Das Monster in mir

Kennt ihr diese schrecklichen Kreaturen aus den alten Horrormärchen, mit langen scharfen Klauen, rot blitzenden Augen und zerzaustem Fell? Ja? Das bin ich. Ich in der Prüfungsphase.

Ja, ich werde ein bisschen zuweilen ein wenig unliebsam, um nicht zu sagen angespannt. Wenn man Glück hat, knurre ich nur leise. Wenn man Pech hat, fauche ich auch schon mal und zeige die gefährlichen Krallen. Und wenn man ganz großes Pech hat, erwacht die Bestie in ihrer ganzen zornigen Macht. (Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass „Tür anlehnen“ und „Tür schließen“ auch wirklich zwei verschiedene Dinge sind.)

Und obwohl meine Laune in dieser strapaziösen Zeit einer biblischen Plage gleicht, hat, mein werter Lebensabschnittsgefährte mir noch keinen Zwinger für den Hinterhof gezimmert. Er könnte dem geifernden, fauchenden und zerzausten Monster eine Silberkugel ins Herz jagen oder es betäuben und einem Forschungsteam übergeben. Früher hat man derartige Biester mit Fackeln und Mistgabeln in den Wald gescheucht. Aber nein! Seine Nerven sind stabiler als Drafi Deutschers Liebesbekundungen.

Geduldig streichelt er mir den Kopf und ignoriert das Grollen in meiner Kehle. Er füllt meinen Napf ohne Angst vor meinen Reißzähnen und lässt mich nach einem anstrengenden Tag sogar bei ihm im Bett schlafen.

Liebsten Dank, mein Schatz – du bist der beste Raubtierdompteur der Welt!

Von Leonie Gebhard

Foto: Jessica Preuss

[ssba]