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Perspektivenwechsel 1, Perspektivenwechsel 2

Digitalisierung und Religion

Wer einen Blick in den Koran wirft, der wird überrascht. Auf jeder Seite lässt sich mindestens ein QR-Code finden. Einfach einscannen und schon liest eine digitale Stimme die Schriften vor. Ist das zu modern für Religion?

VON MAIKE SKERSTINS UND MILENA SCHWOGE

Ein Blick zurück

Seit Anbeginn der Zeit versucht der Mensch sein Wissen und seine Ansichten mittels Schriften und Bilder der Nachkommenschaft zu hinterlassen. Waren es zur Steinzeit noch einfache Zeichen wie etwa Federn oder Winkel, wurde die Sprache im Laufe der Zeit immer komplexer. Um 1500 vor Christus in Ugarit – ein kleiner Ort an der syrischen Küste – verschmolzen mehrere regionale Schriftarten zu dem Vorreiter unseres Alphabets. Es ist davon auszugehen, dass das ugaritische Alphabet den Grundstein für das phönizische und schlussendlich das europäische Alphabet legte. Die Phönizier erfanden erstmals Buchstaben, die jeweils einem Laut entsprachen. So wurden die umständlichen Hieroglyphen der Ägypter, aber auch die ugaritische Keilschrift ersetzt. Seefahrer und Kaufleute verbreiteten diese bahnbrechende Erfindung in aller Welt. Basierend auf diesen Buchstaben entstanden neue Alphabete, darunter auch das hebräische, griechische und das arabische. Um 1450 ermöglichte Johannes Gutenberg mit seiner Erfindung – dem Buchdruck mit beweglichen Lettern – unzähligen Menschen den Zugang zu Informationen. Er druckte die Bibel in Serie als Bücher noch zu den Luxusgütern zählten.

Die Glaubens-Schnitzeljagd

Die Religion als Vorreiter der Moderne: Ein Blick in die Bibel überrascht ebenfalls. Die dort vermeintlich vorherrschende Steinzeit, der miefige Geruch und das abgegriffene Papier, das sich mehr nach Stoff als Papier anfühlt. Wer nun aber glaubt, dass das Christentum den Einstieg in die Moderne verpasst hat, der irrt. Zwar finden wir noch keine Codes in der Bibel (und das ist keine Anspielung auf den Film), dafür aber Spiele zum Herunterladen im Internet. Der „bibellesebund“  etwa hat sich eine Art Schnitzeljagd ausgedacht. Die sechs QR-Codes zum Ausdrucken werden an verschiedenen Stationen angebracht. Die Kinder suchen diese auf und scannen den Code ein. Ihnen wird daraufhin ein kleiner Teil der Bibel nähergebracht. Als oberstes Ziel gilt es, ein Wort mit sechs Buchstaben zusammenzutragen. Jeder gefundene Code verspricht einen weiteren Buchstaben.

Der ehemalige Gemeindepfarrer Christoph Scheytt aus Ulm (Donau) ist der Meinung, dass alles, was die Verbreitung dieser Inhalte erleichtert, positiv gesehen werden muss.

Gott und das Smartphone

Die Digitalisierung ist auf dem Vormarsch, allen voran der Koran mit seinen QR-Codes. Aber auch die Bibel wird digitaler, denn das sei schließlich die Fortsetzung der Verbreitung christlichen Glaubens, nur eben auf moderne Weise, so Scheytt. Die evangelische Kirche entwickelt zum Beispiel derzeit eine Gesangbuch-App. Die App soll dann sogar in der Lage sein, das Vorsummen einer Melodie zu verstehen, um anschließend den passenden Liedtext herauszusuchen. „Mit der Digitalisierung ist auch ein Potenzial geschaffen, Jugendliche eher für den Glauben zu gewinnen, da sie von klein auf mit digitalen Medien vertraut sind“, meint der ehemalige Pfarrer. Den Beleg dafür findet er auch in der Bibel selbst und zitiert den Missionsbefehl durch Jesus (Markus 16, Vers 15): „Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.“

Der Code im Koran

Und weshalb nun dieser QR-Code im Koran? Die junge Muslima Efdal Nur Tugrul von der islamischen Gemeinschaft Jama’at-un Nur e.V. Hannover meint: „Kinder machen das gerne, weil sie sowieso viel mit dem Handy machen. Aber gerade für ältere Personen ist es eine gute Sache, weil die oft Mühe haben, das Gedruckte zu lesen. So können sie sich zurücklehnen und sich die Seiten vorlesen lassen.“

Was wirklich zählt!

