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Journalismus in Japan – Keiko Tanaka erzählt ihre Geschichte

Quelle: Google Maps

Von uns bis nach Japan sind es 9.043 Kilometer. Dort arbeitet Keiko Tanaka als Journalistin. Wie Journalismus in Japan funktioniert und welche Unterschiede es gibt, hat sie uns erzählt.

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Keiko-Tanaka

Fotos: Berliner Gazette, CC License 2.0

Keiko Tanaka ist eine echte Powerfrau! Schon als junges Mädchen schlug sie eine Karriere als Journalistin ein, absolvierte zunächst ein Bachelor-Studium im Fach Journalismus in ihrem Heimatland Japan. Soweit zunächst nicht ungewöhnlich, doch einen Master-Abschluss erlangte sie dann in einem ganz anderen Bereich: Informatik.

Journalismus und Informatik – das liegt gar nicht so weit auseinander, wie man es auf den ersten Blick vermuten würde. Im Gegenteil; die Kombination ist für Keiko ein voller Erfolg. So arbeitet sie heute hauptberuflich als Dozentin für Informatik an einer japanischen Universität, realisiert nebenbei einige journalistische Projekte. Ihr Fachgebiet sind „Media Studies“, sagt sie.

Schon während des Master-Studiums stieg Keiko Tanaka dann als Übersetzerin bei der Internet-Organisation Global Voices ein. Ein Projekt, für das die vielsprachige Japanerin prädestiniert scheint. Der Einsatz für Menschenrechte und Gerechtigkeit überall auf der Welt ist schon immer eine Herzensangelegenheit für die Journalistin gewesen.

Global Voices ist ein internationales Netzwerk, das 2004 von Ethan Zuckerman und Rebecca MacKinnon gegründet und 2008 als gemeinnützige Stiftung in Amsterdam eingetragen wurde. Bei Global Voices arbeiten Blogger, Journalisten, Analytiker und Online-Medienexperte. Sie sammeln aktuelle Nachrichten, Geschichten aus Blogs, unabhängigen Medien und sozialen Netzwerken und übersetzen diese in 35 Sprachen.

Seit Mai 2015 betreibt Global Voices einen Audio-Webchannel. Dort wird ein acht Stunden-Programm aus Podcasts und freier Weltmusik angeboten. Bei Global Voices werden außerdem Themen wie Politik, Kunst, Technologie, Medien und weitere behandelt. Vor allem versucht Global Voices, den Meinungen von unterrepräsentierten Menschen, Aufmerksamkeit zu verschaffen. Für Global Voices darf jeder tätig werden, wenn er sich dafür berufen fühlt.

Von 2011 bis 2014 war Keiko Tanaka unter anderem als Übersetzerin sowie als Autorin von eigenen Geschichten für das Netzwerk Global Voices tätig. Mittlerweile engagiert sie sich für Advocacy/Advox, ein Projekt von Global Voices.

Man sollte Experte auf dem Gebiet lokaler Regelungen bzw. der Führung lokaler Authoritäten sein.

Das Surfen im Internet besteht laut Keiko aus zwei Schritten/Punkten: 1. Die Stimmen von „normalen“ Personen wiedergeben, anstatt eine generalisierte Meinung aus den japanischen Massenmedien eins zu eins ins Englische zu übersetzen. Obwohl sie die Möglichkeit hätte, einen solchen Newsartikel zu verfassen, hat sich Keiko bewusst dagegen entschieden, da es ihrer Meinung nach nicht viel Wert habe. Stattdessen wollte sie lieber ihren eigenen Content kreieren. 2. Außerdem verbrachte Keiko viel Zeit damit, Online-Richtlinien zu lesen, um immer die aktuellen und korrekten Fakten bringen zu können. Die Geschichte könne sich von Tag zu Tag aufgrund neuer rechtlicher Situationen und Gesetze ändern. Daher müsse man als Autor und Übersetzer stets versuchen, Experte/-in auf dem Gebiet der lokalen rechtlichen Lage zu sein.

