Cops better run

Die Rückkehr politisch motivierter Gewalt auf deutsche Straßen

„Alerta, Alerta, Antifascista!“ Tobias Stimme klingt nahezu euphorisch, wenn er die Worte den zwei Meter entfernt stehenden Polizisten entgegen schmettert. Zusammen mit dem 18-Jährigen brüllen dutzende schwarz gekleidete Personen. Alle tragen Sonnenbrillen und Mützen oder tief ins Gesicht gezogene Kapuzen. Viele vermummen sich zusätzlich mit dunklen Halstüchern. Ihre Stimmen vermag der dünne Stoff aber nicht zu dämpfen. Noch mehrere Straßen weiter sind ihre Parolen zu hören. „Die rechten Schweine sollen wissen, dass wir kommen“, sagt Tobias und zieht mit dem sogenannten ‚Schwarzen Block‘ aus Autonomen weiter durch die Straßen seiner Heimatstadt Hannover. Ihr Ziel ist der Busbahnhof, wo sich an diesem Samstagvormittag rund 3000 Personen zu einer Demonstration unter dem Motto Hooligans gegen Salafisten (HoGeSa) versammelt haben.

Tobias nimmt zum ersten Mal an einer Demonstration teil. „Man darf diesem Nazi-Pack keine Bühne geben“, ist der Abiturient überzeugt. Gemeinsam mit seinen Freunden Marc und Patrick hat er sich früh am Morgen auf den Weg zur Gegendemo gemacht. Mit der Straßenbahn fahren die drei jungen Männer Richtung Königsworther Platz. Hier wollen sie Tobias älteren Bruder Stefan treffen, der ihre Eintrittskarte in die linksradikale Szene ist. „Um halb 10 ist Lagebesprechung“, erklärt Tobias, „Aber umziehen sollen wir uns erst später hat Stefan gesagt.“ Die Blicke des Trios wandern zu den Rucksäcken, die sie zwischen ihren Beinen abgestellt haben. Als Patrick den Inhalt zeigt, wird zwischen Mütze, Sonnenbrille und Halstuch auch ein Verbandspäckchen sichtbar. „Zur Sicherheit, ich weiß ja nicht, was noch passiert.“ Die Gefahr von Verletzungen scheint allgegenwärtig, auch wenn sich die drei Freunde vorgenommen haben, einen Rückzieher zu machen, wenn die Situation eskaliert. Auf Auseinandersetzungen sind sie aber vorbereitet, „egal ob mit Faschos oder Bullen“, so Tobias. In den Nachrichten haben die Jugendlichen die Ausschreitungen während der HoGeSa-Demo in Köln verfolgt. Trotzdem wollen sie dieses Mal dabei sein.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz äußert sich in seinem jüngsten Bericht (Stand: Juni 2014) besorgt über die Entwicklungen im Linksextremismus. Demnach sei die Zahl der gewaltbereiten Linksextremen gegenüber dem Vorjahr zwar gesunken, das Gewaltpotential selbst aber deutlich angestiegen. Dies wird besonders an der starken Zunahme von Gewalttaten wie Körperverletzungen und Widerstandsdelikten festgemacht.

Mittlerweile ist es kurz nach 10 Uhr und die drei Freunde sind nicht mehr allein unterwegs. Gemeinsam mit etwa 30 schwarz gekleideten Gestalten gehen sie vom Königsworther Platz Richtung Innenstadt. Tobias, Marc und Patrick hören einem Mann zu, der gleich neben ihnen geht. Mit über 1,90 Körpergröße, breiten Schultern und 124 Kilo Körpergewicht hebt sich seine Erscheinung deutlich von den Jugendlichen ab. Es ist Tobias‘ Bruder Stefan. Ein dunkelbrauner Vollbart und kantige Gesichtszüge lassen den 28-Jährigen deutlich älter erscheinen. Auf der Rückseite seines schwarzen Kapuzenpullovers leuchten die Worte ‚No Place for Homophobia, Facism, Sexism, Racism & Hate‘ in weißer Schrift. Stefan bezeichnet sich selbst als Aktivist gegen Unrecht und hat nach eigenen Angaben schon an dutzenden Demonstrationen teilgenommen. Die Bilanz: Etliche Verletzungen und vier Verhaftungen. Seine Erfahrungen teilt er mit seinem jüngeren Bruder und dessen Freunden. „Macht euch keine Sorgen. Solange ihr nicht alleine durch die Stadt lauft, kann euch nichts passieren“, erklärt Stefan.