Ob nun durch das digitale Angebot mehr Menschen zu einem Glauben finden oder ob es Religionen in Zukunft überhaupt noch geben wird, weil sie als mögliche Nährböden für Konflikte gelten, sei mal dahingestellt. Was es aber zeigt ist, dass die Digitalisierung längst bei all unseren Religionen angekommen ist. Damit haben wir die Möglichkeit, ohne großen Aufwand, auch in unbekannte Religionen einzutauchen. Von der Steinzeit bis heute – was haben wir gelernt? Die Sprache und auch die Art der Kommunikation hat sich seit jeher gewandelt. Eines ist aber abzusehen: Fortschritt in der Kommunikation bedeutet auch immer, mehr Verständnis füreinander.

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Mein Kopftuch und ich

Für die einen dient es als Befreiung von der Wahrnehmung als Sexualobjekt, für die anderen ist es ein Ausdruck für kulturelle Zugehörigkeit: Die Gründe der Entscheidung für oder gegen ein Kopftuch sind ebenso vielfältig wie die dazugehörigen Meinungen in der Weltbevölkerung. Doch was verbirgt sich hinter dem kontroversen Stück Stoff? Ist es Ausdruck der Unterdrückung des weiblichen Geschlechts? Oder bringen Frauen damit selbstbewusst ihre Religiosität zum Ausdruck?

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Perspektivenwechsel 1, Perspektivenwechsel 2

„Meine Kultur ist beweglich wie mein Körper.“

Die in Hannover geborene Kontorsionskünstlerin Li Mai arbeitet für den weltbekannten Barnum & Bailey Circus. Mit 20 beginnt ihre Karriere. Ein Gespräch über Heimat, asiatisches Selbstbewusstsein in Deutschland und ihre Erfahrung mit positiven Rassismus.

  • Mai, Du hast vor kurzem mit 27 Jahren geheiratet und nun einen einjährigen Sohn. Trotzdem fährst du auch dieses Jahr mit dem Zirkus auf Tournee. Nicht gerade ein typisches Lebensmodell. Wie leicht ist es für Dich, Beruf und Familie zu vereinbaren?

Li Mai: Es ist nicht einfach, beides zusammenzubringen. Ich kenne auch nicht viele Frauen die Kontorsion machen, in meinem Alter sind und sich für beides entscheiden. Der Körper wird von einer Geburt stark beeinträchtigt. Bei uns geht es, weil ich einen Mann habe, der mich total unterstützt. Und dann sind wir gut organisiert und können uns auch eine Kinderfrau leisten. Ohne sie würde es nicht gehen.

  • Kommt die Familie mit auf Tournee?

    Li Mai bei Übungen zuhause. (Fotos: Privat)

Bisher ist mein Sohn dafür zu jung. Aber für Kinder ist das eigentlich eh langweilig: Man probt die ganze Zeit für den Auftritt, hat dann die Aufführungen und hängt derweil mit den anderen Artisten in der jeweiligen Stadt rum. Es gibt bei anderen Artisten ein, zwei Backstage-Kinder, wie ich sie nenne. Ich habe aber den Eindruck, das denen irgendetwas fehlt. Vielleicht weil sie nie lernen mussten, sich gegenüber Gleichaltrigen durchzusetzen. Ich finde, dass Kinder mit ihren Freunden und ihrer Familie aufwachsen sollten.

  • Deine nächsten Auftritte hast du ab Mai in New York. Wie plant ihr das in der Familie?

