Redaktion

Brainstorm

So essen wir 2030

Wie wäre es, wenn der Kellner schon vor dem Kunden wüsste, was er zu trinken bestellen möchte? Wie sehen die Lieferketten der Zukunft aus? Wie funktioniert nachhaltige Gastronomie? Wird der Social Media Auftritt für Restaurants immer wichtiger? Mögliche Antworten auf diese Fragen fand man auf der Re:publica in Berlin. Vom zweiten bis zum fünften Mai hat sich bei Gastronomen und Visionären alles um das Thema Digital Foods gedreht. Wir waren vor Ort und haben uns die Ideen der Food Branche mal etwas genauer angeschaut. Continue reading

Bühne

Verrückt nach Ha(r)fen

Sie ist gut 30 Kilogramm schwer, etwa 1,80 Meter hoch und meistens gut gebaut: Die Konzertharfe zählt mit ihren Ausmaßen zu den größten und schwersten Instrumenten. Für Assia Cunego ist sie Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens. Mit ihrer „harpACademy“ schuf sie 2012 das europaweit einzige Internat für Harfenisten. Sechs Jahre später steht die Musikerin vor den Überbleibseln ihres Lebenstraums. Dennoch hält sie an ihrer Vision von einer individuellen musikalischen Ausbildung fest. 

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Brainstorm, Journalismus

Griechenland aus journalistischer Perspektive

Griechenland und der unschöne Titel „Pleitegeier“ sind in den Köpfen vieler Leute nahezu untrennbar. Ein Land welches sich gewissermaßen in einem Ausnahmezustand befindet. Das wird deutlich, wenn man sich die Wirtschafts- und Finanzlage ansieht. Doch wie ist es wirklich vor Ort? Wie können deutsche Journalist*innen dazu beitragen, dass ein differenzierteres Bild entsteht? Indem sie selbst nach Griechenland gehen zum Beispiel!

Doch wie hat alles angefangen?

Im Jahr 2008 verlor Griechenland 42 Prozent seiner Wirtschaftsleistung. Das hat es laut dem IWF (Internationalen Währungsfonds) in diesem Ausmaß noch nie gegeben. Gut 20 Prozent der griechischen Haushalte waren Ende 2015 mit ihren Steuerzahlungen im Rückstand. Und das sind nur wenige Zahlen, wenn es um die Finanzkrise in Griechenland geht. Aus der eigenen Krise entwickelte sich ein Strudel voller Schulden, aus dem das Land bisher nicht herausgekommen ist. Die hohe Arbeitslosenquote (24 Prozent) vertreibt einige Griechen aus ihrer Heimat.

Doch wie kann es sein, dass die Griechen trotzdem noch lachen und tanzen? Ihr Herz schlägt einfach für ihr Hellas. Ihr Stolz ist zu groß, als dass sie sich ganz klein machen würden. Eine Mentalität mit Herzblut herrscht in dem Land der Hellenen. Und genau das ist faszinierend und beeindruckend. Diese gesunde Einstellung gegenüber dem Leben hält dennoch die meisten Einheimischen eben dort an Ort und Stelle, in ihrer Heimat.

Auch für junge Journalist*innen ist dies ein Land der Geschichten. Das Interesse nach Griechenland auszuwandern besteht nach wie vor und ist auch nicht die schlechteste Entscheidung. Sonne, Strand und Meer, ja so stellt man sich das Land vor, aber der Alltag sieht natürlich anders aus. Wie die Arbeit vor Ort aussieht schildern euch drei Journalist*innen, die ihren Weg nach Griechenland gefunden haben.

Auslandskorrespondenz in Griechenland

Traumberuf Korrespondent*in? Für den Quereinsteiger Florian Schmitz trifft das zu, auch wenn es kein leichter Weg war, beziehungsweise ist. 

Alles fing mit einem Blog an. Der gebürtige Ruhrgebietler ist ein Quereinsteiger in Sachen Journalismus. Florian merkte schnell, dass freie Meinungsäußerung und seriöser Journalismus zweierlei Dinge sind. Schließlich fing er an sich über seine Arbeit als Blogger Gedanken zu machen und strebte dabei das Ziel des professionellen Journalismus an. Heute arbeitet er in Thessaloniki und berichtet als Korrespondent für namenhafte Medienunternehmen. Dabei sind ihm gesellschaftskritische Themen wichtig. Darüber hinaus berichtet er unter anderem über Filmfestivals, griechische Kultur und Geflüchtete. Eine besondere Begegnung beschreibt er in seinem Buch „Erzähl mir von Deutschland, Soumar“. Darin schildern Florian und sein neuer Freund Soumar, wie sich ihre Freundschaft entwickelt hat.

Wie finde ich Themen, die interessant sind?

Florian schöpft seine Ideen meist aus den Gesprächen mit Personen, die er spontan beim Einkaufen anspricht. Nur so wisse man, was die Leute bewegt. Das ist einer seiner wichtigsten Tipps für angehende Journalist*innen.

Praktikum in Athen

Madlien aus Hannover hat, während ihres Journalistik-Studiums, ein Praktikum bei der Griechenland Zeitung in Athen absolviert. Ihre Erlebnisse hat sie für euch zusammengefasst. 

Als ich mich während des Studiums um einen Praktikumsplatz kümmern musste, kamen nicht allzu viele Optionen für mich in Frage. Schließlich hatte ich genaue Vorstellungen, welche Art von Journalismus mich interessiert: Printjournalismus! Die Auswahl an deutschsprachigen Medien im Ausland ist recht groß, so habe ich Bewerbungen unter anderem nach Prag, Budapest und Athen geschickt. Als die Zusage der Griechenland Zeitung (GZ) in meinem E-Mail-Postfach landete, war ich erleichtert und froh zugleich. Zum einen, weil ich einen guten Praktikumsplatz gefunden hatte und die E-Mail-Korrespondenz mit der Redaktion entspannt und ohne Probleme ablief. Zum anderen, weil ich wusste, dass ich mich dort wohlfühlen würde. Denn bereits einige Jahre zuvor habe ich Urlaub in Hellas gemacht und die griechische Mentalität, wie auch die Lebensweise, sehr zu schätzen gelernt. 