Ich versuche immer, dass meine Stories einzigartige Geschichten im Netz sind.

Journalisten haben überall auf der Welt die gleiche Aufgabe. Sie arbeiten hauptberuflich an der Verbreitung und Veröffentlichung von Informationen, Meinungen und Unterhaltung durch Massenmedien. Wir haben für euch einen kurzen Vergleich zwischen dem Journalismus in Japan und dem in Deutschland zusammengestellt.

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Laut den Reportern ohne Grenzen (2016) üben die meisten japanischen Medien Selbstzensur aus und meiden Kritik an der Regierung. Das deckt sich mit der Schranke, welche durch den japanischen Presseclub gesetzt wird. Momentan steht Japan in der Rangliste der Pressefreiheit von 180 Plätzen auf Platz 72. Dagegen steht Deutschland auf Platz 16. Aufgrund dieser Zahlen zu behaupten, dass der deutsche Journalismus qualitativ besser als der japanische wäre, ist jedoch schlichtweg zu kurz gegriffen. Spannender ist die Tatsache, dass beide Länder den Wechsel in den Online-Journalismus verschlafen haben und nun das Problem der Finanzierung im Raum steht. Bis jetzt haben sich für beide Länder als Lösungen Paywalls oder ähnliche Formate ergeben. Besonders die fehlende Finanzierung scheint die Vielfalt im Journalismus einzuschränken.

Das versuchen Startups zu ändern. Sowohl in Japan als auch in Deutschland finanzieren sich die Startups hauptsächlich über Werbung.

Im internationalen Vergleich ist Japan einmalig. Als drittgrößter Zeitungsmarkt der Welt werden täglich Millionen Menschen erreicht. Doch wie kommt es, dass man in Japan einen derartigen Zugang zu einer so großen Leserschaft findet? Ist das japanische Publikum wirklich informationshungriger?

Schaut man genauer hin, fällt schnell auf, dass sich das Verhalten der japanischen Presse der japanischen Art an sich ähnelt: lieber vorwiegend loyal und unauffällig. So wird auch in der Berichterstattung eine ausgeprägte Neutralität deutlich. Die Inhalte verschiedener Medien unterscheiden sich kaum. Der Leser hat es also schwer, sich eine eigene Meinung aus vielfältigen Berichten und Kommentaren zu bilden.

„Generell habe ich nichts gegen etwas reißerische Headlines“, gibt Keiko zu. Trotzdem kam in der Journalistin der Wunsch nach klareren Richtlinien bezüglich journalistisch ethischer Standards auf.

Was Keiko an der Medienberichterstattung über Japan stört, sind Misinterpretationen und fehlerhafte Berichterstattung von ausländischen Journalisten.

Auch für Global Voices hätte sie sich mehr Transparenz, auch seitens des Managements, gewünscht. Ein weiteres Problem sei, dass die einzelnen Autoren untereinander nur online kommunizieren können. So bekomme man als Schreiber für das Netzwerk kaum Feedback zu den eigenen Stories. „Ich hätte es wichtig gefunden, einen digitalen Newsroom mit verschiedenen Editors zu haben“.

Ähnlich wie in Deutschland gestaltet es sich für traditionelle Medien schwierig, ihre Leserschaft dazu zu bringen, für Online-Inhalte zu bezahlen.

Trotz der neuen Entwicklungen in der Onlinewelt, die auch große Auswirkungen auf die traditionellen Medien haben, haben sie trotzdem den Vorteil einer festen Leserschaft, so Keiko.