Wir proben ab Anfang April in New York und werden da auch unseren Sohn mitnehmen. Meine Schwester, die gerade ihr Studium beendet hat, wird meinen Sohn hüten, wärend ich Proben habe. Wo Kinder dabei sein können, da sind sie auch dabei. Aber im nächsten Jahr wird das schon schwieriger werden, denn wir wollen unseren Sohn eigentlich in Deutschland aufziehen, da wird es für mich schwieriger mitten im Jahr für ein paar Monate abzuhauen.

  • Der Barnum & Bailey Circus tourt nur in der USA. Wie lange bist du unterwegs?

Ich werde nur bei den Vorstellungen an der Ostküste teilnehmen von Mai bis August. Ich denke aber eh, dass meine Karriere in zirka drei bis vier Jahren vorbei sein wird.

  • Wieso?

(lacht) Kontorsion ist sehr, sehr anstrengend. Nicht umsonst wird unsere Kunst als für die meisten Menschen unerreichbar beschrieben. Die Akrobatik geht nur bis zu einem gewissen Alter. Danach müssen wir den Platz für jüngere Künstler freimachen. Eine Geburt macht es da nicht leichter. Ich denke mit 30 ist meine Karriere vorbei und ich kümmere mich um die Erziehung meines Kindes. Der Vorteil einer solchen Berufung ist, dass ich danach davon leben kann. Wir werden wohl nach Heidelberg ziehen.

  • Klingt recht bürgerlich. Ich dachte du bist in Linden aufgewachsen?

Das stimmt, ich bin in einer Hochhaussiedlung aufgewachsen. Aber ich fand das eigentlich ganz toll, denn wir sind damals aus einer kleinen Mietwohnung in einen Neubau gezogen, und da kam mir alles so groß vor. Gegenüber war ein Spielplatz, da waren immer Kinder. Heute wäre das aber nichts mehr für mich. Die Ecke ist sehr rau geworden.

  • Auch Weihnachten wird geübt. (Fotos: Privat)

    Hat Dich das geprägt?

Im Nachhinein würde ich das schon sagen, ja. Aber ich war auch eine sehr gute Schülerin und bin dann schon nach der vierten Klasse auf eine private Schule für Akrobatik gewechselt. Da waren natürlich viele Kinder aus gutem Hause, deren Eltern in guten Positionen waren, und der Anspruch war wahnsinnig hoch. Aber dadurch habe ich gelernt, in beiden Welten zu leben. Das hilft.

  • Gab es in Deutschland keine Ausgrenzung?

Die gab es immer, aber ich würde das nicht überbewerten. Klar, ich wurde auch diskriminiert, mir wurden komische Sachen nachgesagt, aber es hat mich nicht gebrochen. Natürlich ist das schlimm für ein Kind, aber es hat nicht mein Leben bestimmt. Das liegt auch daran, dass meine Eltern absolut hinter mir standen.

  • Begegnest du auch positivem Rassismus – also, dass du aufgrund deiner Optik bevorzugt wirst?

Ja, ständig.Es gibt halt immer auch die, die zeigen wollen, dass sie total offen sind und politisch korrekt. Erst letztens wollte ich mit meinem Mann Essen gehen. Es war kein Tisch frei und sofort sprangen zwei Personen auf, die wohl nur noch austrinken wollten und boten uns den Platz an. Das kann auch nerven, ist aber natürlich besser als umgekehrt.

  • Wie gehst du damit um?

Ich selbst kann sowas sehr gut weglächeln, auch so ein Klischee. (lacht) Letztes Jahr habe ich nach einer Show eine weiße Mutter sagen gehört, dass ihre Tochter nie so beweglich werden könnte, weil nur Asiaten dazu in der Lage wären. Da habe ich lächelnd zu der Tochter gesagt, dass sie alles schaffen kann, wenn sie nur sehr viel dafür übt.

  • Gerade viele Migrationskinder haben oft ein gebrochenes Verhältnis zu ihrer Herkunft: Kannst du das nachvollziehen?

Ich kann das sehr gut nachempfinden. Ich bin aber zum Glück mit meinem asiatischen Vater und meiner Verwandschaft aufgewachsen und habe daher auch beide Kulturen kennengelernt. Mein Beruf bringt mich dazu viel zu reisen und alle Kulturräume zu verstehen. Ich bin heute also physisch wie psychisch sehr beweglich. (lacht)

  • Ging es dir nie mit deiner Herkunft schlecht?