Die GZ ist eine deutschsprachige Wochenzeitung mit Redaktionssitz in Athen. Ziel der Zeitung ist es, Nachrichten und kulturelle Beiträge, die sonst nur in der Landessprache veröffentlicht werden, für deutschsprachige Personen zugänglich zu machen. 

Das Leben in Athen ist, je nach Ansprüchen, beispielsweise mit dem BAföG-Höchstsatz sehr gut zu bestreiten. Wer sich im Vorfeld einen Überblick über die Wohnungsoptionen verschafft, sollte keine Probleme haben eine günstige und gut gelegene Unterkunft zu finden. Grundsätzlich würde ich Wohngemeinschaften mit Griech*innen empfehlen, so bekommt man Einblicke in die Kultur und Mentalität, die sonst vielleicht verborgen bleiben. Ich habe die Menschen in Griechenland als offen, entspannt und warmherzig empfunden. Athen ist eine wunderbare Stadt, die kulturell und geschichtlich so viel zu bieten hat, dass selbst einige Monate nicht ausreichen, um alles zu entdecken. 

Dennoch hat jede Medaille zwei Seiten. Die Krise ist nach wie vor in vielen Bereichen präsent. Drogen, Obdachlosigkeit, politische Faust- und Verbal-Kämpfe etc., sind keine Seltenheit. Durch die Arbeit bei der GZ habe ich viele Einblicke bekommen können. Da ich in meiner Themenwahl glücklicherweise sehr frei war und grundsätzlich von der Redaktion ermutigt wurde, habe ich mir bewusst Themen ausgesucht, die ich persönlich als wichtig erachte und über die ich mehr wissen wollte. So durfte ich beispielsweise Unterkünfte für Geflüchtete besuchen, Organisationen begleiten, die Spenden sammeln und Menschen kennenlernen, die sich von Deutschland aus für Griechenland einsetzen.

Egal ob Griechenland oder ein anderer Ort, ich würde jedem*r empfehlen, den Schritt zu wagen und die Komfortzone hinter sich zu lassen. Sei es für ein Praktikum, ein Projekt oder Freiwilligenarbeit, der Mehrwert für die persönliche Entwicklung ist enorm.

Journalismus in Griechenland

Elisa Hübel ist Deutsch-Griechin und Journalistin in Athen. In einem kurzen Interview erzählt sie, wie sie zu dem Beruf gekommen ist und was daran besonders ist. 

Würdest du uns bitte einen kurzen Überblick über deine journalistische Laufbahn geben und für welche Medien du in welchem Verhältnis gearbeitet hast. 

Angefangen hat das Ganze während der Olympischen Spiele in Athen 2004. Damals haben ZDF und ARD Stringer gesucht, also Personen die mehr oder weniger als Fahrer, Dolmetscher und vor allem für Journalisten tätig sein sollten. Ich hatte das Glück mit einem kleinen Kamerateam vom ZDF in Athen zusammen arbeiten zu dürfen und hatte dadurch Gelegenheit, bei der Berichterstattung der Sportwettveranstaltung, in die journalistische Arbeit reinzuschnuppern. 

Zuvor hatte ich als Schülerin bei der deutschsprachigen „Athener Zeitung“ ein zweiwöchiges Praktikum gemacht. Parallel zu meinem Studium in Athen habe ich bei deren Nachfolgerin, der „Griechenland Zeitung“, sowie beim fremdsprachigen Radiosender der Stadt Athen „Athens International Radio“, als Journalistin gearbeitet. Nebenbei habe ich an manchen Abenden bei einem kleinen Fernsehsender ehrenamtlich eine abendliche Nachrichtensendung komoderiert. 

Beim Ausbruch der griechischen Finanz- und Wirtschaftskrise im Frühling 2010, war ich eine angehende Journalistin mit guten Deutschkenntnissen. Die Neue Züricher Zeitung aus der Schweiz hat damals einen Korrespondenten beziehungsweise eine Korrespondentin gesucht. Sie sind schließlich auf mich und meine Arbeit aufmerksam geworden. Für sie habe ich bis 2016 als Korrespondentin aus Athen gearbeitet. Zurzeit bin ich als Journalistin bei der Griechenland Zeitung festangestellt. 

Was unterscheidet den Korrespondent*innen-Beruf von dem „journalistischen Beruf vor Ort“? 

Als Korrespondentin habe ich von meinem Wohnort Athen aus gearbeitet. Also hat es für mich keinen Unterschied zum „journalistischen Beruf vor Ort“ gemacht.  

Was macht die journalistische Arbeit in Griechenland besonders?

Meine Arbeitserfahrung beschränkt sich – mit Ausnahme eines dreimonatigen Praktikums beim ORF in Salzburg – auf Griechenland. Ich denke besonders war in den letzten Jahren, dass das Land einen riesigen Umbruch erlebte, den man auch journalistisch widerspiegeln musste. Da war manchmal sehr viel zu tun: Oft überschlugen sich die Ereignisse. 

Was sind deine Themenschwerpunkte?

Ich würde sagen mein Themenschwerpunkt ist Griechenland generell. Ich schreibe sehr viel über Politik und Tourismus, aber auch Kultur und Wirtschaft – alles in und über Griechenland. 

Hast du neben deiner Hauptbeschäftigung noch andere journalistische Projekte zum Beispiel ein Buch oder ähnliches, denen du Zeit schenkst? 

Neben meiner oben beschriebenen journalistischen Tätigkeit schreibe ich Reisebücher über Reiseziele in Griechenland für die Verlage DuMont und Marco Polo, beziehungsweise beschäftige ich mich mit der Aktualisierung von Büchern vor Ort.

Wie kritisch kann man sich als Journalist*in in Griechenland äußern? (in Bezug auf Politik, Wirtschaft etc.) 