Am Steintor hat sich die Gruppe unter eine große Menschenmenge gemischt. Nach Polizeiangaben sind mehr als 4600 Gegendemonstranten auf den Straßen, um ihre Ablehnung gegenüber der HoGeSa-Veranstaltung zu zeigen. Die drei Freunde stehen mit ihren dunkel gekleideten Begleitern in der Mitte des Platzes. Nicht weit von der Gruppe parkt ein großer Transporter, auf dessen Ladefläche eine Lautsprecheranlage aufgebaut ist. Musik dröhnt über den Platz und viele singen die Texte lautstark mit. Auch Tobias stimmt mit ein: „All our rage for the nazi scum, we are coming, start to run.“

Kurze Zeit später sind Tobias und seine Freunde Richtung Hauptbahnhof unterwegs. Entgegen dem Rat seines Bruders haben sie sich von der großen Gruppe getrennt und wollen den Teilnehmern der HoGeSa-Demo schon bei ihrer Ankunft zeigen, dass sie unerwünscht sind. Die Atmosphäre auf den Straßen der Innenstadt ist spürbar angespannt. Deutlich weniger Passanten haben sich an diesem Samstag in die niedersächsische Landeshauptstadt gewagt. Die wenigen, die nicht auf ihren Einkaufstrip verzichten wollten, eilen von einem Ladeneingang zum nächsten. Keine lauten Unterhaltungen, kein Lachen ist zu hören. „Irgendwie unwirklich, oder?“, bemerkt Patrick. Die Freunde nicken nur und gehen weiter Richtung Bahnhof.

Wenige hundert Meter vor ihrem Ziel bleibt Marc plötzlich abrupt stehen und deutet mit einer Kopfbewegung nach vorn. Eine Gruppe dunkel gekleideter Männer kommt ihnen auf der anderen Straßenseite entgegen. Einige tragen große Deutschlandfahnen. „Scheiße“, murmelt Marc und greift nervös an seine Jacke, an der ein leuchtend roter Anstecker der Linken prangt. „Einfach weiter gehen“, sagt Tobias und geht voran. Ein Radfahrer nähert sich den Männern auf der anderen Straßenseite. Als er sich auf gleicher Höhe befindet, wirft er einen Getränkebecher in die Gruppe und ruft: „Für die Freiheit, für das Leben, Nazis von den Straßen fegen!“ Einige Männer setzen zur Verfolgung an, doch mehr als Flüche erreichen den lachenden Radfahrer nicht. Zornig blicken sich die Männer um und entdecken die Jugendlichen. Als sie den roten Anstecker bemerken, macht einer der Männer ein paar Schritte auf die Jugendlichen zu. Er trägt kurzes braunes Haar und eine schwarze Lederjacke mit einem Aufnäher, auf dem zu lesen ist: Cops better run.  „Findet Ihr das lustig?“, ruft er über die Straße. „Und wie! Du scheiß Fascho!“, ruft Patrick bevor die anderen reagieren können. Noch im selben Augenblick haben sich die drei Freunde bereits umgedreht und  fangen an zu laufen. Erst als sie die Verfolger abgehängt glauben, verlangsamen sie ihre Schritte.

Einige Zeit später haben sich die Gegendemonstranten in Bewegung gesetzt und ziehen durch die Straßen der Stadt Richtung Busbahnhof. Tobias, Marc und Patrick sind wieder mittendrin im ‚Schwarzen Block‘. Ihre Parolen brüllend bewegen sie sich durch die Innenstadt. Abgeschirmt wird die Prozession von einer Kette aus Polizeibeamten in massiver Schutzkleidung. Passanten weichen weitläufig aus oder bleiben neugierig am Straßenrand stehen. In der Nähe des Busbahnhofes trifft Tobias seinen Bruder wieder. Der spült gerade einem anderen Mann die Augen mit Wasser aus. „Scheiß Bullen“, klagt dieser unter Schmerzen. Seine Augen sind tiefrot unterlaufen. „Pfefferspray“, sagt Stefan nur, als die drei Jugendlichen ihn fragend anschauen. Ein Gruppe Autonome hat versucht durch die Polizeiabsperrung zu brechen. Mehrere Hundertschaften bilden zusammen mit dutzenden Einsatzfahrzeugen mit Wasserwerfern und berittenen Polizeibeamten einen Schutzwall um die HoGeSa-Veranstaltung. Der Spiegel wird später von mindestens 5000 Polizisten berichten, die im Einsatz gewesen sein sollen. Mitglieder des Schwarzen Blocks brüllen den Beamten wüste Beleidigungen entgegen, es bleibt aber bei vereinzelten Rangeleien.

Tobias und seine Freunde sind noch bis in die Abendstunden auf den Straßen, liefern sich Wortgefechte mit Polizisten und verhöhnen die abreisenden HoGeSa-Demonstranten. Zu gewaltsamen Ausschreitungen wie wenige Wochen zuvor in Köln, wo 45 Polizeibeamte verletzt wurden, kommt es in Hannover nicht mehr. Für den 18-Jährigen war dieser Tag nur der Anfang. Bei der nächsten Gegendemo will er wieder mit dabei sein. „Auch wenn ich dafür quer durch Deutschland reisen muss“, erklärt er. „Irgendwie müssen wir das faschistische Übel ja bekämpfen.“ Zusammen mit Marc und Patrick ist er auf dem Weg zur nächsten Bahnhaltestelle. Während sie durch die Straßen der Stadt laufen, sind in einiger Entfernung wieder Parolen zu hören. Lauthals erwidern die drei Freunde den Ruf: „Alerta, Alerta, Antifascista!“

Von Nico Dodoo

[ssba]