Cochlea-Implantat wider Willen

Cochlea-Implantat; Foto: Lisa P. Schröter

„Die Welt der Hörgeschädigten ist klein.“ Eine Welt, in der sie sich sicher fühlen, verstanden und akzeptiert. In der man sich untereinander kennt und hilft. Doch außerhalb davon, sieht es nicht immer so aus. Obwohl viele Hörgeschädigte ihren Alltag meistern und mit ihrer Situation mehr als gut zurechtkommen, gibt es Skeptiker. Ein Fall aus Niedersachsen zeigt aktuell, wie wenig selbst manche Mediziner von der Lebensrealität gehörloser Menschen zu wissen scheinen und wie Vorurteils behaftet diese „Behinderung“ noch immer ist:
Das Familiengericht in Goslar entscheidet derzeit darüber, ob einem gehörlosen Kleinkind gegen den Willen der Eltern ein so genanntes Cochlea-Implantat eingesetzt werden soll, welches das Hören imitiert. Ein Arzt hatte Ende letzten Jahres geklagt, nachdem die komplett gehörlose Familie sich gegen die Implantation des Kindes entschieden hatte. Ihm zufolge, sei eine solche Entscheidung unverantwortlich.

(Die ganze Geschichte zum Nachlesen.)

Die 24- jährige Claudia Jakob besitzt ein solches, von Insidern gerne durch CI abgekürztes, Implantat.
Derzeit macht sie eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement bei der Lebenshilfe in Peine – Burgdorf.

Sie gibt Denkansätze aus der Sicht einer Betroffenen.

„Also Zwangsimplantation finde ich generell erst mal Mist. Es gibt ja den ersten Artikel im Grundgesetz: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Und dementsprechend finde ich, man kann auf keinen Fall jemanden zu so einem persönlichen Schritt zwingen. Die Begründung, von der ich mir vorstellen kann, dass einige sie bringen, ist die der unterlassenen Hilfeleistung.
Aber das greift für mich in diesem Fall nicht. Das Kind stirbt schließlich nicht dadurch und ist auch nicht in akuter Gefahr. Natürlich ist es wichtig, dass man darüber aufklärt, welche Folgen eine OP hat und welche Möglichkeiten ein CI bietet. Aber wenn man dieses Aufklärungsgespräch hatte und die Eltern sagen immer noch, sie wollen das nicht, dann sollte man das akzeptieren. Das sollte schließlich die eigene Entscheidung sein.
Es gibt so viele Gehörlose die auch ohne Cochlea-Implantat sehr gut im Alltag zurechtkommen und glücklich sind.
Die Entscheidung der Eltern als unverantwortlich zu bezeichnen und sie zu der Implantation zwingen zu wollen, setzt das Leben und die Existenz Gehörloser ohne Implantat herunter.
Als sei ein Leben ohne Implantat nicht lebenswert. Manche Eltern wollen vielleicht warten, bis das Kind selbst alt genug ist, darüber zu entscheiden.
Das einzige Problem dabei ist, dass dann der Zug meistens schon abgefahren ist. Bei den CIs gilt ja je früher, desto besser. Und deshalb sollten die Eltern das entscheiden, wenn die Kinder noch klein sind. Ich habe ehrlich gesagt auch noch niemanden kennengelernt, der sauer auf die Eltern war oder so, weil er das CI nicht haben wollte. Und das Gute dabei ist ja, abnehmen kannst du es immer. Wenn du dich damit nicht wohl fühlst, dann trägst du es halt einfach nicht. Die andere Option, wenn man gehörlos ist, ist ja Gebärdensprache und die kannst du immer lernen. Egal wie alt du bist.
Ich würde nicht pauschal sagen, dass das Leben mit Cochlea-Implantat besser ist. Also für mich auf jeden Fall schon, aber ich kenne wiederum auch Gehörlose, die sagen: ´ Ich fühle mich so wohl, auch ohne CI.´ Das kann man halt nicht für alle beantworten. Das hängt immer vom Einzelnen ab. Also wenn man sagt: ´Für mich reicht das so. Ich fühle mich so wohl. Ich hab‘ meine Gebärdensprache. Meine ganze Familie ist vielleicht gehörlos. ´ Dann geht es denen auch so gut.“

Gebärde: „Leben“; Foto: Lisa P. Schröter

Dieser Fall ist in Deutschland der erste seiner Art. Es gibt keine Gesetzesgrundlage, die das Implantieren eines Cochlea-Implantats in einem solchen Fall vorschreibt. Würde das Gericht für eine Zwangsimplantation stimmen, gäbe es einen Präzedenzfall, der zukünftig das Leben neugeborener Gehörloser nachhaltig beeinflussen könnte.
Umso wichtiger ist es für Außenstehende, – zu denen auch Ärzte zählen, so fern sie nicht selbst gehörlos sind oder ein CI tragen – Betroffene zu diesem Fall anzuhören und nicht über deren Kopf hinweg über ihre Zukunft zu bestimmen.
Ein Leben mit Behinderung kann schließlich mindestens genauso lebenswert sein, wie Eines ohne. Das ist alles eine Frage der Perspektive. Also warum diese nicht auch mal wechseln und nachfragen?

Von Lisa P. Schröter

[ssba]