Sicherlich ist Pressefreiheit weltweit ein Thema. Auch in Griechenland gibt es unabhängige Zeitungen, wie etwa die Griechenland Zeitung, für die ich schreibe. Da gibt es im Prinzip keine Einschränkungen für die journalistische Meinung und Berichterstattung. 

Etwas besorgt hat mich, dass in Griechenland einige der größten Medienkonzerne an einzelne Privatpersonen verkauft worden sind. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass einige Medien benutzt werden sollen, um andere geschäftliche Interessen zu forcieren. 

Inwieweit entspricht die deutsche Berichterstattung über Griechenland der tatsächlichen Lage im Land?

Einige deutsche Medien haben vor allem zu Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise äußerst negativ über Griechenland berichtet. Die Rede ist unter anderem von „faulen Griechen“ gewesen, „die ihr Land verkaufen“ sollten. Ich denke schon, dass es damals in Deutschland aufgrund solcher Berichterstattungen eine schlechte Stimmung gegenüber Griechenland und den Griechen gegeben hat.

Seither hat sich jedoch die Situation verbessert und auch deutsche Medien berichten, so objektiv es geht, über die tatsächliche Lage in Griechenland.  

Hast du Tipps für angehende Journalist*innen, die sich in Griechenland versuchen wollen?

Ich habe einen Tipp für angehende Journalisten generell: Du musst den Beruf lieben und dafür leben. Wenn du es für Geld oder Ruhm tust, wirst du nicht glücklich.

Tipps die unbedingt ins Reisegepäck gehören

Abschließend haben wir noch einige Tipps von Florian, Madlien und Elisa für alle reisefreudigen Journalisten, die gerne im Ausland arbeiten wollen. 

Grundvoraussetzung: Das Wichtigste ist die Leidenschaft für den journalistischen Beruf. Zudem sind Neugier und Offenheit dem gewählten Land und den Leuten gegenüber unabdingbar.

Anpassung an die jeweilige Kultur: Improvisation und Flexibilität gehören zum journalistischen Alltag dazu. Andere Kulturen und Traditionen sind länderbezogen zu beachten und ermöglichen neue Blickwinkel und Arbeitsweisen.

Sprache: Deine Englischkenntnisse sollten gut sein. Die Landessprache musst du nicht unbedingt beherrschen, aber ein paar Basics in der Landessprache bringen Sympathie-Punkte zum Beispiel bei Interviewpartnern und Kolleg*innen.

Bleib kritisch!: Informiere dich über die aktuelle politische Lage und das System des jeweiligen Landes und entwickle eine eigene kritische Sichtweise.

Netzwerk aufbauen: Suche Kontakt zu Einheimischen zum Beispiel beim Einkaufen oder in Bars.

Fragen stellen!: Bleibe neugierig und hake stetig nach.

Weiterverwertung: Verwende dein Material nicht nur für eine Story, sondern denke weiter. „Kann ich einen Aspekt aus meinem Interview auch noch weiter ausbauen und es vielleicht einem Radiosender anbieten?“.

Darüber hinaus solltet ihr euch im Vorfeld Gedanken über eure Krankenversicherung und das länderspezifische Gesundheitssystem machen. Zudem ist möglicherweise ein Visum nötig und auch finanzielle Gegebenheiten sollten im Voraus bedacht werden. Informiert euch über mögliche Stipendien und dergleichen.

Dieser Beitrag ist im Rahmen einer Gruppenarbeit für den Kurs „International Journalism“ der Hochschule Hannover entstanden.

Alle Fotos von Madlien Wienberg, Video von buten un binnen

Brainstorm

Datenjournalismus – ein Blick hinter die Kulissen

To work in the field of data journalism you need to develope a multidisciplinary profile. Jacopo Ottaviani

Design, Computerwissenschaften, Statistik und Kommunikation – um als Datenjournalist erfolgreich zu sein sind Fähigkeiten in diesen Bereichen notwendig. Der Datenjournalismus ist eine Form des Online-Journalismus. Auf der Grundlage von verschiedenen Daten werden Geschichten erzählt und visualisiert. Das kann allerdings nur funktionieren, wenn die Werte mit anderen Informationen in Beziehung gesetzt und verknüpft werden. Daten wie Lebensmittelkosten können mit Faktoren wie dem Standort und der Zeit in Verbindung gesetzt werden – zum Beispiel wie sich die Milchpreise in den vergangenen 10 Jahren in Deutschland entwickelt haben.

Einer dieser Journalisten, die mithilfe von Daten Geschichten erzählen, ist Jacopo Ottaviani. Nach seinem Studium der Computer Wissenschaften in Rom hat der Italiener seine Liebe zum Journalismus entdeckt. Neben seiner Tätigkeit als Dozent für digitale Kartografie an der Unsiversität Rey Juan Carlos in Madrid hat er vor fünf Jahren seinen Weg zum Datenjournalismus gefunden. In England hat er an einer Veranstaltung der „Hacks Hackers“ teilgenommen. Dabei treffen einmal im Monat Computerwissenschaftler und Journalisten aufeinander, um gemeinsame Projekte zu besprechen, Netzwerke aufzubauen und sich über Datenjournalismus auszutauschen.

Die Hacks Hackers wurden 2009 in New York gegründet. Sie veranstalten ihre Treffen, die sogenannten Meet-Ups, in Städten auf der ganzen Welt. Je nach Veranstalter können die Meet Ups als Panel, Vortrag oder Workshop gestaltet werden. Auch Hackathons , also Meet-Ups die mehrere Tage dauern oder Happy Hours bei denen die Computerwissenschaftler und Journalisten in ungezwungener Atmosphäre in einer Bar netzwerken können, sind möglich. In Deutschland finden die Meet-Ups in Hamburg, Berlin und München statt.