Nein, solche Probleme habe ich nie gehabt: Mein Vater war immer da, meine Eltern waren über 30 Jahre lang zusammen und ich wusste immer, warum ich so aussehe, wie ich aussehe. Ich hatte keine Schwierigkeiten, weil ich als Kind gewollt war und meine Eltern mir ein sehr gutes Körpergefühl mitgaben. Es gibt aber viele Mütter, die sich im Nachhinein schämen, dass sie mal mit einem ausländischenn Mann zusammen waren, und das Kind spürt das. Wenn du auf der Straße nicht akzeptiert wirst, dann ist es schwierig, wenn du da von deinen eigenen Eltern nicht aufgefangen wirst.

  • Du kennst solche Beispiele aus deinem Bekanntenkreis?

Ich kenne viele Asiaten, die ohne ihren zweiten Elternteil aufgewachsen sind und häufig Sätze hören mussten wie: Du bist genau wie dein Vater / deine Mutter und das mag ich nicht an dir. Das kann sehr verletzend sein. Ich glaube aber, dass man mit asiatischer Herkunft eher in andere Schubladen gesteckt wird, als die klassische Migrantenschublade. Da haben es Afrodeutsche oder Deutschtürken sicher schwieriger.

  • Dein Vater stammt aus Zhongshan, und du hast in China auch Akrobatik gelernt. Welche Beziehung hast du zu dem Land?

Es ging eigentlich immer darum, die Familie zu sehen. Für mich war es immer ein politisches Land. Ich habe nur einmal meinen Urlaub dort verbracht, in einem schönen Ort in der Provinz Guangdong aber irgendwie war es komisch: Weil China noch immer so kontrovers ist. Es hat nicht die Offenheit, die ich mit der Kultur als für vereinbar halte.

  • Was meinst du mit kontrovers?

In Deutschland wird zwar über alles offen geredet, aber man ist ernst in der Kultur. In China wird über nichts geredet, aber man ist offenherzig in der Kultur. Ich trage in mir die Offenheit im Gespräch und in meiner Kultur. Das wünsche ich mir für viel mehr Menschen.

  • Danke für das Gespräch.

Mi Lai auf dem Tian’anmen-Platz. (Fotos: Privat)

Das Interview führte Torben Friedrich
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Aufreger der Woche: Sind Hennes und Mauritz rassistisch?

Für die Modekette H&M (Hennes und Mauritz) hagelt es derzeitig Kritik von allen Seiten: „Rassisten! Schämt euch! Das ist widerwärtig und unverantwortlich“, heißt es unter anderem in einer Vielzahl von Kommentaren als Reaktion auf ein fragwürdiges Produktbild des Modelabels.

Das Produktbild zeigt einen farbigen Jungen in einem grünem Hoodie mit der Aufschrift „Coolest Monkey in the Jungle“ und sorgt derzeit für eine riesige Protestwelle. Viele Kritiker sehen die Problematik in dem Vergleich, Farbige mit Affen gleichzusetzen.

Viele erinnern sich dabei unwillkürlich an das Rassenbild der 50er-Jahre. Ein User postete dazu ein Foto aus dem Jahr 1958, auf dem ein kleines afroamerikanisches Mädchen in einem sogenannten „Menschenzoo“ in Belgien zu sehen ist. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte bleibt bei diesem Fallbeispiel nicht aus. Zieht das Produktfoto von H&M die Geschichte absichtlich ins Lächerliche oder versucht, diese zu verharmlosen?

Dass der Millionenkonzern ausgerechnet ein farbiges Kind mit dem Hoodie „Coolest Monkey In The Jungle“ ausstattet, ist  zugegebenermaßen mehr als unglücklich gewählt. Es ist durchaus zu bezweifeln, dass ein derartiges Foto völlig zufällig, unreflektiert und unabsichtlich entstanden ist. Das H&M sich aber tatsächlich völlig beabsichtigt so rassistisch zeigt, ist ebenso unrealistisch. Immerhin hat der Konzern viele Kunden auf der ganzen Welt. Könnte es sich hier vielleicht sogar um einen bewusst provozierten Skandal handeln? Immerhin: Auch schlechte News sind News.. Aber: PR-Aktionen auf dem Rücken eines Kindes austragen? Muss das wirklich sein?!

