Befreiungsschlag im Vorgarten

Ich schaue aus dem Fenster und erblicke die Katastrophe. Ein neuer Gartenzwerg. Schon wieder. Vor dem Haus meines Nachbarn wacht eine regelrechte Armee des Spießbürgertums. Wo kauft er diesen Müll überhaupt? Welche Unmenschen machen mit so etwas auch noch Geld?

Ich stelle den Mann zur Rede. Kann doch nicht angehen, dass er die ganze Nachbarschaft verschandelt. Er erzählt mir, dass er Mitglied der Internationalen Vereinigung zum Schutz der Gartenzwerge ist. Kein Witz. Die wurde 1981 in Basel gegründet. Ihr Anliegen ist „die Verbreitung der ‚Zwergenkunde‘ und die Produktion historisch ‚korrekter‘ Gartenwichtel“. Die sind höchstens 69 Zentimeter groß, haben eine Zipfelmütze und einen Bart und sind männlich. Ziemlich diskriminierend, finde ich. Eine 80 Zentimeter große Zwergin mit Zylinder darf also nicht in den Garten?

Ich merke: Ich habe ich es hier mit einem eingefleischten Fan der dekorativen Rasenverschönerung zu tun. Aber ich gebe mich nicht geschlagen. Ich recherchiere und finde eine Gegenbewegung zu dieser Wichtel-Vereinigung. Die Front zur Befreiung der Gartenzwerge. Deren Anhänger holen die kitschigen Figuren aus den Vorgärten und setzen sie in Wäldern, ihrem „natürlichen Lebensraum“, aus. Das wäre ja schon mal ein Anfang. Noch lieber würde ich die Dinger aber auf der Müllhalde aussetzen.

Von Johanna Stein

Foto: Lara Sagen

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