Barcelona genießen – Part II: Milan’s Cocktails

Inmitten der unteren gothischen Altstadt von Barcelona gelegen, bietet die Carrer Milans einen Anlaufpunkt für Liebhaber kleiner, lebhafter Bars. Denn in der Carrer Milans liegen sowohl die Manchester Bar, als auch Milan’s Cocktails. Letzterer statten wir im folgenden Text einen Besuch ab.

Willkommen in der Milan’s Bar

Die Milans Bar ist von innen in warmen Rottönen gehalten, draussen dominieren Sandstein, Holz und Efeu das Erscheinungsbild. Neben einigen Stehtischen mit Barhockern, gibt es einige Vierertische im unteren Bereich. Geht man die Treppe zu den gepflegten Toiletten hoch, kommt man im ersten Stock noch an einigen recht knapp bemessenen, kleineren Tischen vorbei. Insgesamt wirkt die Bar eher unaufgeregt und beschaulich – im Gegensatz zu ihrem Ginregal:

Das Ginregal der Milans Bar bietet Freunden dieses Getränks alles was das Herz begehrt: Von Klassikern wie dem Bombay Sapphire oder Hendrick’s Gin, bekommt man hier über deutsche Erzeugnisse (Monkey’s, Ferdinand’s) auch einige Raritäten, wie den – in Deutschland noch weitesgehend unbekannten – Brockman’s Gin.

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Aber genug gespoilert – los geht’s:

Vorab ist zu sagen, dass das richtige Nachtleben in Barcelona frühestens um 22:00 Uhr beginnt. Vorher herrscht in den meisten von Einheimischen und Ortskundigen besuchten Bars und Kneipen meist ziemliche Totenstille. (Ausser natürlich in der Champagneria aus Part I dieser Reihe)

Beim Betreten von “Milans Cocktails” fällt sofort das stylische, aber nicht überladene Inventar auf – modern und relativ schick. Die Bar selbst hingegen ist ein Klassiker. Dunkles Holz kombiniert mit großen Spiegelflächen und Glasregalen, zeugen von einer gewissen Tradition und Leidenschaft der Inhaber. Das Team der Bar ist durchweg als absolut weltoffen und sehr freundlich zu beschreiben. Die Auswahl der Getränke ist generell eher im hochwertigeren Bereich angesiedelt und scheint beim ersten Hingucken grenzenlos. Besonders das Ginregal überzeugt, wie bereits erwähnt, durch seine breite Auswahl. Die Preisspanne liegt hier von 6,00 EUR bei günstigeren Sorten (wobei der in Deutschland zu Unrecht beliebte Bombay Sapphire als günstig eingeordnet wird), bis hin zu extravaganteren Varianten – wie dem erwähnten Brockman’s Gin für 10,00 EUR als Longdrink.

Der Barkeeper – dein bester Freund

Nach der ersten Flasche Estrella (1,50 EUR) , ruhten meine leuchtenden Augen auf dem Ginregal. Das bemerkte der aufmerksame Wirt, ließ sich aber noch nichts anmerken. Also äußerte ich mein Interesse für einen Gin-Tonic und wurde von ihm auf liebevoll-gebrochenem Englisch ausführlich beraten. Nach einer sehr blumigen Beschreibung des Brockman’s Gin, entschied ich mich für diese Variante.

Schon die Zubereitung des Getränks war pure Ästhetik:

Drei klare, eckige Eiswürfel platziert in einer Gin-Bowle, dazu drei Pimentkörner, umspielt von etwas frisch geschnittener, gerollter Orangenschale – erst dann goß der Wirt eine sehr großzügige Menge Gin über einen hohlkehligen Barkeeper-Löffel mit genießererischer Ruhe in das Glas. Gekrönt wurde das Ganze von einer Schweppes Variante, die nach Auskunft des Schweppes Deutschland Vertriebs der Krombacher Brauerei aufgrund fehlender Marktperspektiven hierzulande gar nicht erhältlich ist. Schade eigentlich – denn „Schweppes Azahar + Lavanda“ (dt.: „Orangenblüte + Lavendel“) würde vermutlich auch bei uns riesigen Anklang finden. Ganz zu schweigen davon, dass die deutsche Barszene nicht unbedingt als innovativ und richtungsweisend gilt und besser daran täte diesen Zustand zu ändern.

Wie auch immer – zurück nach Barcelona:

Das Glas war leicht beschlagen als es serviert wurde. Bereits der erste, zaghafte Schluck war eine Offenbarung: Er schmeckte – und der Leser verzeihe mir den Pathos dieser Poesie – als würde man eine saftige Wiese voll frischer Gebirgsblumen in sich einsaugen – als würde man die Energie dieser Frische direkt der Seele zuführen. Die sonst bekannten Bitterstoffe von Gingetränken waren – wenn überhaupt spürbar – eher süßlich-herb. Alles in allem war es das beste Getränk, das ich je getrunken habe.milan1

Die Gäste der Bar

Wie so oft in der Hauptstadt der Katalanen, ist das auch das Publikum der Milans Bar durch Alternative und junge Künstler geprägt. Das lässt das doch gehobene Ambiente erst nicht vermuten. Trotz der anfangs erwähnten Sauberkeit, kam doch noch richtige Kneipenatmosphäre auf: Eine Gruppe von jungen Leuten feierte den Geburtstag eines Freundes. Es ist fast ein zu romantisches Klischeebild – aber natürlich blieben sie den Umsitzenden – und so auch mir – keine Einladung schuldig. Man wurde sofort Teil der Runde. Ich weiss wirklich nicht, ob dieser offene Umgang mit Touristen überall in Spanien Gang und Gäbe ist. Ehrlich gesagt, gehe ich eher vom Gegenteil aus. Aber die Katalanen die ich kennenlernen durfte, waren – entgegen der allgemeinen Wahrnehmung – generell sehr kontaktfreudigee, offene und tolerante Menschen, die eher ein Gespräch beginnen, als diesen Schritt von dir zu erwarten.

 

Beim Verlassen der Milans Bar stellt man meist fest, dass die Uhrzeit schon weiter fortgeschritten ist, als man eigentlich gedacht hätte. Das stellt einen vor folgende Entscheidungen: Entweder die 10 Meter bis in die benachbarte „Manchesterbar“ bestreiten, in einen Club, zum Hafen, zum Strand, etwas essen oder nach Hause. Meistens hat man aber eine oder mehrere Bekanntschaften gemacht. Dann sollte man sich am Besten einfach fallen lass und durch die zahlreichen, verwinkelten Gassen voller junger Leute treiben. Spätestens gegen 3 Uhr schließen sowieso fast alle Bars und die, die immer noch nicht genug haben, wenden sich den ausgewählten Clubs der Metropole zu.

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Und… Keine Scheu vor redseligen, fröhlichen, schwarzen Männern mit Hut, die dir seltsame Nüsse geben, welche dich aufgedreht und wach machen. Sie wollen nur dein Bestes.

Von Jochen Heimann

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