Usually you have to know a little bit of every data journalism discipline to be able to work with other data journalism experts. Jacopo Ottaviani

Im Rahmen seiner Storytelling- und grenzüberschreitenden Datenjournalismus-Projekte, die multimedial umgesetzt werden, arbeitet Ottaviani am häufigsten mit Designern, Programmierern und Journalisten zusammen. Die Spezialisten kommen aus verschiedenen Ländern und sind freiberuflich tätig. Um diese Projekte realisieren zu können, sind sie auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Diese können die Journalisten unter anderem beim European Journalism Centre, kurz EJC, erhalten. Dabei handelt es sich um eine unabhängige non-profit Organisation aus den Niederlanden, die von Adam Thomas geleitet wird. Das EJC stellt den Journalisten zwei Mal im Jahr Stipendien in Zusammenarbeit mit der Bill & Melinda Gates Stiftung zur Verfügung.

European Journalism Centre: Das EJC hat sich zum Ziel gesetzt die Karrieren von Journalisten voranzutreiben und den hohen Standard des internationalen Journalismus zu sichern. Sie sind Partner und Organisator auf europäischer Ebene für Medienunternehmen, Berufsorganisationen, Journalistenschulen und Regierungsbehörden. Ihre Ziele für 2018 sind das Vertrauen in den Journalismus zu stärken, das Unternehmertum zu fördern, Daten in den Journalismus einzubinden und die Pressefreiheit weltweit zu verwirklichen.

Auch Jacopo Ottaviani hat diese Möglichkeit für sein Projekt „Lungs of the Earth“ genutzt:

Projekt The Lungs of the Earth

Gemeinsam mit dem Grafikdesigner und Fotojournalisten Isaac Chiaf ist Ottaviani für einen Monat nach Indonesien gereist, um Material für das Projekt „Lungen der Erde“ zu sammeln. Dabei werden vier Aktivisten, die sich gegen die Abholzung der Regenwälder einsetzen, portraitiert. Auch die Rettung der gefährdeten Sonnenbären wird thematisiert. Diese Problematiken seien ein weltweit wichtiges Thema und eng mit dem Klimawandel und der Luft, die wir atmen verknüpft, so Ottaviani. Aus diesem Grund war es ihm ein Anliegen diese Geschichte in einem seiner Projekte zu erzählen. Visualisiert wurde sie anhand von Grafiken, Bildern und Videos.

Um dies umsetzen zu können, wurden vom EJC insgesamt knapp 20.000 Euro zur Verfügung gestellt. „Lungs of the Earth“ wurde schließlich beim Spiegel, bei Al Jazeera in Katar, El País Planeta Futuro in Spanien, Internazionale in Italien und Korrespondent in den Niederlanden veröffentlicht. Für Ottaviani ist die Publikation seiner Projekte in verschiedenen Ländern immer das Ziel:

Code for Africa Vom Journalisten zum Manager

Seit September 2016 ist Jacopo Ottaviani kein Freiberufler mehr, sondern arbeitet fest für Code for Africa. Die Organisation wurde vom International Center for Journalists ins Leben gerufen. Ihr Ziel ist es, Daten, wie zum Beispiel Regierungsdaten, mit Hilfe von Datenjournalismus zu digitalisieren und für die Zivilgesellschaft zugänglich zu machen. Code for Africa bietet deswegen in ganz Afrika Datenschulungen für Journalisten an. Ottavianis genaue Aufgabe innerhalb der Organisation ist es, Teams aus Journalisten, Comupterwissenschaftlern und Designern zusammenzustellen und zu managen, die solche Datenprojekte umsetzen. Zeit, um selber als Journalist aktiv zu sein, bleibt für Ottaviani nur noch selten.

Dass man diesen Spagat zwischen Journalismus und Management schaffen kann, zeigt Jacopo Ottaviani bereits seit über einem Jahr und ist aus der Datenjournalismus-Szene so gut wie nicht mehr wegzudenken.

WEITERFÜHRENDE LINKS

Datenjournalismus (kostenlose Tools zur Erstellung von Diagrammen, Karten und Infografiken):
datawrapper.de
infogram.com
piktochart.com
easel.ly
Allgemeine kostenlose Tools:
trint.com (Transkription)
slack.com (Digitales Workspace)
Weitere Projekte von Jacopo Ottaviani:
thisisplace.org/shorthand/slumscapes
internazionale.it/webdoc/borderline-en

QUELLEN DER BILDER NACH REIHENFOLGE
Pixabay (User: geralt), Twitterprofil Jacopo Ottaviani, Pixabay (User: dife88), Pixabay (User: rawpixel)

Brainstorm, Fernweh, Journalismus, Karriereleiter, Perspektivenwechsel 1, Perspektivenwechsel 2, Wanderlust

Journalismus in Japan – Keiko Tanaka erzählt ihre Geschichte

Quelle: Google Maps

Von uns bis nach Japan sind es 9.043 Kilometer. Dort arbeitet Keiko Tanaka als Journalistin. Wie Journalismus in Japan funktioniert und welche Unterschiede es gibt, hat sie uns erzählt.

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Keiko-Tanaka

Fotos: Berliner Gazette, CC License 2.0

Keiko Tanaka ist eine echte Powerfrau! Schon als junges Mädchen schlug sie eine Karriere als Journalistin ein, absolvierte zunächst ein Bachelor-Studium im Fach Journalismus in ihrem Heimatland Japan. Soweit zunächst nicht ungewöhnlich, doch einen Master-Abschluss erlangte sie dann in einem ganz anderen Bereich: Informatik.

Journalismus und Informatik – das liegt gar nicht so weit auseinander, wie man es auf den ersten Blick vermuten würde. Im Gegenteil; die Kombination ist für Keiko ein voller Erfolg. So arbeitet sie heute hauptberuflich als Dozentin für Informatik an einer japanischen Universität, realisiert nebenbei einige journalistische Projekte. Ihr Fachgebiet sind „Media Studies“, sagt sie.

Schon während des Master-Studiums stieg Keiko Tanaka dann als Übersetzerin bei der Internet-Organisation Global Voices ein. Ein Projekt, für das die vielsprachige Japanerin prädestiniert scheint. Der Einsatz für Menschenrechte und Gerechtigkeit überall auf der Welt ist schon immer eine Herzensangelegenheit für die Journalistin gewesen.