Mittlerweile wurde das Bild von H&M entfernt und sich entschuldigt. „Da ist wohl jemand bald seinen Job los“, prognostiziert ein Jodel-Nutzer.

Zur Verteidigung des Modehauses könnte argumentiert werden, dass H&M in der Vergangenheit häufig mit farbigen Musikern zusammengearbeitet hat und auch bei den Models eine Vielfalt zeigt.

Der kanadische R&B-Künstler mit äthiopischer Abstammung, The Weeknd, hat bereits seine Zusammenarbeit mit der Marke gekündigt und twitterte: „Ich bin diesen Morgen geschockt und beschämt zu diesem Foto aufgewacht. Ich bin zutiefst beleidigt und werde in Zukunft nicht mehr mit H&M zusammenarbeiten“.

Twitter-User kritisierten den „Starboy“-Sänger, dass er vor dem Vorfall auch keine Probleme damit gehabt habe, dass der Kleidungshersteller einige seiner Waren durch Kinderarbeit in Entwicklungsländern fertigen lasse.

Auch der ehemalige Tennisstar Boris Becker äußerte auf Twitter seine Meinung: „Es hört nie auf… Wann beginnen wir, Farbe zu respektieren?“

Eins steht fest: Auch negative Schlagzeilen generieren Aufmerksamkeit. Aber ist das in diesem Fall wirklich verkaufsfördernd? Und ist es ethisch vertretbar, PR-Absichten über die Menschenwürde zu stellen? Wir finden nicht.

Egal, ob PR-Strategie, unbeabsichtigter Fauxpas oder böswillige Absicht: Das Werbefoto ging nach hinten los… Die Kunden sind beschämt und die Aktien von H&M sind seit der veröffentlichung des Bildes enorm eingebrochen.

Etwas Positives bringt der Skandal aber auch mit sich: Dadurch, dass  die Schlagzeile  aktuell in aller Munde ist, wird eine Debatte darüber angeregt und das Thema Rassismus reflektiert und diskutiert.

Ein Beitrag von Lisa Eimermacher und Nicole Schweitzer

Perspektivenwechsel 1, Perspektivenwechsel 2

Das Bild der Welt

Wie Eurozentrismus unsere Weltanschauung beeinflusst

Die Welt in meinem Kopf

Karten sind Wissenspeicher. Auf Karten für Kinder findet man oft die Tiere der entsprechenden Region, Höhen- oder Tiefenmessungen auf Atlanten, politische Grenzen oder natürliche Verläufe auf politischen Karten. Die Informationen auf ihrer Oberfläche geben aber oft auch die gesellschaftliche Sichtweise ihrer Herstellungszeit wieder. Die Darstellung einer Weltkarte beeinflusst unsere Weltanschauung auf diese, unsere Erde. Um die Freiheit unserer Gedanken und kognitive Wahrnehmung zu bewahren, sollten wir unser Weltbild manchmal auf den Kopf stellen.

Karten waren auch immer ein Ausdruck von Macht, wie es der amerikanische Geograph Brian Harley treffend formulierte. In einem gewissen Rahmen hängt nämlich auch die Auswahl der Informationen von den Entscheidungen des jeweiligen Kartographen ab. Weltbilder geben daher nie die Realität in einem „objektiven“ Sinne wieder, sondern unterliegen zeitgenössischer Deutung, Normen und dem jeweilige, Wissen. Wie Texte haben Atlanten daher eine Oberfläche und weitere Subtexte, die sich nur dem Betrachter erschließen, wenn man die jeweiligen Karten im Kontext ihrer Epoche betrachtet.

