Tobias Kurz

Brainstorm, Journalismus, Karriereleiter

Fake News: Glaubwürdigkeitskrise des Journalismus?

Spätestens seit der US-Wahl 2016 scheint die Bedrohung des unabhängigen Journalismus durch „Fake News“ omnipräsent zu sein. Immer häufiger versetzen Falschmeldungen die Branche in Zeiten der rasend voranschreitenden Digitalisierung in Aufruhr. Journalisten auf der ganzen Welt verschreiben sich auf dem „International Festival of Journalism“ im italienischen Perugia dem Kampf gegen Desinformation.

Erst vor wenigen Tagen erschütterte die Diskussion um eine vermeintliche Falschmeldung mal wieder das weltpolitische Geschehen. Aktivisten zufolge wurden bei einem Giftgasanschlag Russlands in der von Rebellen kontrollierten Stadt Duma in Ost-Ghuta 150 Menschen getötet und etwa 1000 Menschen verletzt. US-Präsident Donald Trump reagierte mit einem entrüsteten Tweet, zwei Tage später forderte auch die US-Botschafterin Nikki Haley Sanktionen gegen Russland. Der Kreml schoss umgehend zurück: Bei der Meldung über den angeblichen Chemiewaffeneinsatz handele es sich um „Fake News“. Die Quelle der Meldung stehe in Verbindung zu Dschjhadisten, die durch die USA und Großbritannien finanziert werden.

Auf dem 12. „International Journalism Festival“ in Perugia Mitte April nimmt das Thema „Fake News“ eine zentrale Rolle ein. Weltweit gründen sich Initiativen gegen die steigende Desinformation, Medienvertreter aus allen Ecken des Globus debattieren über die Problematik und suchen gemeinsam nach einer Lösung. Der Konflikt zwischen den USA und Russland zeigt, welche Tragweite das Thema „Fake News“ mittlerweile im politischen Geschehen eingenommen hat. Täglich verbreiten sich Falschmeldungen auf der ganzen Welt. Und es wird immer schwieriger, sie als solche zu erkennen und einzudämmen. „Wenn ich die Antwort wüsste, wie man ‚Fake News‘ ein Ende setzt, wäre ich ein reicher Mann“, meint Chris Elliott, CEO des „Ethical Journalism Network“. Der langjährige Herausgeber des „Guardian“ sieht allerdings keinen einfachen Lösungsansatz gegen Falschmeldungen. „Allzu oft fokussieren wir uns auf einen Grund für eine Sache, aber ich glaube, es gibt vielfältige Gründe dafür, dass dieses Phänomen existiert.“

Paneltalk: „Newsrooms of the world unite! Finding a global solution to misinformation“, Foto: Tobias Kurz

Ein entscheidender Faktor ist die stetige Entwicklung der digitalen Möglichkeiten Nachrichten zu verbreiten. In Deutschland verbreiten sich Falschmeldungen vor allem über soziale Medien wie Facebook oder Twitter. Während der Bundestagswahl 2017 waren es vor allem Rechtspopulisten und rechtsextreme Nutzer, die Falschmeldungen, insbesondere in Verbindung mit der Flüchtlingskrise in Umlauf brachten. „Es gibt viel mehr Inhalte und viel mehr Wege, diese zu veröffentlichen und zu teilen. Das ist ein gesundes Umfeld für Medien, aber leider auch für ‚Fake News'“, meint Mandy Jenkins, die seit zwei Jahren als Head of News des irischen Redaktionsdienstleisters Storyful arbeitet. „Genauso wie ein Wachstum von Medien herrscht, herrscht ein Wachstum von Medien, die nicht notwendigerweise eine gute Mission verfolgen.“

„Wir müssen dafür sorgen, dass echte Nachrichten besser werden.“

Die serbische Journalistin Mira Milosevic sieht vor allem Unternehmen wie Facebook oder Twitter in der Verantwortung, dem Problem von sensationalistischer und des- oder misinformierender Berichterstattung entgegenzuwirken. Die Direktorin des „Global Forum for Media Development“ erklärt: „In den letzten fünf Jahren hatten wir die Entwicklung, dass der Facebook-Newsfeed Inhalte hervorgehoben hat, die schnell, oberflächlich und einfach zu konsumieren waren.“ Müssen Medienhäuser deshalb verstärkt mit den allmächtig, aber in diesem Fall so machtlos wirkenden sozialen Plattformen zusammenarbeiten? Jenkins ist der Meinung, dass das Problem nicht allein mit einer journalismusfreundlichen Überarbeitung der Facebook-Algorithmen gelöst werden kann. „Mit den Plattformen zusammenzuarbeiten, ist ein Teil davon, aber wir müssen dafür sorgen, dass echte Nachrichten besser werden, sichtbarer werden und stärker verbreitet werden. Wir können die dominantere Stimme werden“, nimmt sie ihre Kollegen in die Pflicht.

Für Journalisten wird das Überprüfen von Inhalten und Quellen immer wichtiger. Schließlich ist das Image des Journalismus durch die Vielzahl der Falschmeldungen und dem damit verbundenen Vertrauensverlust der Leser, Zuhörer und Zuschauer in Gefahr. Dies ist der Grund, warum viele Medienhäuser inzwischen Mitarbeiter haben, die sich speziell um die Prüfung von Informationen kümmern und ganze Organisationen journalistische Berichterstattung auf Falschmeldungen untersuchen. Das internationale „Fact Checking Network“ wurde 2015 vom Poynter Institut ins Leben gerufen, mit dem Ziel, auf der ganzen Welt „Fact-Checking“-Organisationen zu vernetzen.

Diese überprüfen Berichterstattung im Netz auf Objektivität und Richtigkeit und gelten als eines der wirkungsvollsten Mittel, um „Fake News“ entgegenzuwirken. Alexios Mantzarlis, seit 2015 Direktor des „Fact Checking Network“ sieht die Wurzel des Problems vor allem im Zeitalter der Digitalisierung begründet. „Es ist über soziale und sonstige Plattformen zu einfach, Falschinformationen ungefiltert zu publizieren und eine Vielzahl von Menschen zu erreichen. Deshalb ist es vor allem ein technisches Problem, für das man zunächst eine technische Lösung finden muss. Aus diesem technischen Problem folgt eine politische Problematik, weil ‚Fake News‘ für politische Zwecke verwendet werden.“

Foto: Janina Cordes

Seit Anfang des Jahres gibt es eine Expertengruppe in der EU-Kommission, die sich speziell der Bekämpfung von „Fake News“ widmet. Als Lösungsmaßnahme sieht das Team unter anderem das Offenlegen von Funktionsweisen von Algorithmen sozialer Plattformen als wichtigen Schritt. Sanktionen gegen Facebook, Twitter und Co. hält „Fact-Checking“-Experte Mantzarlis aber für gefährlich. Er warnt: „Oft führen wir die Debatte mittlerweile zu hysterisch. Ich fürchte, dass wir eine Überregulierung von sozialen Plattformen und damit auch des Journalismus bekommen, wenn wir zu viele Schranken einbauen wollen.“ Bis zu einer Lösung der „Fake News“-Krise ist es augenscheinlich noch ein weiter Weg – doch der Kampf gegen die Desinformation ist in vollem Gange.

von Janina Cordes, Tobias Kurz, Nina Marie Meier & Saskia Ratzmann