Global Voices ist ein internationales Netzwerk, das 2004 von Ethan Zuckerman und Rebecca MacKinnon gegründet und 2008 als gemeinnützige Stiftung in Amsterdam eingetragen wurde. Bei Global Voices arbeiten Blogger, Journalisten, Analytiker und Online-Medienexperte. Sie sammeln aktuelle Nachrichten, Geschichten aus Blogs, unabhängigen Medien und sozialen Netzwerken und übersetzen diese in 35 Sprachen.

Seit Mai 2015 betreibt Global Voices einen Audio-Webchannel. Dort wird ein acht Stunden-Programm aus Podcasts und freier Weltmusik angeboten. Bei Global Voices werden außerdem Themen wie Politik, Kunst, Technologie, Medien und weitere behandelt. Vor allem versucht Global Voices, den Meinungen von unterrepräsentierten Menschen, Aufmerksamkeit zu verschaffen. Für Global Voices darf jeder tätig werden, wenn er sich dafür berufen fühlt.

Von 2011 bis 2014 war Keiko Tanaka unter anderem als Übersetzerin sowie als Autorin von eigenen Geschichten für das Netzwerk Global Voices tätig. Mittlerweile engagiert sie sich für Advocacy/Advox, ein Projekt von Global Voices.

Man sollte Experte auf dem Gebiet lokaler Regelungen bzw. der Führung lokaler Authoritäten sein.

Das Surfen im Internet besteht laut Keiko aus zwei Schritten/Punkten: 1. Die Stimmen von „normalen“ Personen wiedergeben, anstatt eine generalisierte Meinung aus den japanischen Massenmedien eins zu eins ins Englische zu übersetzen. Obwohl sie die Möglichkeit hätte, einen solchen Newsartikel zu verfassen, hat sich Keiko bewusst dagegen entschieden, da es ihrer Meinung nach nicht viel Wert habe. Stattdessen wollte sie lieber ihren eigenen Content kreieren. 2. Außerdem verbrachte Keiko viel Zeit damit, Online-Richtlinien zu lesen, um immer die aktuellen und korrekten Fakten bringen zu können. Die Geschichte könne sich von Tag zu Tag aufgrund neuer rechtlicher Situationen und Gesetze ändern. Daher müsse man als Autor und Übersetzer stets versuchen, Experte/-in auf dem Gebiet der lokalen rechtlichen Lage zu sein.

Ich versuche immer, dass meine Stories einzigartige Geschichten im Netz sind.

Journalisten haben überall auf der Welt die gleiche Aufgabe. Sie arbeiten hauptberuflich an der Verbreitung und Veröffentlichung von Informationen, Meinungen und Unterhaltung durch Massenmedien. Wir haben für euch einen kurzen Vergleich zwischen dem Journalismus in Japan und dem in Deutschland zusammengestellt.

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Laut den Reportern ohne Grenzen (2016) üben die meisten japanischen Medien Selbstzensur aus und meiden Kritik an der Regierung. Das deckt sich mit der Schranke, welche durch den japanischen Presseclub gesetzt wird. Momentan steht Japan in der Rangliste der Pressefreiheit von 180 Plätzen auf Platz 72. Dagegen steht Deutschland auf Platz 16. Aufgrund dieser Zahlen zu behaupten, dass der deutsche Journalismus qualitativ besser als der japanische wäre, ist jedoch schlichtweg zu kurz gegriffen. Spannender ist die Tatsache, dass beide Länder den Wechsel in den Online-Journalismus verschlafen haben und nun das Problem der Finanzierung im Raum steht. Bis jetzt haben sich für beide Länder als Lösungen Paywalls oder ähnliche Formate ergeben. Besonders die fehlende Finanzierung scheint die Vielfalt im Journalismus einzuschränken.

Das versuchen Startups zu ändern. Sowohl in Japan als auch in Deutschland finanzieren sich die Startups hauptsächlich über Werbung.

Im internationalen Vergleich ist Japan einmalig. Als drittgrößter Zeitungsmarkt der Welt werden täglich Millionen Menschen erreicht. Doch wie kommt es, dass man in Japan einen derartigen Zugang zu einer so großen Leserschaft findet? Ist das japanische Publikum wirklich informationshungriger?

Schaut man genauer hin, fällt schnell auf, dass sich das Verhalten der japanischen Presse der japanischen Art an sich ähnelt: lieber vorwiegend loyal und unauffällig. So wird auch in der Berichterstattung eine ausgeprägte Neutralität deutlich. Die Inhalte verschiedener Medien unterscheiden sich kaum. Der Leser hat es also schwer, sich eine eigene Meinung aus vielfältigen Berichten und Kommentaren zu bilden.

„Generell habe ich nichts gegen etwas reißerische Headlines“, gibt Keiko zu. Trotzdem kam in der Journalistin der Wunsch nach klareren Richtlinien bezüglich journalistisch ethischer Standards auf.

Was Keiko an der Medienberichterstattung über Japan stört, sind Misinterpretationen und fehlerhafte Berichterstattung von ausländischen Journalisten.

Auch für Global Voices hätte sie sich mehr Transparenz, auch seitens des Managements, gewünscht. Ein weiteres Problem sei, dass die einzelnen Autoren untereinander nur online kommunizieren können. So bekomme man als Schreiber für das Netzwerk kaum Feedback zu den eigenen Stories. „Ich hätte es wichtig gefunden, einen digitalen Newsroom mit verschiedenen Editors zu haben“.

Ähnlich wie in Deutschland gestaltet es sich für traditionelle Medien schwierig, ihre Leserschaft dazu zu bringen, für Online-Inhalte zu bezahlen.

Trotz der neuen Entwicklungen in der Onlinewelt, die auch große Auswirkungen auf die traditionellen Medien haben, haben sie trotzdem den Vorteil einer festen Leserschaft, so Keiko.

