Tilman Kortenhaus

Journalismus

#USTOO Journalism Festival

Foto: Victoria Antoni

Foto: Victoria Antoni

Für fünf Tage trafen sich JournalistInnen aus über 50 Ländern auf dem diesjährigen International Journalismfestival in Perugia (Italien). Das Festival gilt als das größte Medienevent in Europa. Über 700 RednerInnen referierten bei 300 Veranstaltungen. Dass die #Metoo-Debatte auch im Journalismus die Wahrnehmung von sexualisierter Gewalt nachhaltig verändert hat, wird an der Präsenz des Themas deutlich. Insgesamt 18 Veranstaltungen befassten sich mit dem Hashtag #UsToo. Das machte immerhin etwa sechs Prozent aller Events aus und ist somit öfter vertreten, als das Thema Tech und Social Media (4,6%).

Unter dem Hashtag #MeToo ist eine Debatte über Sexismus und Machtmissbrauch ausgebrochen, die kaum noch einzufangen ist. Zu massiv sind die Missbrauchs- und Belästigungsvorwürfe, zu breit die gesellschaftlichen Felder, die betroffen sind. Die Enthüllungen sexueller Ausbeutung von Frauen in Sport, Film, Politik, in Arbeitswelt und Alltag zwingen zur Auseinandersetzung mit einem Thema, welches sonst häufig als Dauerzustand akzeptiert und ignoriert wird.

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Der Veranstaltungsbereich in der Innenstadt von Perugia.

Foto: Victoria Antoni

Die Bewegung unter dem Hashtag #MeToo, keimte vor einem halben Jahr auf. Der Skandal um Hollywood-Regisseur Harvey Weinstein legte den Grundstein. Er soll zehn Frauen sexuell belästigt und drei Frauen vergewaltigt haben. Unter den weit über 80 Frauen, die Weinstein seit dem Publikwerden jener 13 Fälle ebenfalls Vorwürfe der sexuellen Belästigung oder Nötigung machen, sind unter anderem Gwyneth Paltrow, Léa Seydoux, Cara Delevigne, Angelina Jolie, Ashley Judd, Heather Graham und die italienische Schauspielerin Asia Argento.

Schauspielerin Alyssa Milano rief unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Weinstein-Affäre den Hashtag ins Leben. Sie forderte Frauen, die sexuell belästigt wurden, in einem Tweet dazu auf, sich unter den Worten ‚me too‘ der Bewegung anzuschließen. Milano brachte damit eine enorme Lawine ins Rollen. In den ersten zwei Tagen wurde der Hashtag nach Twitter-Angaben 825.000 Mal verwendet. Auf Facebook waren es zum selben Zeitpunkt 4,7 Millionen Nutzer, die diesen verwendeten.

Doch nicht erst seit Oktober 2017 ist die „MeToo-Bewegung“ existent. 2007 hob Tarana Burke die non-profit Organisation aus der Taufe. Eine zehn Jahre zurückliegende Erfahrung mit einer 13-Jährigen, die ihr erzählte, sexuell belästigt worden zu sein, ging ihr derart nah, dass sie sich dazu bewegt fühlte, eine Anlaufstelle für Betroffene Frauen zu gründen. Als der Hashtag aufkeimte, geriet sie zuerst in Panik, wie sie der „New York Times“ offenbarte.

Ich hatte ein Gefühl der Angst, weil etwas, dass mein Lebenswerk vereinnahmt, mir weggenommen und für einen Zweck verwendet wird, den ich nicht initiiert habe.

Milano nahm zwei Tage nach ihrem Tweet Kontakt mit ihr auf – letztlich sind sich beide darüber einig gewesen, den Fokus wieder auf die Opfer zu legen. „Die MeToo-Kampagne ist größer als eine Person“, resümierte Burke.

Eine kontroverse Debatte entstand. Wo fängt sexuelle Belästigung an? Wie viel subjektiven Spielraum bringt #MeToo mit sich? Wie sollte eingegrenzt werden: Sind Pfiffe von Männern Grund genug, sich in die Riege der Opfer einzureihen?

