neugierig und stellen Fragen zu unseren Produkten. Das Frühlingsfest wird von Jahr zu Jahr größer und findet bei den Menschen immer mehr Anklang“, berichtet Widdel. Das Nature’s Food ist in der veganen Szene längst keine Unbekannte mehr. Im Herzen von Linden-Nord, der Limmerstraße, eröffnete Inhaber Christian Leibeguth 2011 Norddeutschlands ersten Vegan-Shop. Das Sortiment reicht von Tofu in allen Variationen bis hin zu Waschmittel. Doch nicht nur ethische Aspekte sind laut Widdel gute Gründe, um den eigenen Kühl- und auch Kleiderschrank zur tierfreien Zone zu erklären: „Vegane Ernährung ist ein Gewinn in ganz vielen Lebensbereichen. Es trägt nicht nur zu einem anderen Gesundheitsbewusstsein bei, sondern regt auch dazu an neue Dinge auszuprobieren. Oft veranstalten Veganer Kochkurse, tauschen sich über Rezepte aus. So entsteht auch ein Gemeinschaftsgefühl.“

Nur einige Meter weiter geht es weniger farbenfroh, aber ebenso freundlich zu. „Einen kleinen Moment noch, ich muss Kleingeld besorgen“, sagt Sebastian Christ und verschwindet kurzerhand hinter den Stand. Es ist viel zu tun. Buttons und Pullover sind begehrt, Infogespräche werden geführt und immer wieder müssen die leeren Plastikboxen mit neuen Flyern versorgt werden. Dass der in schwarz-weiß gehaltene Stand ein großer Anziehungspunkt ist, kommt nicht von ungefähr. Seit nunmehr sechs Jahren läuft auf DMAX die Sendung Whale Wars, in der Gründer Paul Watson und seine Kollegen von der Non-Profit-Organisation Sea Shepherd der japanischen Walfangflotte den Kampf ansagen. Christ, der die Sea Shepherd-Ortsgruppe Hannover-Kassel leitet, und seine Mitstreiter sind nach eigenen Aussagen eher „die Landratten“ der Organisation. „Wir starten jetzt aktuell in Bremen mit der Operation Sturmmöwe. 2013 wurden die Nester dieser überhaupt größten Sturmmöwenkolonie geplündert, jetzt bewachen wir und andere freiwillige Helfer die Brutwiese“, erzählt Christ, der anfügt: „Ich bin zum zweiten Mal bei dem Fest dabei und finde es klasse, dass sich so viele Menschen für unsere und auch die Arbeit der anderen Organisationen interessieren.“

Knapp 30 Meter Luftlinie entfernt, schwingt Thomas Meiseberg vom Wissenschaftsladen Hannover auf der Bühne den Kochlöffel. Unter dem Programmpunkt „Mittwochsküche“ versorgt er die Besucher bei seiner Live-Kochshow mit veganen Gerichten. Nur selten hat er Zeit nach oben zu schauen, immer wieder schiebt sich ein neuer Teller vor seine Nase, der bedeckt werden möchte. „Es macht Spaß hier zu kochen. Ich bin nicht zum ersten Mal hier“, sagt Meiseberg und verschwindet auch schon wieder hinter dem Kochtopf. Wem die Kochtipps von Meiseberg noch nicht reichen, sollte sich künftig den Mittwochabend freihalten. Von 17 bis 19 Uhr können Kochbegeisterte, Neugierige, aber auch einfach nur Hungrige, die in Gesellschaft essen wollen, ins Kulturzentrum Faust kommen. Unter dem Motto „Nachhaltiges Gemeinschaftskochen“ veranstaltet der Wissenschaftsladen wöchentlich einen Kochabend. Einzige Bedingung: Vegan und bio müssen die mitgebrachten Produkte sein.

Ein Motto, dem sich auch die Firma 4K Catering verschrieben hat. „Wir sind das erste Mal beim Vegan Spring und kommen nächstes Jahr gern wieder“, sagt Gründer Christian Mohr, der mit seinem veganen Cateringunternehmen Künstler, Techniker und Hochzeitsgäste gleichermaßen beglückt. Bei dem Anblick der angebotenen Produkte hielt sich die Skepsis der Besucher in Grenzen: „Skepsis gibt es eher auf Veranstaltungen, die nicht vegan ausgerichtet sind. Beim Vegan Spring sind die Menschen eher interessiert und neugierig“, beschreibt Mohr. Bratwurst aus Seitan (Weizeneiweiß), Soja Steaks, ein köstlich duftendes Chilli und Tiramisu – spätestens nach dem Besuch bei Mohr und seinen Kollegen hat sich auch die Frage nach dem anfänglichen Fleischgeruch erledigt. Es mag kein echtes Steak in der Pfanne liegen, riechen tut es aber ebenso gut. Und schmecken, das versichern die zahlreichen Besucher, die sich abwechselnd mit einer Serviette den Fleisch…pardon…Pflanzensaft vom Kinn wischen, tut es ebenfalls.

Von Maria Kurth

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