Die Japanerin, die schon viele Jahre in ihrem Heimatland als Journalistin arbeitet, hat auch die Entwicklung dieser Branche miterlebt. Aus ihren Erfahrungen hat sie drei zentrale Tipps entwickelt, die jungen Nachwuchsjournalistinnen und Nachwuchsjournalisten, wo auch immer sie herkommen mögen, zum Erfolg in der Medien-Branche verhelfen sollen:

1. Eine Karriere als Datenjournalist.

Bisher gibt es nur wenige Journalisten, die ein Talent zum Schreiben UND gleichzeitig Informatikkenntnisse mitbringen. Dabei werden Technologien und deren Beherrschung in der heutigen Zeit immer wichtiger – und können auch dem Journalismus zu mehr Qualität verhelfen. Wer also Kreativität und Kenntnisse im analytischen Denken vereint, wird als Datenjournalist laut Keiko nie ein Loch im Geldbeutel verspüren müssen.

2. Freiberuflichkeit statt Festanstellung.

Mit diesem Thema werden die meisten angehenden Journalisten in ihrer Ausbildung immer wieder konfrontiert. Auch Keiko sagt, wer sich als freier Journalist selbstständig macht, hat einen großen Vorteil: Er oder sie kann nicht gekündigt werden, nicht aussortiert, nicht ersetzt. Keiko’s Tipp, damit es mit der Freiberuflichkeit klappt: Schaut euch die Strukturen eines Medien-Unternehmens, zum Beispiel eines Verlags oder einer TV-Produktionsfirma genau an. Wie läuft das Management eines solchen Unternehmens ab, wie funktioniert die Finanzierung? Dieses Wissen ist eine hervorragende Voraussetzung für euer eigenes Business!

3. Networking is the key.

Zu guter Letzt nennt die japanische Dozentin und Journalistin das Zauberwort für den Erfolg in ihrer Branche: das Networking. In Japan ist eine Karriere als Journalist kaum möglich, ohne einem der Presseclubs anzugehören. Aber auch hier in Europa ist ein großes soziales Netzwerk aus Kontakten, auch aus vielen „wichtigen“ Personen von einer höheren Position (zum Beispiel Polizisten) essentiell – insbesondere für Freiberufler. Denn ein Netzwerk kann einem so manche Tür öffnen, die normalerweise verschlossen bliebe.

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Handyfoto-Keiko-2-neu
Quelle: eigene Darstellung
Quelle: Berliner Gazette Cc License 2.0, Google Maps, Pixabay CC0 Creative Commons: (bellergy, Coverr-Free-Footage, jLasWilson, MasashiWakui, masbebet, rawpixel), Eigene Darstellungen mit soundcloud und pictochart.
Ein Beitrag von Lisa Eimermacher, Nicole Schweitzer, Karthiga ManivannanLeonie Herzfeldt und Natali Dilmann
Dieses Projekt ist als Gruppenarbeit im Rahmen des Kurses International Journalism entstanden.
Journalismus

Über die Grenzen hinaus: Crossborder Journalism

Merkel trifft die G7 in Kanada, die Fifa freut sich auf die WM-Einnahmen aus Russland und der deutsche Volkswagen wird in den USA verklagt – die Welt ist global geworden und Politik, Wirtschaft, ja selbst Kriminalität operieren längst weltweit. Der Journalismus kann und darf dabei nicht untätig zusehen: Die Zahl der Journalisten, die über Ländergrenzen hinweg zusammen arbeiten, steigt stetig. Und die Pioniere des Crossborder Journalism haben eine erstaunlich große Durchschlagkraft.

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Journalismus

Happy Vesak: Buddhisten feiern in Hannover

Von Emely Schalles

Das Vesak-Fest gilt als das wichtigste buddhistische Fest und findet traditionell am ersten Vollmondtag im Mai statt. Auch das buddhistische Kloster in Ahlem hat sich lange darauf vorbereitet und öffnet seine Tore für Interessierte.

Das Treffen

Die Sonne strahlt bereits seit dem frühen Morgen. Dutzende Autos sammeln sich vor dem Ahlemer Turm, einem denkmalgeschützten Fachwerkgebäude. Die Kennzeichen stammen aus ganz Niedersachsen und noch weiter aus Deutschland. Das Vesak (auch Vesakh oder Vesakha) ist zugleich Buddhas Geburtstag, der Tag seiner Erleuchtung und seines Eintretens in das Nirvana. Damit alle Zeit haben, wird der Feiertag in Deutschland oft auf das Wochenende vorgezogen. Viele Mitglieder des Vereins Wat Dhammavihara sind in Gruppen oder mit der ganzen Familie angereist. Jeder hat mindestens eine Tupperdose mit selbstgemachtem Essen dabei. Manche tragen auch Körbe mit Blumensträußen bei sich. Es sind Spenden für die insgesamt acht Mönche. Sie leben im Tempel und gehören der ältesten Schultradition, dem Theravada Buddhismus an.

Seit 2007 ist die Gemeinde im Ahlemer Turm

Die meisten Buddhisten hier stammen aus Thailand. Überall hört man Begrüßungen auf thailändisch. Auf dem Hof werden bereits weiße Zelte und Stände mit Holztischen und Bänken aufgebaut, hier wird mittags das Fest stattfinden. Die Türen stehen offen, jeder kann ein- und ausgehen. Im Inneren des Hauses helfen die Gläubigen dabei, zu decken und zu dekorieren. Ein edles Esszimmer in Gold-, Rot- und Orangetönen wird für die Mönche hergerichtet. Eine große Tafel ist vollkommen bedeckt mit Schüsseln, Tellern und Platten, sodass die Decke kaum noch sichtbar ist. Alle möglichen Sorten Obst und Gemüse, Fleisch, Reis, Suppen und Salate sind aufwendig hergerichtet und verziert. Normalerweise dürfen die anderen Mitglieder erst essen, wenn die Mönche fertig sind. Im Wat Dhammavihara nimmt man etwas lockerer mit dieser Regel.

