Deutschland liegt lahm

Jedes Wochenende sehen wir das gleiche Bild an deutschen Bahnhöfen: Eltern fahren mit ihren Kindern zu den Großeltern, Studenten und Soldaten fahren in ihre Heimat, Pendler fahren zurück zu ihrer Familie und einzelne Menschen erwarten sehnsüchtig am Gleis ihre Liebsten. Doch wer dieses Wochenende mit der Bahn reisen wollte, muss nun entweder sehr flexibel sein – oder eben sehr geduldig.

Die GDL hat erneut einen Streik angekündigt. Es ist bereits der dritte Streik innerhalb von 14 Tagen.

Mit einer Streikdauer von 50 Stunden versauen die Lokführer nicht nur den regelmäßigen Pendlern das Wochenende. In sieben Bundesländern beginnen die Herbstferien, in zwei weiteren enden sie. Dutzende Urlaubswillige müssen nun umdisponieren.

Streik schadet der Volkswirtschaft

In Dutzenden Betrieben fielen bereits am Mittwoch Arbeitskräfte aus, bzw. sie mussten eher Feierabend machen. Das betrifft sowohl den Bäcker um die Ecke, den Arbeiter am Fließband bei VW, sowie den Geschäftsführer eines Unternehmens. Dadurch sind auch Menschen vom Streik indirekt betroffen, die in diesen Momenten gar nicht auf die Bahn angewiesen sind.

Auch der Güterverkehr wird bestreikt. Erneut. Wie sollen die Speditionen ihre Waren bis Montag an den Kunden ausliefern? „Selbst wenn es nicht zu Produktionsausfällen kommt, werden die Unternehmen einen finanziellen Schaden haben“, berichtet Gunnar Gburek, Logistikexperte des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik am Freitag in Frankfurt.

Einfach auf das Auto ausweichen?

Doch so einfach wie das jetzt klingt, ist es in der Regel nicht. Nicht jeder hat ein Auto zur Verfügung, bzw. kann es sich leisten mit dem PKW zu pendeln. Viele nutzen die Bahnfahrt auch um dabei noch zu arbeiten. Auch das ist mit dem PKW nicht möglich.

Nun würde es sich vielleicht anbieten Fahrgemeinschaften zu bilden, so kann der Sprit geteilt werden und man hat auch noch Gesellschaft bei der Reise. Dafür wäre es aber auch hilfreich gewesen, wenn die Leute Zeit gehabt hätten sich darauf vorzubereiten. Auch eine Fahrgemeinschaft muss erst einmal organisiert werden.

Stau_Kerstin Imhof 

Wie das aussieht, wenn Bahnreisende auf das Auto ausweichen, konnten wir bereits am Mittwoch beobachten. Vielerorts kamen Reisende gar nicht erst aus der Stadt raus, da sich bereits kilometerlange Staus gebildet hatten.

Auch hier ist der Güterverkehr betroffen. „Unternehmen versuchen sicherlich auf die Straße auszuweichen, wenn die Ware am Montag beim Empfänger sein muss“, sagte Andrea Marongiu, Geschäftsführer vom Verband Spedition und Logistik Baden-Württemberg der Süddeutschen Zeitung.

Ist der Fernbus eine echte Alternative?

Eine weitere Alternative wäre es auf einen Fernbus auszuweichen. Seit der Liberalisierung gibt es einige Anbieter auf dem Markt. Es werden immer mehr Strecken ins Angebot mit aufgenommen und die Preise klingen nach harter Konkurrenz zur Deutschen Bahn.

Matthias Schröter, Sprecher des Bundesverbands Deutscher Omnibusunternehmer (bdo), berichtet die Webseiten einzelner Anbieter seien überlastet. Es gebe mehr Anfragen als Kapazitäten. Alle Anbieter wollten nun versuchen, mit weiteren und größeren Bussen auf den Ansturm zu reagieren.

Doch auch Fernbusse werden von Staus auf den Autobahnen betroffen sein.

Mietwagen statt S-Bahn?

Vergangenen Mittwoch freuten sich besonders Autovermietungen und Taxizentralen über eine erhöhte Nachfrage. Taxifahrer vor dem Hauptbahnhof Hannover berichten bereits von Fernfahrten nach Stuttgart, Berlin oder Paris. „Eine solche Fernfahrt und man hat die Einnahmen von einer Woche.“

Bereits am Mittwochmittag gab es vielerorts keine Mietwagen mehr zum Verleih. „Ohne Reservierung geht bei uns gar nichts mehr“, so ein Mitarbeiter von Sixt. Ein weiteres Problem sei es, wenn Fahrer das Auto an einen anderen Standort zurückbringen. Den Rücktransport „machen wir nämlich meistens mit der Bahn“ schmunzelt eine Sprecherin der Autovermietung Hertz.

Was nun?

Wer die Möglichkeit hat, sollte seine Reise also besser erst einmal verschieben. Aber für wie lange? Ein Ende dieses Streikterrors ist aktuell nicht in Sicht. Die Gewerkschaften GDL und EVG können sich nicht einigen, wer welche Arbeitnehmer vertreten darf. Die Bahn möchte nicht für die gleiche Berufsgruppe zwei verschiedene Tarifverhandlungspartner haben, bei denen womöglich am Ende unterschiedliche Lohnerhöhungen und Arbeitszeiten herauskommen.

Manch einer wünscht sich in diesen Tagen schon die Verbeamtung der Lokführer zurück, andere verfluchen das aktuelle Streikrecht. Beides keine wirklich konstruktive Lösung. Aber wenn ein wiederholter Streik Auswirkungen auf die Volkswirtschaft eines Landes nimmt, sollte hier ein neutraler Vermittler eingeschaltet werden. Und für die Zeit der Vermittlung gilt dann Streikverbot für alle Beteiligten.

Ein Kommentar von Jessica Preuss

Titelfoto: Lara Sagen

Foto vom Stau: Kerstin Imhof

[ssba]