Auf dem ersten Bild ist die Gestalt der Welt zu sehen, wie der Großteil der Menschheit, nicht nur in Europa, sie in den Köpfen hat und als wahres Bild der Realität in sich trägt. So als wäre sie etwas tatsächlich existierendes oder gar Objektives. Von Europa aus wurde die ganze Erde kartographiert und beschrieben. Es ist daher nur folgerichtig, dass die allgegenwärtige Perspektive auf die Welt eine eurozentrische ist. Europa ist in der Mitte, zwar recht klein aber deutlich erkennbar und blickt von oben auf alle anderen Teile herab. Durch die angedeutete Rundung sind die Größenverhältnisse bereits ein bisschen angepasster, doch auch diese trügen noch immer. Denn Europa ist noch kleiner.

Wir denken über dieses uns gegebene Bild nicht nach, es ist eben so. Doch die Darstellung dieser Karte ist eben kein Naturgesetz, die eurozentrische Abbildung der Welt auf einer Karte ist menschengemacht und damit subjektiv und intendiert.

Eurozentrismus und seine Folgen

Es besteht keinerlei Grund, die Erde so zu zeigen, wie wir es aus unseren Büchern aus der Schule kennen. Es existieren unzählige weitere Möglichkeiten wie wir unsere Welt wahrnehmen könnten. Würden zum Beispiel die Kalaallit, also die indigene Bevölkerung Grönlands, die Welt „entdecken“, dann würde unsere Karte vermutlich wie in der nächsten Abbildung links die uns vertraute Darstellung der Welt sein. Oder würde wiederum die – nicht vorhandene – Bevölkerung der Antarktis die Welt kolonialiseren, würden wir wohl die Karte rechts in unseren Geographiebüchern finden.

Bildquelle: Daniel R. Strebe (CC-BY-SA 3.0)

Die Weltkarte steht für die Weltsicht

Karten strahlen eine gewisse Faszination aus, mit dem jeder spätestens in der Schulzeit erstmals in Kontakt kommt. Einige Menschen erinnern sich sogar spontan an bestimmte Lieblingskarten aus dem Dierkes-Atlas, an deren Farben oder bereits veralterte Länderumrisse. Bei diesen Karten in den Köpfen der Menschen spricht man von sogenannten „mental maps“ oder „kognitiven Karten“, die aber wesentlich mehr sind als bloße Repräsentationen topographischer Gegebenheiten.

Sie geben eine gewisse Weltsicht wieder. Zum Beispiel denken viele Menschen, dass Australien „Down Under“ sei oder Grönland ungefähr so groß wie Afrika. Das Grönland mit einer Fläche von rund 2 Millionen Quadratkilometern fast 15 mal in das 30 Millionen Quadratkilometer große Afrika passt, ist vielen dank der vorgefertigten Weltsicht nicht bewusst. Durch diese verfestigen sich Ressentiments und gewisse Stereotypen.

Organisationsprinzipien

Um reale Landkarten jedoch zu verstehen setzt es die Kenntnis ihrer Organisationsprinzipien und Standards voraus, die uns erlauben, eine Karte ähnlich wie ein Buch zu lesen. Sieht man einmal von Sprachkenntnissen und geringen Unterschieden in der Projektion der Größenanordnung ab, so könnten wir uns in heutigen vorhandenen chinesischen oder afrikanischen Weltkarte gleichermaßen orientieren. Das Problem ist bei den abertausenden Weltkarten nur die Frage nach einer möglichst realen und diskriminierungsfreien Darstellung unseres Globus auf einem geraden Stück Papier.

Eine diskriminerungsfreie Weltanschauung

Die neuste und genauste Projektion der Kontinente ist 2016 dem Japaner Hajime Narukawa gelungen, für die er den Good Design Award gewonnen hat. Seine AuthaGraph-Weltkarte funktioniert nach dem Prinzip der Buckminster Filler Dymaxion map. Die Dymaxion map oder Fuller Map ist durch ihre Darstellung als ein Ikosaeder in der Lage, die relativen Größenunterschiede durch ihre Falttechnik auszugleichen.

