Barcelona genießen: Part III: Das Begehren nach Fleisch

In der Carrer de L’Almirall Cervera Nummer 5 befindet sich “La Malandrina – El Uruguayo”:

Ein Garten Eden für Grillfetischisten – Zufluchtsort der fleischgewordenen Völlerei. Auch „La Malandrina“ gehört wieder in die Kategorie der “dran-vorbei-lauf”-Lokale. Sie liegt, auch wie die Champagneria aus einem der vorangegangenen Beiträge (Part I, Part II), im urbanen und puristischen Hafenviertel “Barceloneta”. Hier sind, abseits der Hauptstraße, wenig städteplanerisch-chirurgische Eingriffe vorgenommen worden und keine Fassade, keine Gasse wirkt für Ottonormal-Touristen besonders einladend. Wie immer ein Anzeichen dafür, dass man hier richtig gelandet ist: Das selbsternannte uruguyanische Steakhouse ist, ebenso wie die Champagneria, absolut erschwinglich und trotz ihres hervorragenden Rufs bei Kennern immernoch ein echter Geheimtipp, was das Leben und dessen Genuss in Barcelona betrifft.

Wenn euch nach einigen durchlebten Nächten irgendwann Tapas und Champagner nicht mehr reichen um zu überleben – gebe ich euch hiermit einen Tipp:

Geht. Da. Hin.

Selbst hatte ich den Tipp von einem irischen Studenten bekommen. Ich hatte Fabian am Abend zuvor bei einer Kneipentour kennengelernt. Nachdem ich ihm nach ein paar Drinks meine Hilflosigkeit auf der Suche nach günstigem, guten Fleisch sehr bildreich geschildert hatte, erbarmte er sich, die Adresse auch an mich Wochenendtouristen weiterzugeben.

Bei der Suche am nächsten Tag bin ich erst einmal zwei geschmeidige Male vorbeigelaufen. Wie gesagt: die besten Adressen in Spanien sind die, denen man es nicht ansieht.

Drei Reize nahmen mich im Innenraum sofort in Beschlag: Appetitanregender Fleisch-Grill-Rauch Geruch, eine ziemliche Lautstärke und… ein relativ leeres Restaurant?

Ich setzte mich an einen der wenigen Tische und identifizierte bald darauf den Quell der ungewöhnlich hohen Lautstärke: Zusätzlich zum unteren Gastraum von vielleicht 5-6 Plätzen gibt es einen weitern im Obergeschoss – sozusagen eine Empore. Da ich enormen Hunger hatte, verzichtete ich auf eine genauere Untersuchung und nahm Blickkontakt zu einem der Kellner auf.

Meine Bestellung war dann eine gemischte Fleischplatte mit Pommes. Beim Blick auf die inzwischen gefüllten Nachbartische, bereute ich meine Pommeswahl eigentlich augenblicklich. Es gibt in der Malandrina wesentlich bessere Alternativen – wenn ihr da seid probiert ruhig mal etwas aus.

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Eine sehr geringe Wartezeit verstrich. In dieser Zeit brachte man mir Weissbrot und zwei kleine Schälchen: Eines beinhaltete eingelegte, fein gehackte Paprika, Knoblauch, sowie grüne und rote Chilis. Das andere konnte mit einer Art Mojo roja, dem spanischen Gegenstück zu italienischem Pesto rosso glänzen. Aufgrund meiner Vorfreude auf eine wirklich große Menge Fleisch (die Nachbarteller wirkten gerade zu magisch), war es mein Plan, mich mit dem Brot zurückzuhalten. Ging leider nicht auf: Die Schälcheninhalte waren so frisch und schmackhaft,  dass Widerstand zwecklos war.

Dann kam meine Bestellung. Der gemischte Fleischteller bestand aus einem großen Stück Lammrücken, einem Entrecote, einem Schweinesteak und einem Hähnchenbrustfilet. Zusätzlich gab es zwei hausgemachte Würstchen: Eine etwas hellere, vermutlich vom Schwein und eine dunkle Blutwurst – typisch spanisch mit Reis. Alles war perfekt auf den Punkt – medium-rare – genau nach meinem Geschmack. Nur das Hähnchenteil war etwas länger gebraten, hatte jedoch nichts an Saftigkeit eingebüßt und war insgesamt wesentlich geschmacksintensiver als in Deutschland. Besonders bekannte, eingeschweißte Produkte aus deutschen Supermärkten waren dagegen eher als schlechter Scherz zu sehen. Das Gericht war jedenfalls reichlich, sehr lecker und schnell zubereitet. Auch den Geldbeutel schont „La Malandrina“: Für diesen Riesenteller voller Köstlichkeiten waren lediglich ca. 11,00 EUR fällig.

In der Selbstbeschreibung gibt sich La Malandrina als Steakhouse – meinem Empfinden nach sollte man sie eher als hochwertigen Imbiss sehen, was aber keine Qualitätseinschränkung darstellen soll.

Meinen persönlichen Geschmack trifft das hektische, bodenständige Ambiente. Auch die Bedienungen waren – mal wieder- durchweg freundlich und die Verständigung mit Händen und Füßen fiel nicht schwer. Nachdem ich aufgegessen hatte, enterten 3 chilenische Sängerinnen mit Ukulele das Restaurant, die für ein Kinderhilfswerk Spenden sammeln wollten. Weder aufdringlich noch unangenehm, begeisterten sie den inzwischen komplett gefüllten Laden. Nichts machte den Anschein typischer Touristenfänger-Klischee-Geschichten und das obwohl sich das Repertoire der drei gerade so von “Commandante Che Guevara” bis zu einer Hispano-Version von “Don’t let me be misunderstood” erstreckte.

Ich verließ den Laden mit einem Gefühl der Schwangerschaft. Das erste und einzige Mal während meines Aufenthalts setzte ein leichter Nieselregen ein. Eine erfrischende Abwechslung. Ich schleppte mich die 100 Meter bis zu einer kleinen Mauer am Strand, setzte mich, genoss die kühlen Tropfen und den Mischgeruch warmen Straßenstaubs und Sommerregen. Es war Mittagszeit und dementsprechend leer. Ich hatte keine Eile.

Von Jochen Heimann

[ssba]