Die Japanerin, die schon viele Jahre in ihrem Heimatland als Journalistin arbeitet, hat auch die Entwicklung dieser Branche miterlebt. Aus ihren Erfahrungen hat sie drei zentrale Tipps entwickelt, die jungen Nachwuchsjournalistinnen und Nachwuchsjournalisten, wo auch immer sie herkommen mögen, zum Erfolg in der Medien-Branche verhelfen sollen:

1. Eine Karriere als Datenjournalist.

Bisher gibt es nur wenige Journalisten, die ein Talent zum Schreiben UND gleichzeitig Informatikkenntnisse mitbringen. Dabei werden Technologien und deren Beherrschung in der heutigen Zeit immer wichtiger – und können auch dem Journalismus zu mehr Qualität verhelfen. Wer also Kreativität und Kenntnisse im analytischen Denken vereint, wird als Datenjournalist laut Keiko nie ein Loch im Geldbeutel verspüren müssen.

2. Freiberuflichkeit statt Festanstellung.

Mit diesem Thema werden die meisten angehenden Journalisten in ihrer Ausbildung immer wieder konfrontiert. Auch Keiko sagt, wer sich als freier Journalist selbstständig macht, hat einen großen Vorteil: Er oder sie kann nicht gekündigt werden, nicht aussortiert, nicht ersetzt. Keiko’s Tipp, damit es mit der Freiberuflichkeit klappt: Schaut euch die Strukturen eines Medien-Unternehmens, zum Beispiel eines Verlags oder einer TV-Produktionsfirma genau an. Wie läuft das Management eines solchen Unternehmens ab, wie funktioniert die Finanzierung? Dieses Wissen ist eine hervorragende Voraussetzung für euer eigenes Business!

3. Networking is the key.

Zu guter Letzt nennt die japanische Dozentin und Journalistin das Zauberwort für den Erfolg in ihrer Branche: das Networking. In Japan ist eine Karriere als Journalist kaum möglich, ohne einem der Presseclubs anzugehören. Aber auch hier in Europa ist ein großes soziales Netzwerk aus Kontakten, auch aus vielen „wichtigen“ Personen von einer höheren Position (zum Beispiel Polizisten) essentiell – insbesondere für Freiberufler. Denn ein Netzwerk kann einem so manche Tür öffnen, die normalerweise verschlossen bliebe.

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Handyfoto-Keiko-2-neu
Quelle: eigene Darstellung
Quelle: Berliner Gazette Cc License 2.0, Google Maps, Pixabay CC0 Creative Commons: (bellergy, Coverr-Free-Footage, jLasWilson, MasashiWakui, masbebet, rawpixel), Eigene Darstellungen mit soundcloud und pictochart.
Ein Beitrag von Lisa Eimermacher, Nicole Schweitzer, Karthiga ManivannanLeonie Herzfeldt und Natali Dilmann
Dieses Projekt ist als Gruppenarbeit im Rahmen des Kurses International Journalism entstanden.
Perspektivenwechsel 1

„Kauen, aber nicht schlucken“ – Diskriminierung und dennoch kein Asyl

Ein Interview mit Kenan von der Kampagne „alle bleiben“. Diese Kampagne setzt sich für die Rechte von Rrom*nja ein und solidarisiert sich mit allen Flüchtlingen. Sie wurde 2007 gegründet. Eine ihrer Kampagne heißt: „Alle Roma bleiben hier“. Sie leisten Öffentlichkeits- und praktische Arbeit. Kenan ist, nach 76-tägiger Bombardierung im Jahr 2000 aus Serbien, mit seiner Familie nach Deutschland geflohen. Continue reading

Perspektivenwechsel 1

Cochlea-Implantat wider Willen

Cochlea-Implantat; Foto: Lisa P. Schröter

„Die Welt der Hörgeschädigten ist klein.“ Eine Welt, in der sie sich sicher fühlen, verstanden und akzeptiert. In der man sich untereinander kennt und hilft. Doch außerhalb davon, sieht es nicht immer so aus. Obwohl viele Hörgeschädigte ihren Alltag meistern und mit ihrer Situation mehr als gut zurechtkommen, gibt es Skeptiker. Ein Fall aus Niedersachsen zeigt aktuell, wie wenig selbst manche Mediziner von der Lebensrealität gehörloser Menschen zu wissen scheinen und wie Vorurteils behaftet diese „Behinderung“ noch immer ist: Continue reading

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Weg mit der kulturellen Brille!