Was übrig bleibt, wird an die Mitglieder vergeben

Die Zeremonie

Um 11 Uhr beginnen die Mönche das Beten zusammen mit den Nonnen und den anderen Gläubigen. Tambun-Wan Visakha Bucha heißt die Zeremonie auf thailändisch. Alle lassen ihre Schuhe vor der Tür, das ist in Thailand üblich um die Böden nicht zu beschmutzen. Der Gebetsraum ist ausgestattet mit rotem Teppichboden. Es gibt keine Tische oder Stühle. Nur einige Plastikstühle stehen an der Seite. Die Decke des Saals ist mit geschnitztem Holz vertäfelt und mit vielen auffälligen Kronleuchtern behangen. Die Mönche sitzen in einer Reihe auf einer Erhebung am Ende des Raums. Sie haben sich die Köpfe kahlrasiert und tragen das traditionelle safranfarbene Gewand. Hinter ihnen glänzt eine mächtige goldene Buddha-Figur. Sie sprechen das Gebet wie in Trance und strahlen dabei die gleiche Ruhe aus wie die Statue selbst. Ein Buch zum Mitsprechen und -singen braucht niemand, jeder kann die Texte auswendig. Im Chor und mit geschlossenen Augen folgen die Gläubigen dem Gebet. Ab und zu beugen sie sich vor und falten die Hände vor ihrer Stirn.

Teddybären für Mönche

Nach dem Gebet kann jeder aufstehen und seine Spende persönlich überreichen. Die Mönche haben ein Stück Stoff in der Hand um auch Geschenke von Frauen annehmen zu können. Da sie enthaltsam leben, dürfen sie sie nicht berühren. Unter den Spenden findet sich von Nützlichem bis zu Kuriosem nahezu alles. Es gibt Wasserkisten, Mehl, Gewürze, Medikamente, Blumen und sogar Teddybären. Allerdings sind Letztere nicht für die Mönche selbst bestimmt. Sie kommen bei dem nächsten Fest mit Tombola zum Einsatz, als Hauptgewinn. Bei vielen Festen soll es außer dem religiösen Teil auch Spiele und Aktionen geben, damit es den Mitgliedern und besonders ihren Kindern nicht langweilig wird. Auch Sträuße mit Geldscheinen wurden gebastelt. Das komme daher, dass man früher noch Stoff im Wald versteckte, damit die Mönche sich daraus ihre Gewänder nähen konnten. Heute macht man es ihnen leichter.

Ein Mönch im Baumarkt

So reich beschenkt und mit Speisen bedient werden die Mönche allerdings nicht immer. In Ihrem Alltag leben sie genügsam. Sie dürfen zum Beispiel keinen eigenen Besitz haben und leben vollständig von Spenden. Die Mitglieder kommen gerne mit Essen und Geldspenden vorbei oder laden die Mönche zu sich ein. Was im Monat übrig bleibt, komme meist dem Verein zu Gute. Im Kloster stehen verschiedene Spardosen. Jeder könne selbst entscheiden, ob er zum Beispiel für Strom, Wasser, Essen oder Reisen spenden möchte. Es sei üblich im Buddhismus, Gutes für andere zu tun und sich um seinen Nächsten zu kümmern. Dafür würden die Mönche beten und sich um den Tempel kümmern. Sie erfüllen aber auch so manch unerwartete Aufgabe. Napaporn Wollny ist als Vertreterin ihrer Gemeinde tätig und beschreibt den typischen Tagesablauf im Kloster.

Draußen ist das Fest inzwischen in vollem Gange. Die Mönche verlassen nach dem ersten Teil der Zeremonie gemeinsam das Gebäude. Sie haben silberne Schalen in den Armen und werden gleich dem Teppich folgen, noch immer in Socken, der für sie bereit liegt. Draußen stehen die Nonnen in einer Reihe, gekleidet in weiß, um diese mit Reis zu füllen. Es ist ein symbolisches Geben, jeder gibt einen Löffel dazu. Nach den Nonnen stehen auch andere Mitglieder, Familien und Kinder in der Reihe.

Das Fest

Rosen und Stiefmütterchen wurden überall auf dem Hof für das Fest gepflanzt. Auch alle Stände sind nun vollständig aufgebaut. Das Essen ist kostenlos, wer möchte lässt ein paar Münzen da. Es gibt original thailändisches Essen, dazu gehört zum Beispiel grünes Curry, gebratener Bambus mit Limonenblättern, Hühnchen und frittierten Fisch, scharfe Gemüsepfannen mit Erdnuss und Garnelen und Süßspeisen aus Kokosmilch, Pudding und Maiskörnern. Jeder hilft mit, viele haben ihre Kinder dabei. Die Leute stehen bereits Schlange und warten auf den ersten Teller von dem aufwendigen Buffet. Das Vesak wirkt ein wenig wie eine große Gartenparty oder ein Familienfest. Nicht-Gläubige sind ebenfalls herzlich wilkommen. Manchmal kämen auch Bewohner des nahegelegenen Asylantenheims, um teilzunehmen, so Wollny. Auch wer sich nicht kennt, kommt sofort ins Gespräch. Schlechte Laune gäbe es an diesem Tag nicht.

Am Ende der Zeremonie umrunden die Mönche dreimal die Buddha-Figur im Tempel. Sie ehren den Religionsbegründer, der ein Mensch war und kein Gott, mit Blumenopfern und erinnern so an die eigene Vergänglichkeit, wie Blumen die verwelken. Auch im nächsten Monat wird ein großes Fest stattfinden, mit Tänzen, Essen und Gebeten. Feiern tun die Buddhisten des Wat Dhammavihara gerne. Das habe neben der religiösen Bedeutung auch den Hintergrund, dass so viele Spenden für den Ahlemer Turm und die Gemeinde zusammen kämen.