Aus Deutschland zählte Model und Schauspielerin Sophia Thomalla zu den Kritikern am leichtsinnigen Nutzen des Hashtags: „Diese ganze Debatte ist eine Beleidigung für alle echten Vergewaltigungsopfer.“ Die französische Schauspielerin Catherine Deneuve urteilte ähnlich: „Vergewaltigung ist ein Verbrechen, aber zu versuchen, jemanden zu verführen, selbst hartnäckig, ist es nicht.“ Beide ernteten harsche Kritik. Es gehe nicht um die Art des Übergriffs, sondern darum, dass Männer sich Übergriffe jeglicher Art einfach und wie selbstverständlich erlauben. Aber auch Modedesigner Karl Lagerfeld machte seinem Ärger über diese Thematik Luft. „Ich habe es satt“, sagte er dem „Numero“-Magazin. Über die Anschuldigungen an einen Stylisten kann er nur den Kopf schütteln. Karl Templer wurde beschuldigt, einem Model bei einem Shooting die Unterwäsche runtergezogen zu haben, ohne zu fragen. „Es ist unglaublich. Wenn du nicht willst, dass an deiner Hose rumgezogen wird, werde kein Model! Tritt einem Kloster bei, es wird immer einen Platz für dich im Kloster geben. Sie rekrutieren sogar!“, wütet Lagerfeld.

Es wird immer einen Platz für dich im Kloster geben.

Auf der anderen Seite sehen Prominente den Durchbruch einer verschleierten Realität. Die amerikanische Talk-Ikone Oprah Winfrey hielt eine denkwürdige Rede bei der Verleihung des Golden Globe. Ein prägnanter Satz gab die Richtung vor: „Zu lang wurden Frauen nicht angehört oder ihnen wurde nicht geglaubt, wenn sie den Mut hatten, gegen die Macht von Männern aufzubegehren. Aber deren Zeit ist um!“

Foto: Victoria Antoni

Mittlerweile ist dem Hashtag #MeToo eine Erweiterung verliehen worden: #UsToo. Es geht nicht mehr nur darum, kundzutun, dass Frauen negative Erfahrungen mit Männern gemacht haben, sondern viel mehr, dagegen als Kollektiv vorzugehen. Es soll ausdrücken, dass es nicht nur um die Filmbranche geht, nicht nur um Harvey Weinstein oder Kevin Spacey. Das Problem ist in unserer Gesellschaft verankert und drückt sich nicht nur durch sexuelle Belästigung aus. Oprah Winfrey verwendete es bereits: Das Schlagwort lautet Macht. Das Wort Unterdrückung wohnt nun auch dem gesellschaftlichen Diskurs bei, der nun auch auf andere Branchen übertragen wird. Vor allem Männer geraten dabei ins Kreuzfeuer. Sie würden ihre Macht ausnutzen, sich Dinge rausnehmen, die Frauen demütigen.

Unter dem Hashtag #UsToo wird Sexismus in der Medienbranche und in anderen Berufsgruppen thematisiert. Aus dem Hashtag wurde eine globale Bewegung gegen Sexismus und Machtmissbrauch.

Das international journalism festival widmet sich ausführlich dieser Thematik. Der Blick liegt dabei vor allem auf der Medienbranche. AnwältInnen, AktivistInnen und JournalistInnen erzählen über die Ursache, den Umgang, die Konsequenzen und die Wahrnehmung der #MeToo- und #UsToo-Debatte.

#UsToo: Sexismus in der Medienbranche

Eine genaue Auflistung aller Speaker und Themen sind unter folgendem Link zu finden: https://www.journalismfestival.com/. Auf der Website besteht auch die Möglichkeit einzelne Veranstaltungen im Stream nachzuschauen. In Perugia zeigt sich, dass #MeToo nicht nur sexuelle Übergriffe thematisiert. Der Hashtag umfasst auch Sexismus, die Wahrnehmung von Frauen in der Öffentlichkeit und fordert Gleichberechtigung.

Schon bei den Titeln der Events, wie z.B. „How women changed the role“, „Gender violence harassment: Best Practice for Journalists”,  “Sexual violence – a silencing tool “, wird deutlich wie die JournalistInnen die Debatte auffassen. Sie wünschen sich Veränderungen in der Wahrnehmung von Frauen. „I think with the MeToo-movement and a lot of the attention that came after […], the issue of sexual violence as a silencing tool against women journalists and what they have to go through, how they are combated, how they continue to do their work, something that we really want to focus on here, because we can’t talk about independent journalism without recognizing that ensuring women’s ability to be journalists and work safely is critical“, äußert sich Courtney Radsch (Commitee to protect Journalists) zu der MeToo-Bewegung.

