Category Archives: Brainstorm

Brainstorm

Familienweihnachtsfeier-planungsdurcheinander

Ihr kennt das. Das Wort ist ebenso kompliziert wie der Sachverhalt.
Ich habe zu Weihnachten theoretisch vier Feiern abzudecken: engste Familie, Familie des Freundes, meine Großfamilie und die Geburtstagsfeier meiner Freundin. Die engste Familie ist immer Heiligabend dran und die Familie des Freundes am ersten Weihnachtsfeiertag. Meine Freundin hat am zweiten Feiertag Geburtstag und zu meiner eigenen Großfamilie gehe ich seit zwei Jahren nicht mehr, seit mir wieder eingefallen ist, dass Weihnachten das Fest der Liebe und nicht der Verlogenheit und Heuchelei ist.

Nun haben wir es dieses Jahr so geregelt, dass mein Freund und ich Heiligabend bei meiner engsten Familie verbringen und am ersten Weihnachtsfeiertag bei seiner Familie. So kann ich am zweiten Feiertag vormittags zu meiner Freundin fahren und mit ihr Geburtstag feiern. Klingt ja fast schon einfach, oder? Keine Sorge. Meine Großfamilie hat dieses Jahr nämlich beschlossen, dass gefälligst alle Mitglieder dieses Genpools die Weihnachtsharmonie genießen dürfen müssen. Dieses Jahr am zweiten Feiertag nachmittags. Außerdem hat mein Freund fürchterliche Angst davor, seiner Mutter mitzuteilen, dass ihr Goldjunge dieses Jahr als erster aus der gesamten Großfamilie Heiligabend bei einer anderen Sippe verbringen wird.

Also müssen wir jetzt noch meiner Großfamilie ehrlich mitteilen, dass wir die Feiertage lieber mit Menschen verbringen, denen wir öfter als einen Tag im Jahr am Herzen liegen, und meiner Schwiegermutter mitteilen, dass ihr Erstgeborener flügge geworden ist.
Und dann – tja, dann kann Weihnachten werden.
Frohes Fest.

Von Leonie Gebhard

Foto: Lara Sagen

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Die Revoluzzerin

Ich muss euch was gestehen. Heute muss ich es einfach loswerden. Puh, gar nicht so leicht. Okay. Ich gehöre zu den Freaks, die auf Live-Konzerten mitsingen. Ich hab es einfach nicht anders gelernt, andere machen das doch auch. Ich dachte, das wäre okay! Bis zu meinem letzten Konzert. Obwohl wir  weiter hinten saßen, war die Stimmung um meine Freunde und mich ausgelassen. Alle haben mitgesungen. Alle. Und ich auch. Wie die Verrückten.

Erst, als ich den Blick meines Vordermannes bemerkte, wurde ich stutzig. Er beäugte seine Umgebung misstrauisch und überheblich, wie ein erzkonservativer Akademiker vor einer Sonderschulklasse. Überhaupt schien er sich überhaupt nicht zu amüsieren. Lässig gelangweilt den Arm um die Freundin gelegt, ab und an mit der anderen Hand die Gel-Frisur wieder an den Kopf geklebt. Als sein abfälliger Blick mich traf, stieg etwas in mir auf. Ein Gefühl, das wohl bereits die französischen Revolutionäre,  Che Guevara und Han Solo übermannt hatte: Ich strebte energisch nach Widerstand und Rebellion. Ich starrte ihm direkt in die Augen und…sang mit. Laut und mit fester Stimme. Und ich kann euch sagen, das war großartig.

Wisst ihr was? Ich bin gerne ein Freak.

Von Leonie Gebhard

Foto: Lara Sagen

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Der deutsche Abenteurer

Weiße Tennissocken in speckigen Sandalen. Die kurze Hose setzt die krebsroten Schenkel geschickt in Szene. Den Touri-Rucksack auf den Schultern und die kleine Digitalknipse gesichert und geladen: der deutsche Tourist. Keine Angst, liebe Urlaubslandbewohner: Die haben viel mehr Angst vor euch als ihr vor ihnen. Laut einer Umfrage hat jeder zweite Deutsche Angst auf Reisen. Ob diese Angst sich auf die einheimischen Ausländer bezieht oder auf die Tatsache, weiter als drei Meter aus der Kleingartenkolonie entfernt zu sein, bleibt leider offen.

Hat der mutige Tourist das überwunden, trifft er schon auf die nächste Hürde: Regen, plötzlicher Sonnenschein, Windböen. Jeder fünfte Deutsche fürchtet sich vor solchen Naturkatastrophen. Zu Recht! Auf jeder Autobahn lauern Gefahren. Nur die Kühnsten wagen sich heutzutage noch in den Urlaub. Mit Tapferkeit und Heldenmut kehren schließlich 9 von 10 wieder zurück.