Für viele wirkt die Armut in Teilen Afrikas auf den ersten Blick abschreckend. Wer sich jedoch mit den Menschen dahinter auseinandersetzt, entdeckt faszinierende Geschichten. Ein Besuch in Namibia.

VON MILENA SCHWOGE

Wer sich vom ersten Anblick Katuturas leiten lässt, den trifft die Hoffnungslosigkeit. Das Meer von Wellblechhütten und Plastikmüll verheißt Elend. Aids, Arbeitslosigkeit und Alkoholismus sind die ständigen Begleiter der dort Lebenden. Es gibt keinen Strom, fließendes Wasser findet man nur an zentralen Zapfstellen. Übersetzt aus der Sprache der Ovambo bedeutet Katutura: „Ort, an dem wir nicht leben wollen“. Das ehemalige Township in Namibia ist während der südafrikanischen Apartheidpolitik entstanden. Die Schwarzen sollten von der „weißen“ Hauptstadt Windhoek ferngehalten werden, weshalb im Jahre 1959 die Zwangsumsiedlungen begannen.

 

Ein Ort der Begegnung

Doch wer sich nicht von der augenscheinlichen Armut abschrecken lässt und durch die Straßen des ehemaligen Townships fährt, dem eröffnet sich das Leben. Frauen laufen mit ihren Kindern auf dem Arm durch die sandigen Straßen, aus den kargen Blechhütten ertönt laute Musik, Menschen tanzen ausgelassen. In der Luft liegt der fettige Duft von Kapana, auf offenem Feuer gegrillte Rindfleischtreifen. „Braii“, so nennen die Namibier das gemeinsame Grillen. Nahezu alle Bewohner scheinen draußen zu sein, verbringen Zeit mit der Familie. Katutura ist ein Ort der Begegnung, ein Platz für Kreativität und ein Raum für Potential.

Ehrenamtlicher Nachhilfeunterricht

Das hat auch Susanne Berchthold erkannt. Von 8.30 bis 11.30 Uhr widmet sie sich alleinig
den Bedürfnissen der Kinder. Die gelernte Software- Entwicklerin übt mit ihnen in einer der Wellblechhütten Mathe und Englisch. Das macht sie ehrenamtlich. „Mir ist es wichtig, die Kinder zu fördern und sie auf ihre Zukunft vorzubereiten“, sagt sie. In Namibia besteht laut Bildungsgesetz für alle Kinder ab sieben Jahren eine Schulpflicht. Kinder in Katutura erfüllen aufgrund ihres sozialen und familiären Umfelds allerdings oft nicht die notwenigen Voraussetzungen für einen erfolgreichen Schulbesuch. Alkoholismus und häusliche Gewalt sind in vielen Hütten des Townships nach wie vor sichtbar, den Kindern mangelt es an Selbstvertrauen und an einem ausgeprägten Sozialverhalten. Bildung ist für die meisten die einzige Chance, um aus der Misere herauszukommen. Dass es funktionieren kann, beweist Berchtold mit ihrem Konzept. „Die Kinder haben großen Nachholbedarf in Mathe. Ich möchte ihnen wenigstens das mit auf den Weg geben, was sie im Alltag immer mal wieder brauchen“, erklärt die Nachhilfelehrerin. Neben den vier Grundrechenarten und dem Lesen liegt es ihr am Herzen , den Schülern wichtige Informationen rund um Themen wie Ethik, Hygiene und HIV zu geben. Ihr Konzept kommt bei den Schülern gut an. Alle sind hochmotiviert. Freudig stimmen sie in den Song ein und wippen im Takt zur Musik, während sie die Rechenergebnisse laut in den Raum rufen. „Bei Susanne verstehen wir den Unterricht“, sagt Alicia. Sie schaut zu ihrer Klassenkameradin Christina herüber. „Man kann sie fragen, wenn etwas unklar ist. Deshalb macht das Lernen auch viel mehr Spaß. In der Schule sind die Lehrer oft schnell genervt“, fügt die Dreizehnjährige hinzu.