Die Weiterentwicklung von Narukawa ergibt nicht nur eine genauere Abbildung der Landmassen, sondern die Karte lässt sich mosaiktisch wie eine MC-Escher-Grafik aufbauen. Das heisst, man kann die Karte endlos in ihrem Rahmen verschieben und erhält immer eine stimmige Karte, selbst wenn man die Karte als ein Viereck oder Dreieck faltet. Und durch ihre sehr eigenwillige Darstellung unseres Erdballs, ergibt sich kein zentrales Land als Mittelpunkt unserer Welt. Dieses Konzept überzeugte die Juroren des Good Design Awards mit der Begründung, dass gerade in einer globalisierten Welt wie der unseren sich die Verantwortung ändert und daraus auch die Weltanschauung.

von Torben Friedrich
Perspektivenwechsel 2

Eine Flucht aus Syrien ist schwer. Freundschaften finden ebenso.

Mahm sitzt mit seinen Brüdern und Verwandten aus Syrien in der Küche. Es wird Warsteiner getrunken und traditionell gekocht. In dem kleinen Raum vermischt sich der Geruch der verschieden Gewürze mit dem Dampf der Wasserpfeife. Es ist der 30. Dezember und im Vorgarten fliegen bereits bunte und laute Leuchtkörper in den Himmel. Einer der Männer: „Fast wie Zuhause“. Die anderen Männer lachen.

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Perspektivenwechsel 2

„Das Mandela Team ist wie eine Familie“

Nur zwei Matches gewann das „Mandela Team“ in der letzten Saison, doch trotzdem sind sie in jedem Spiel irgendwie Gewinner. Die Fußball-Mannschaft aus Lehrte ist keine gewöhnliche Fußballtruppe, denn sie besteht ausschließlich aus Flüchtlingen.

Ein lauter Pfiff und alle lauschen den Worten von Trainer Patrick Fuller: „Zum Aufwärmen spielen wir Kleinspielfeld!“ Und schon werden aus den Freunden Gegner – doch nur im Spiel. Sie alle haben nämlich eines gemeinsam: die Flucht vor Krieg, Hunger oder Unterdrückung aus ihren Heimatländern.

„Ich habe vor Kurzem meine Familie wiedergefunden, die ich auf der Flucht nach Europa verloren habe“, berichtet Hamsa Mohammed strahlend. „Mein Vater war Offizier einer Oppositionspartei in Somalia.“ Während er dies sagt, verschwindet für einen kurzen Moment sein breites Grinsen. „Doch das Mandela Team hat mir geholfen mich hier heimisch zu fühlen. Wir sind wie eine große Familie.“ Der Afrikaner ist Leiter der Fahrradwerkstatt, die von den Flüchtlingen betrieben wird. Schnell hat er gelernt Verantwortung zu übernehmen.

Bälle, Schuhe und Trikots werden durch Spenden und Fördermittel finanziert. „Außer Fußball haben die meisten Spieler wenig Abwechslung in ihrem Leben“, sagt Betriebswirt Dirk Ewert, ehrenamtlicher Integrationsbeauftragter des SV Yurdumspor Lehrte. Unter dessen Vereinsnamen trägt das Mandela Team sogar Meisterschaftsspiele aus. „Wir waren 2013 die erste Fußballmannschaft in ganz Deutschland, die ausschließlich aus Flüchtlingen bestand.“

Zurück zum Spielgeschehen auf dem Platz, denn es geht dort weiter hoch her: Jesiden, Muslime und Christen spielen sich in schönen Staffeten die Bälle zu. Für ein paar Stunden in der Woche scheinen die schlimmen Erlebnisse in ihren Köpfen wie verflogen. Denn fast alle Männer flüchteten auf schrottreifen Booten über das Mittelmeer nach Europa. Deutsch sprechen sie schon erstaunlich gut. Das haben sie auch Anke Gabcke zu verdanken. Die Sozialwissenschaftlerin vermittelt den Männern Praktikaplätze und gibt Bewerbungsunterricht. Denn wenn das Training endet, geht ihr Leben in ihrer neuen Heimat weiter.

Von Jan Jüttner 

Eine Einheit – ein Team: Die Männer sind die Brüder. Foto: Leonie Herzfeldt