Das Bild der Welt

Wie Eurozentrismus unsere Weltanschauung beeinflusst

Die Welt in meinem Kopf

Karten sind Wissenspeicher. Auf Karten für Kinder findet man oft die Tiere der entsprechenden Region, Höhen- oder Tiefenmessungen auf Atlanten, politische Grenzen oder natürliche Verläufe auf politischen Karten. Die Informationen auf ihrer Oberfläche geben aber oft auch die gesellschaftliche Sichtweise ihrer Herstellungszeit wieder. Die Darstellung einer Weltkarte beeinflusst unsere Weltanschauung auf diese, unsere Erde. Um die Freiheit unserer Gedanken und kognitive Wahrnehmung zu bewahren, sollten wir unser Weltbild manchmal auf den Kopf stellen.

Karten waren auch immer ein Ausdruck von Macht, wie es der amerikanische Geograph Brian Harley treffend formulierte. In einem gewissen Rahmen hängt nämlich auch die Auswahl der Informationen von den Entscheidungen des jeweiligen Kartographen ab. Weltbilder geben daher nie die Realität in einem „objektiven“ Sinne wieder, sondern unterliegen zeitgenössischer Deutung, Normen und dem jeweilige, Wissen. Wie Texte haben Atlanten daher eine Oberfläche und weitere Subtexte, die sich nur dem Betrachter erschließen, wenn man die jeweiligen Karten im Kontext ihrer Epoche betrachtet.

Auf dem ersten Bild ist die Gestalt der Welt zu sehen, wie der Großteil der Menschheit, nicht nur in Europa, sie in den Köpfen hat und als wahres Bild der Realität in sich trägt. So als wäre sie etwas tatsächlich existierendes oder gar Objektives. Von Europa aus wurde die ganze Erde kartographiert und beschrieben. Es ist daher nur folgerichtig, dass die allgegenwärtige Perspektive auf die Welt eine eurozentrische ist. Europa ist in der Mitte, zwar recht klein aber deutlich erkennbar und blickt von oben auf alle anderen Teile herab. Durch die angedeutete Rundung sind die Größenverhältnisse bereits ein bisschen angepasster, doch auch diese trügen noch immer. Denn Europa ist noch kleiner.

Wir denken über dieses uns gegebene Bild nicht nach, es ist eben so. Doch die Darstellung dieser Karte ist eben kein Naturgesetz, die eurozentrische Abbildung der Welt auf einer Karte ist menschengemacht und damit subjektiv und intendiert.

Eurozentrismus und seine Folgen

Es besteht keinerlei Grund, die Erde so zu zeigen, wie wir es aus unseren Büchern aus der Schule kennen. Es existieren unzählige weitere Möglichkeiten wie wir unsere Welt wahrnehmen könnten. Würden zum Beispiel die Kalaallit, also die indigene Bevölkerung Grönlands, die Welt „entdecken“, dann würde unsere Karte vermutlich wie in der nächsten Abbildung links die uns vertraute Darstellung der Welt sein. Oder würde wiederum die – nicht vorhandene – Bevölkerung der Antarktis die Welt kolonialiseren, würden wir wohl die Karte rechts in unseren Geographiebüchern finden.

Bildquelle: Daniel R. Strebe (CC-BY-SA 3.0)

Die Weltkarte steht für die Weltsicht

Karten strahlen eine gewisse Faszination aus, mit dem jeder spätestens in der Schulzeit erstmals in Kontakt kommt. Einige Menschen erinnern sich sogar spontan an bestimmte Lieblingskarten aus dem Dierkes-Atlas, an deren Farben oder bereits veralterte Länderumrisse. Bei diesen Karten in den Köpfen der Menschen spricht man von sogenannten „mental maps“ oder „kognitiven Karten“, die aber wesentlich mehr sind als bloße Repräsentationen topographischer Gegebenheiten.

Sie geben eine gewisse Weltsicht wieder. Zum Beispiel denken viele Menschen, dass Australien „Down Under“ sei oder Grönland ungefähr so groß wie Afrika. Das Grönland mit einer Fläche von rund 2 Millionen Quadratkilometern fast 15 mal in das 30 Millionen Quadratkilometer große Afrika passt, ist vielen dank der vorgefertigten Weltsicht nicht bewusst. Durch diese verfestigen sich Ressentiments und gewisse Stereotypen.

Organisationsprinzipien

Um reale Landkarten jedoch zu verstehen setzt es die Kenntnis ihrer Organisationsprinzipien und Standards voraus, die uns erlauben, eine Karte ähnlich wie ein Buch zu lesen. Sieht man einmal von Sprachkenntnissen und geringen Unterschieden in der Projektion der Größenanordnung ab, so könnten wir uns in heutigen vorhandenen chinesischen oder afrikanischen Weltkarte gleichermaßen orientieren. Das Problem ist bei den abertausenden Weltkarten nur die Frage nach einer möglichst realen und diskriminierungsfreien Darstellung unseres Globus auf einem geraden Stück Papier.

Eine diskriminerungsfreie Weltanschauung

Die neuste und genauste Projektion der Kontinente ist 2016 dem Japaner Hajime Narukawa gelungen, für die er den Good Design Award gewonnen hat. Seine AuthaGraph-Weltkarte funktioniert nach dem Prinzip der Buckminster Filler Dymaxion map. Die Dymaxion map oder Fuller Map ist durch ihre Darstellung als ein Ikosaeder in der Lage, die relativen Größenunterschiede durch ihre Falttechnik auszugleichen.

Die Weiterentwicklung von Narukawa ergibt nicht nur eine genauere Abbildung der Landmassen, sondern die Karte lässt sich mosaiktisch wie eine MC-Escher-Grafik aufbauen. Das heisst, man kann die Karte endlos in ihrem Rahmen verschieben und erhält immer eine stimmige Karte, selbst wenn man die Karte als ein Viereck oder Dreieck faltet. Und durch ihre sehr eigenwillige Darstellung unseres Erdballs, ergibt sich kein zentrales Land als Mittelpunkt unserer Welt. Dieses Konzept überzeugte die Juroren des Good Design Awards mit der Begründung, dass gerade in einer globalisierten Welt wie der unseren sich die Verantwortung ändert und daraus auch die Weltanschauung.

von Torben Friedrich
[ssba]