What can we do that women don’t need to protect themselves in theirs jobs? We also have to talk about why we portray women more as victims than as survivors.

Das fragt sich Alison Baskerville (Documentary photographer).

Victim or Opinion?

 Fabio Bertoni (Rechtsberater des New York Times Magazines) und Fulvio Sarzano (Gründer der Rechtsfirma Sarzana and Associates) referierten über „Legal Issues: Reporting on #MeToo“ und betrachteten das Thema aus einer anderen Perspektive.

Von #MeToo zu #quellavoltache: Die Bewegung gegen sexuelle Belästigung in Italien

Aus den vereinigten Staaten nach Europa, vom Weinstein Fall zur #MeToo-Bewegung: Ein Erdbeben hat die Mauer des Schweigens eingerissen, die sexuelle Belästigung und Nötigung vorm Licht der öffentlichen Debatte abgeschirmt hatte. Frauen haben ihre negativen Erfahrungen geteilt und eine Welle der Empörung und Offenbarung fegte über die Filmindustrie, die Welt der Medien und Politik, hinweg. Diese hinterfragt den vorherrschenden Machoismus, der zu oft totgeschwiegen und akzeptiert wurde und wirft einen kritischen Blick auf Arbeitsbeziehungen und Machtgefälle.

Fabion Bertoni (links) und Fulvio Sarzano Foto: Tilman Kortenhaus

Globales Problem, das sich noch konkret definieren muss

Und in Italien? Trotz einigen Beschwerden, wie die von Miriana Trevisan und den Schauspielerinnen, die beim Fernsehsender “Le lene” von Dino Giarrusso interviewt wurden und trotz dem Hashtag #quellavoltache, der in Italien als Synonym für #MeToo gilt und von Giulia Blasi ins Leben gerufen wurde, blieb das Beben aus. Stattdessen fokussiert die italienische Debatte vor allem die Opfer und bringt diese in Verruf. “Das ist sexueller McCarthysmus”, “Warum haben sie die Vorfälle nicht gemeldet, als sie passiert sind?”, “Sie könnten nein sagen.”, “Die erzählen das doch nur um berühmt zu werden.”: Und das sind nur einige der Reaktionen die eine Art kollektive Demontage der Debatte markieren. Warum ist in Italien die Mauer der Omertà nicht durch Beschwerden gefallen? Sind Frauen, die sexuelle Belästigung, sexuelle Unterdrückung oder gar Vergewaltigung auf der Arbeit erleben müssen wirklich zu Stillschweigen, Scham und Schuld Verurteilt? Oder gibt es durch die #MeToo Debatte tatsächlich Hoffnung für einen echten und bedeutungsvollen Wandel?

Zumindest von rechtlicher Seite erhoffen sich die Opfer Beistand. Doch die Justiz hat Schwierigkeiten die Fälle zu bewerten. Oft gehen rechtliche Maßstäbe und subjektive Wahrnehmung der Öffentlichkeit und vor allem der Opfer auseinander. In Deutschland hat zwar bereits vor der Weinstein-Affäre die Gesetzgebung reagiert und das “Nein heißt Nein”-Gesetz verabschiedet aber dennoch lässt sich auch mit der erweiterten Definition von sexuellen Übergriffen in diesem Gesetz oft kein Maß finden, was beide Seiten für angemessen halten. Dies ist kein rein deutsches Problem. Überall auf der Welt gelten von rechtswegen andere Grenzwerte, die zwischen Opferschaft und Meinung unterscheiden.

Die #MeToo-Bewegung schafft Aufmerksamkeit für eine Thematik, der lange nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Mittlerweile ist die Debatte nicht mehr aus dem Medienbewusstsein wegzudenken.

Im März 2017 wurde die  “Coalition for Women in Journalism”, das erste globale Netzwerk für Frauen, gegründet und  befasst sich mit Recht, Gleichberechtigung und Unterstützung für JournalistInnen.

