Das Supermarkt-Dilemma

19.02: Eins, zwei oder drei – letzte Chance vorbei. Mit einem Toastbrot in der Hand haste ich zu Kasse zwei, denn dort ist die Schlange am kürzesten. Vor mir stehen drei Menschen, angeführt vom Mann der Kassiererin. „Rudolf, wir essen doch kein Weißbrot, das macht dick“, schnauft die Kassiererin, während sie mit ihren Wurstfingern auf dem Bildschirm herum tatscht, um das Weißbrot zu stornieren. Dann schickt sie ihren Mann los, um Graubrot zu holen. Heimlich stecke ich ihm im Vorbeigehen drei Scheiben Toastbrot zu. Rudolf lächelt dankbar.

19.42: Ich bleibe an Kasse Nummer zwei stehen. Auch wenn mein Magen flüsternd das Wort „Abendessen“ knurrt: Das typische Supermarkt-Dilemma will ich austricksen. Sobald man die Schlange wechselt, geht es auf einmal an der vorherigen Kasse viel schneller voran. Ganz vorne steht nun eine Oma. Mit zittrigen Fingern kramt sie in ihrer Geldbörse, um 6,78 Euro in Centstücken zu bezahlen. „Das kann ich noch alleine“, faucht sie, als die Kassiererin ihr Hilfe anbietet.

20.04: Schließlich hat sie es geschafft. Die Menschen in Schlange zwei applaudieren, Oma ballt eine Siegerfaust und versucht sich unter „Au, mein Rücken“-Genuschel zu verbeugen.

20.21: Alle Einkäufe sind in ihrem Rollator verstaut. Im Schneckentempo schlappt sie aus dem Supermarkt. Mein Magen hat mich mittlerweile überzeugt, das Toastbrot in meiner Hand zu essen. An der Reihe ist jetzt ein bärtiger Typ. In der Wartezeit hat er seine 0,2 Liter Flasche Wodka bereits geleert und sich eine neue genommen. Die leere Flasche will er nicht bezahlen. Es könne schließlich niemand beweisen, dass er sie „aaauschgetrunk’n“ habe. Da er nicht locker lässt, ruft die Kassiererin die Polizei. Alle Menschen in Schlange zwei müssen im Supermarkt bleiben.

21.00: Die Polizei ist da. Weil der Supermarkt aber nun schließt, lässt die Kassiererin sie nicht herein. Die Kunden an Kasse zwei sollen bis morgen hier warten, sie habe nun Feierabend.  Ich lege mich auf den Boden und decke mich mit meiner leeren Toastbrotverpackung zu. Vielleicht hätte ich mich doch lieber an Kasse eins anstellen sollen.

Von Sarah Franke

Foto: Lara Sagen

[ssba]