IDie Kinder sind dankbar für den ehrenamtlichen Einsatz von Susanne Berchthold. Foto: Milena Schwoge 

Sichtbarer Kulturverlust

Eine ähnlich interessente Entdeckung lässt sich etwa 200 Kilometer entfernt von Windhoek machen. Im Township des  ländlichen Gobabis lebt Hendrik Naoatu. Er gehört zum Volksstamm der San, die als Ureinwohner Namibias gelten. Kleidung aus selbst erlegtem Tierpelz, Feuermachen mit Stöckchen und Fährtenlesen im Sand: So lebten die San einst. Seitdem hat sich in ihrer Kultur einiges verändert. Nur noch wenige Buschleute führen die Tradition fort. Verständigungsprobleme und ein fehlendes Sprachrohr in der Politik führen bei dem ältesten Volksstamm Namibias zu einer Identitätskrise. Viele von ihnen stehen zwischen dem, was war, und dem was ist. „Damals wurde die Kultur jeden Tag gelebt. Inzwischen ist nur noch wenig davon übrig“, bedauert Fritz. Eine Ausnahme bildet lediglich der Tourismus-Sektor, der Reisenden in sogenannten „lebenden Museen“ durch Führungen uraltes Buschmannwissen vermittelt. Die Projekte sind vielversprechend, zumal sie den San als wichtige Einnahmequelle dienen. Der Vater von Hendrik kommt ursprünglich aus Botswana. Von dort wurden er und seine Familie nach eigenen Angaben von der Regierung verdrängt. Zwangsweise wanderten sie in die Kalahari-Wüste. „Ich habe das Jagen noch von meinem Vater gelernt“, erinnert sich der heute 71-Jährige. Während in traditionellen San-Familien die Männer mit Pfeil und Bogen auf die Pirsch gehen, suchen die Frauen nach Früchten und Beeren. Früher aß Fritz das, was die Natur hergab. Manchmal war das ein stämmiger Oryx, manchmal ein graziler Springbock.

Familienvater Fritz Naoatu ist es wichtig, dass seine Kinder das Kulturerbe der San für die kommenden Generationen bewahren. Foto: Milena Schwoge

Zusammen mit seiner Freundin Anna Jims und seiner kleinen Tochter Joanitha
Devine lebt Hendrik Naoatu in der informellen Siedlung in Gobabis. Foto: Milena Schwoge

„Es ist schön, dass sich die Menschen für unsere Lebensweise interessieren. Doch die Touren sind letztendlich nur eine Vorführung, gelebt wird inzwischen anders“, stellt er fest. Oft handelt es sich bei den Darstellern um Stammesmitglieder einer älteren Generation, oder wie Fritz sagt, „alte Männer, die um ein Feuer tanzen“. „Wenn die ausgestorben sind, weiß der Nachwuchs trotzdem nichts über das Kulturerbe unseres Volkes“, gibt er zu bedenken. Seine Söhne kennen die alten Werte der San nur aus den Erzählungen ihres Vaters. Wenn er die Gelegenheit hätte, würde Fritz sein jetziges Leben gegen das frühere eintauschen und sein Wissen an den Nachwuchs weitergeben. Doch er weiß nicht, wo er das tun kann. Fritz‘ Sohn, Hendrik, ist vor wenigen Monaten selbst Vater eines Mädchens geworden. 2012 hat er seinen Schulabschluss an der Johannes Döhren High School gemacht. Darauf ist der 26-Jährige sehr stolz, denn die Anzahl der Schulabbrecher ist unter den San verhältnismäßig groß. Armut und Marginalisierung setzen die Liste der Probleme der Buschleute fort. Neben der fehlenden Lobby in der Politik bemängelt Hendrik auch die nicht vorhandene Anerkennung der traditionellen Stammesführer. Sein Traum ist es, Politikwissenschaften zu studieren. „Damit ich mich dafür einsetzen kann, dass die Bedürfnisse der San von der Regierung wahrgenommen werden“, erklärt er. Hendrik hofft, dass sich die Jugendlichen zusammentun und irgendwann eine aktive Rolle in der Politik des Landes übernehmen“, sagt Hendrik. Fritz ist stolz auf den Weg, den sein Sohn eingeschlagen hat. „Ich sage ihm nur immer, dass er nicht vergessen soll, wo er herkommt.