Von Leonie Gebhard

Foto: Lara Sagen

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Deutschland liegt lahm

Jedes Wochenende sehen wir das gleiche Bild an deutschen Bahnhöfen: Eltern fahren mit ihren Kindern zu den Großeltern, Studenten und Soldaten fahren in ihre Heimat, Pendler fahren zurück zu ihrer Familie und einzelne Menschen erwarten sehnsüchtig am Gleis ihre Liebsten. Doch wer dieses Wochenende mit der Bahn reisen wollte, muss nun entweder sehr flexibel sein – oder eben sehr geduldig. Continue reading

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Porno wird Club-tauglich

Die Hauptstädter haben ein neues Hobby – vulgär und schamlos geht es zur Sache. Der Spaß heißt Porno-Karaoke. Ob witzige Dialoge oder Lustschreie – jeder Teilnehmer auf der Porno-Couch kann seiner Phantasie freien Lauf lassen. Continue reading

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Der Schatten im Hintergrund

Wahlkampfslogan der CDU bei der ersten Landtagswahl 1946 –

1946 fand die erste Landtagswahl in der sowjetischen Besatzungszone nach Ende des 2. Weltkriegs statt. Viele Deutsche waren verunsichert: Freie Wahlen hatte es seit Jahren nicht mehr gegeben. Jessica Preuss hat sich in die fiktive Erstwählerin Jutta Schulze 1946 hineinversetzt. Continue reading

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„Merkur und Mond sind ziemlich konträr“

Ein mystischer Besuch bei der Star-Kartenlegerin Sylvie Kollin

 

Ein dunkler, mit Fellen und Vorhängen verhüllter Raum, der schwere Duft von Räucherstäbchen umhüllt mich. Mit diesen Klischeevorstellungen im Kopf drücke ich den Klingelknopf von Sylvie Kollin, einer professionellen Zukunftsdeuterin. Doch in der Arbeitsstätte der netten Dame mit feuerrotem Schopf fallen meine Erwartungen in sich zusammen: Weiße Wände, bunter Karoteppich und eine tickende Wanduhr im iPhone-Design.
So sieht also das schicke Apartment einer Star-Kartenlegerin im 21. Jahrhundert aus. „Hereinspaziert. Ich mach erst mal einen Kaffee“, lädt mich die warme Stimme von Sylvie ein, die seit  22 Jahren Einblicke in die Zukunft ihrer Klienten gibt. Zu denen zählen unter anderem auch Ex-Bundespräsident Christian Wulff und Schauspieler Uwe Ochsenknecht.

Bei Kaffee und Gebäck erzählt die Hannoveranerin, warum sie keine Glaskugeln oder Beschwörungen nutzt: Die Karten sind die schnelle Lösung.  „Das liegt mir einfach mehr, weil ich selbst wohl auch ein wenig schnell bin. Sobald ich in die Karten sehe, geschieht etwas in meinem Unterbewusstsein und die zukünftigen Geschehnisse werden sichtbar.“ Prompt fordert mich Sylvie auf, einen Stapel Karten gut zu mischen. Kipper-Karten heißen sie und sind, ähnlich wie Tarot, mit Bildern verschiedener Szenarien bedruckt. Mischen, auslegen, deuten. Sylvie kneift ihre knallrot geschminkten Lippen zusammen, legt die Stirn in nachdenkliche Falten und verkündet dann: „Merkur und Mond sind ziemlich konträr. Du bist also definitiv ein Kopfmensch, der allerdings viel aus dem Bauch heraus entscheidet.“

Trifft zu, ist für mich allerdings noch kein Indiz für eine übernatürliche Gabe. Die  Zukunfts-Prognose bleibt dennoch spannend: „Laut den Karten steht nächstes Jahr viel Stress für dich an, was aber später mit ausbleibenden Geldsorgen belohnt wird. Vorsicht vor falschen Freunden solltest du walten lassen, sowohl im Job, als auch privat.“ Sahnehaube ist schlussendlich die Herzdame, die es definitiv für mich gibt. Alles in allem: eine tolle Prognose! Nach einer guten Stunde intensiven Gesprächs verabschiedet mich die Kult-Kartenlegerin mit dem Ratschlag: „Das Leben ist wie eine Bahnfahrt, Dennis. Wenn die Zeit gekommen ist, bist du an der richtigen Haltestelle!“
Als ich die knarrenden Stufen im Treppenhaus herunter gehe, begleiten mich gemischte Gefühle. Daran, dass man tatsächlich in einen Dialog mit der Zukunft treten kann, glaube ich nicht. Aber Zuversicht und Selbstvertrauen sind eindeutig gesteigert nach einer solchen Sitzung. Und reicht nicht das allein aus, um alles zu schaffen, was man sich vornimmt?

Von Dennis Schmitt

Foto: Najib Alhasan