Jean Lee (Global fellow Wilson Center) unterstützt den Gedanken der Netzwerke: „I‘m really proud of what women can achieve. We should use being women as a tool, as an advantage.“

Dass der Journalismus nicht nur das Thema aufbereitet und verbreitet, erklärt Shayda Hessami (Human Rights Activist). Sie beschreibt den Journalismus als ein „tool to empower women“. Sie bildet geflüchtete kurdische Irakerinnen in Flüchtlingslagern in den arbaischen Ländern zu Fotojournalisten aus. Ihr Gesicht: Zina Hamu. Nach dem Genuzid durch den „islamischen Staat“ gab die von Hessami initierte Organisation zwölf Damen eine neue Perspektive. Hamu ist dankbar für diese Chance, das Sprachrohr zu sein, dadurch in Litauen studieren zu können und einen Sinn widergefunden zu haben. Auch dafür ist diese Bewegung relevant – obgleich ihr Fokus eher in der sexistischen Kategorie angesiedelt ist.

Ob die #MeToo-Debatte nachhaltig etwas an dem Frauenbild und dem Sexismus gegen Frauen verändert, wird sich noch zeigen. Die Medien sind jedenfalls auf dem richtigen Weg.

„Like a picture,  I am more that you can see“ – Zina Hamu.

Ein Projekt von: Lisa Schröter, Marvin Behrens, Tilman Kortenhaus und Victoria Antoni

Perspektivenwechsel 2

Nackt kämpft es sich besser?

Sexismus in der Videospielbranche:

Ob es der weibliche Spielcharakter mit deutlich zu wenig Rüstung am Körper, die Kellnerin auf einem Gaming-Event mit erotischen Outfits oder die fast ausschließlich an Männer gerichtete Werbung ist – schnell wird deutlich, dass Sexismus in der Videospielbranche nicht mehr von der Hand zu weisen ist.

Zwar hat sich seit den 90er Jahren viel getan und Videospiele werden nicht mehr ausschließlich an ein männliches Klientel gerichtet, dennoch ist vor allem in der Werbung und in Rollenspielen die alte Struktur noch gut zu erkennen.

Statistisch gesehen ergibt solche Werbung einen gewissen Sinn. Es spielen mehr Männer als Frauen Videospiele am PC oder Konsolen. Somit sollte sich die Werbung und auch die Spiele an ein eher männliches Publikum richten. Dennoch gehen hierbei viele Spiele deutlich zu weit und beschränken sich durch die teilweise sexistische Werbung und fragliches Spiele-Design auf ein fast ausschließlich männliches Publikum, was auch aus der Marketingperspektive nicht wirklich gut sein kann.

Ein gutes Beispiel sind vermutlich der Großteil aller Online Fantasy Rollenspiele. Während männliche Charakter in massiven Rüstungen in die Schlacht ziehen und teilweise wortwörtlich Jungfrauen aus Nöten retten müssen, tragen weibliche Charaktere in einigen Spielen nur Unterwäsche aus Metall, um sich vor Pfeilen, Schwerthieben und magischen Geschossen zu verteidigen. Auf die Spitze trieb es hierbei wohl das Rollenspiel Scarlet Blade. Hier hatte der Spieler die Kontrolle über einen Charakter in einer fantastischen Welt – nur, dass alle Charaktere weiblich waren und ausschließlich Reizwäsche als Rüstungen tragen konnten. Dieses wurde 2016 zwar eingestellt und die Server abgeschaltet, allerdings nicht wegen der extrem sexistischen Darstellung weiblicher Charaktere, sondern wegen technischer Probleme in der Lieferung neuer Spielinhalte.

Eine solche Darstellung des weiblichen Körpers und der absolut unrealistischen Rüstungen gilt es mehr als kritisch zu hinterfragen. Die Gamingbranche hat hier noch immer ein klares Problem, mit dem sie endlich fertig werden muss. Egal ob im Spiel, in der Werbung oder auf Messen – Videospiele sollten sich nicht länger nur an Männer oder nur an Frauen richten, sondern allen gleichermaßen Spaß und Freude bereiten können. Es wirft ein trauriges Bild auf männliche Fans der Videospielindustrie, dass Frauen so dargestellt werden und sich diese Inhalte auch noch verkaufen.

Von Tilman Kortenhaus