 

Hinter Gittern

Die meterhohen elektrischen Zäune um teils riesige Anwesen wirken wie Festungen, gebaut von den „Weißen“. Die Straßen in Windhoek sind frei von spielenden Kindern. Generell lassen sich Fußgänger oft an einer Hand abzählen. Das Leben findet hinter Gittern und im Auto statt. Anstatt von den unterschiedlichen Kulturen zu profitieren, bleiben die Menschen in ihrer eigenen Komfortzone. Jeder schaut durch seine eigene kulturelle Brille. Wer jedoch den Kontakt mit Einheimischen sucht und sich fernab von Touri-Bussen in das Armenviertel begibt, der wird belohnt. Denn hinter den irritierten Blicken warten freundliche Menschen mit neugierigen Fragen, die bei einer Begegnung auf Augenhöhe nicht nur Unterschiede, sondern auch Gemeinsamkeiten ans Licht bringen.

Perspektivenwechsel 1

„Verpisst euch in euer Land, ihr Ratten!“

Zeynep T.* ist Studentin in Hannover und verbringt ihre Semesterferien jedes Mal in der Türkei, um ihre Familie und ihren Freund zu besuchen. Sie selbst fühlt sich zwar dem Islam zugehörig, sieht ihren Glauben dennoch sehr locker an. Obwohl sie die eigentlichen Stereotype, die manche über Muslime haben, nicht erfüllt, hat sie trotzdem immer wieder mit Vorurteilen zu kämpfen. Continue reading

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Digitalisierung und Religion

Wer einen Blick in den Koran wirft, der wird überrascht. Auf jeder Seite lässt sich mindestens ein QR-Code finden. Einfach einscannen und schon liest eine digitale Stimme die Schriften vor. Ist das zu modern für Religion?

VON MAIKE SKERSTINS UND MILENA SCHWOGE

Ein Blick zurück

Seit Anbeginn der Zeit versucht der Mensch sein Wissen und seine Ansichten mittels Schriften und Bilder der Nachkommenschaft zu hinterlassen. Waren es zur Steinzeit noch einfache Zeichen wie etwa Federn oder Winkel, wurde die Sprache im Laufe der Zeit immer komplexer. Um 1500 vor Christus in Ugarit – ein kleiner Ort an der syrischen Küste – verschmolzen mehrere regionale Schriftarten zu dem Vorreiter unseres Alphabets. Es ist davon auszugehen, dass das ugaritische Alphabet den Grundstein für das phönizische und schlussendlich das europäische Alphabet legte. Die Phönizier erfanden erstmals Buchstaben, die jeweils einem Laut entsprachen. So wurden die umständlichen Hieroglyphen der Ägypter, aber auch die ugaritische Keilschrift ersetzt. Seefahrer und Kaufleute verbreiteten diese bahnbrechende Erfindung in aller Welt. Basierend auf diesen Buchstaben entstanden neue Alphabete, darunter auch das hebräische, griechische und das arabische. Um 1450 ermöglichte Johannes Gutenberg mit seiner Erfindung – dem Buchdruck mit beweglichen Lettern – unzähligen Menschen den Zugang zu Informationen. Er druckte die Bibel in Serie als Bücher noch zu den Luxusgütern zählten.

Die Glaubens-Schnitzeljagd

Die Religion als Vorreiter der Moderne: Ein Blick in die Bibel überrascht ebenfalls. Die dort vermeintlich vorherrschende Steinzeit, der miefige Geruch und das abgegriffene Papier, das sich mehr nach Stoff als Papier anfühlt. Wer nun aber glaubt, dass das Christentum den Einstieg in die Moderne verpasst hat, der irrt. Zwar finden wir noch keine Codes in der Bibel (und das ist keine Anspielung auf den Film), dafür aber Spiele zum Herunterladen im Internet. Der „bibellesebund“  etwa hat sich eine Art Schnitzeljagd ausgedacht. Die sechs QR-Codes zum Ausdrucken werden an verschiedenen Stationen angebracht. Die Kinder suchen diese auf und scannen den Code ein. Ihnen wird daraufhin ein kleiner Teil der Bibel nähergebracht. Als oberstes Ziel gilt es, ein Wort mit sechs Buchstaben zusammenzutragen. Jeder gefundene Code verspricht einen weiteren Buchstaben.

Der ehemalige Gemeindepfarrer Christoph Scheytt aus Ulm (Donau) ist der Meinung, dass alles, was die Verbreitung dieser Inhalte erleichtert, positiv gesehen werden muss.

Gott und das Smartphone

Die Digitalisierung ist auf dem Vormarsch, allen voran der Koran mit seinen QR-Codes. Aber auch die Bibel wird digitaler, denn das sei schließlich die Fortsetzung der Verbreitung christlichen Glaubens, nur eben auf moderne Weise, so Scheytt. Die evangelische Kirche entwickelt zum Beispiel derzeit eine Gesangbuch-App. Die App soll dann sogar in der Lage sein, das Vorsummen einer Melodie zu verstehen, um anschließend den passenden Liedtext herauszusuchen. „Mit der Digitalisierung ist auch ein Potenzial geschaffen, Jugendliche eher für den Glauben zu gewinnen, da sie von klein auf mit digitalen Medien vertraut sind“, meint der ehemalige Pfarrer. Den Beleg dafür findet er auch in der Bibel selbst und zitiert den Missionsbefehl durch Jesus (Markus 16, Vers 15): „Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.“

Der Code im Koran

Und weshalb nun dieser QR-Code im Koran? Die junge Muslima Efdal Nur Tugrul von der islamischen Gemeinschaft Jama’at-un Nur e.V. Hannover meint: „Kinder machen das gerne, weil sie sowieso viel mit dem Handy machen. Aber gerade für ältere Personen ist es eine gute Sache, weil die oft Mühe haben, das Gedruckte zu lesen. So können sie sich zurücklehnen und sich die Seiten vorlesen lassen.“

Was wirklich zählt!

Ob nun durch das digitale Angebot mehr Menschen zu einem Glauben finden oder ob es Religionen in Zukunft überhaupt noch geben wird, weil sie als mögliche Nährböden für Konflikte gelten, sei mal dahingestellt. Was es aber zeigt ist, dass die Digitalisierung längst bei all unseren Religionen angekommen ist. Damit haben wir die Möglichkeit, ohne großen Aufwand, auch in unbekannte Religionen einzutauchen. Von der Steinzeit bis heute – was haben wir gelernt? Die Sprache und auch die Art der Kommunikation hat sich seit jeher gewandelt. Eines ist aber abzusehen: Fortschritt in der Kommunikation bedeutet auch immer, mehr Verständnis füreinander.

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Mein Kopftuch und ich

Für die einen dient es als Befreiung von der Wahrnehmung als Sexualobjekt, für die anderen ist es ein Ausdruck für kulturelle Zugehörigkeit: Die Gründe der Entscheidung für oder gegen ein Kopftuch sind ebenso vielfältig wie die dazugehörigen Meinungen in der Weltbevölkerung. Doch was verbirgt sich hinter dem kontroversen Stück Stoff? Ist es Ausdruck der Unterdrückung des weiblichen Geschlechts? Oder bringen Frauen damit selbstbewusst ihre Religiosität zum Ausdruck?

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