Wir möchten, dass die Leute uns kennenlernen

Die Neugier von außen sei groß, erzählt Napaporn Wollny. Sie organisiert Treffen und Führungen durch den Ahlemer Turm, unter anderem für Schulklassen. Sie heißt jeden gerne wilkommen und freut sich stets über Interessierte. Es komme allerdings vor, dass manche Menschen die den Buddhismus kennenlernen möchten, ihn nur als Trend wahrnehmen und sich weniger mit dem Glauben beschäftigen. Das, erklärt sie, möchten die Buddhisten vermeiden.

Fotos: Emely Schalles

Journalismus

#USTOO Journalism Festival

Foto: Victoria Antoni

Foto: Victoria Antoni

Für fünf Tage trafen sich JournalistInnen aus über 50 Ländern auf dem diesjährigen International Journalismfestival in Perugia (Italien). Das Festival gilt als das größte Medienevent in Europa. Über 700 RednerInnen referierten bei 300 Veranstaltungen. Dass die #Metoo-Debatte auch im Journalismus die Wahrnehmung von sexualisierter Gewalt nachhaltig verändert hat, wird an der Präsenz des Themas deutlich. Insgesamt 18 Veranstaltungen befassten sich mit dem Hashtag #UsToo. Das machte immerhin etwa sechs Prozent aller Events aus und ist somit öfter vertreten, als das Thema Tech und Social Media (4,6%).

Unter dem Hashtag #MeToo ist eine Debatte über Sexismus und Machtmissbrauch ausgebrochen, die kaum noch einzufangen ist. Zu massiv sind die Missbrauchs- und Belästigungsvorwürfe, zu breit die gesellschaftlichen Felder, die betroffen sind. Die Enthüllungen sexueller Ausbeutung von Frauen in Sport, Film, Politik, in Arbeitswelt und Alltag zwingen zur Auseinandersetzung mit einem Thema, welches sonst häufig als Dauerzustand akzeptiert und ignoriert wird.

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Der Veranstaltungsbereich in der Innenstadt von Perugia.

Foto: Victoria Antoni

Die Bewegung unter dem Hashtag #MeToo, keimte vor einem halben Jahr auf. Der Skandal um Hollywood-Regisseur Harvey Weinstein legte den Grundstein. Er soll zehn Frauen sexuell belästigt und drei Frauen vergewaltigt haben. Unter den weit über 80 Frauen, die Weinstein seit dem Publikwerden jener 13 Fälle ebenfalls Vorwürfe der sexuellen Belästigung oder Nötigung machen, sind unter anderem Gwyneth Paltrow, Léa Seydoux, Cara Delevigne, Angelina Jolie, Ashley Judd, Heather Graham und die italienische Schauspielerin Asia Argento.

Schauspielerin Alyssa Milano rief unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Weinstein-Affäre den Hashtag ins Leben. Sie forderte Frauen, die sexuell belästigt wurden, in einem Tweet dazu auf, sich unter den Worten ‚me too‘ der Bewegung anzuschließen. Milano brachte damit eine enorme Lawine ins Rollen. In den ersten zwei Tagen wurde der Hashtag nach Twitter-Angaben 825.000 Mal verwendet. Auf Facebook waren es zum selben Zeitpunkt 4,7 Millionen Nutzer, die diesen verwendeten.

Doch nicht erst seit Oktober 2017 ist die „MeToo-Bewegung“ existent. 2007 hob Tarana Burke die non-profit Organisation aus der Taufe. Eine zehn Jahre zurückliegende Erfahrung mit einer 13-Jährigen, die ihr erzählte, sexuell belästigt worden zu sein, ging ihr derart nah, dass sie sich dazu bewegt fühlte, eine Anlaufstelle für Betroffene Frauen zu gründen. Als der Hashtag aufkeimte, geriet sie zuerst in Panik, wie sie der „New York Times“ offenbarte.

Ich hatte ein Gefühl der Angst, weil etwas, dass mein Lebenswerk vereinnahmt, mir weggenommen und für einen Zweck verwendet wird, den ich nicht initiiert habe.

Milano nahm zwei Tage nach ihrem Tweet Kontakt mit ihr auf – letztlich sind sich beide darüber einig gewesen, den Fokus wieder auf die Opfer zu legen. „Die MeToo-Kampagne ist größer als eine Person“, resümierte Burke.

Eine kontroverse Debatte entstand. Wo fängt sexuelle Belästigung an? Wie viel subjektiven Spielraum bringt #MeToo mit sich? Wie sollte eingegrenzt werden: Sind Pfiffe von Männern Grund genug, sich in die Riege der Opfer einzureihen?

Aus Deutschland zählte Model und Schauspielerin Sophia Thomalla zu den Kritikern am leichtsinnigen Nutzen des Hashtags: „Diese ganze Debatte ist eine Beleidigung für alle echten Vergewaltigungsopfer.“ Die französische Schauspielerin Catherine Deneuve urteilte ähnlich: „Vergewaltigung ist ein Verbrechen, aber zu versuchen, jemanden zu verführen, selbst hartnäckig, ist es nicht.“ Beide ernteten harsche Kritik. Es gehe nicht um die Art des Übergriffs, sondern darum, dass Männer sich Übergriffe jeglicher Art einfach und wie selbstverständlich erlauben. Aber auch Modedesigner Karl Lagerfeld machte seinem Ärger über diese Thematik Luft. „Ich habe es satt“, sagte er dem „Numero“-Magazin. Über die Anschuldigungen an einen Stylisten kann er nur den Kopf schütteln. Karl Templer wurde beschuldigt, einem Model bei einem Shooting die Unterwäsche runtergezogen zu haben, ohne zu fragen. „Es ist unglaublich. Wenn du nicht willst, dass an deiner Hose rumgezogen wird, werde kein Model! Tritt einem Kloster bei, es wird immer einen Platz für dich im Kloster geben. Sie rekrutieren sogar!“, wütet Lagerfeld.

Es wird immer einen Platz für dich im Kloster geben.

Auf der anderen Seite sehen Prominente den Durchbruch einer verschleierten Realität. Die amerikanische Talk-Ikone Oprah Winfrey hielt eine denkwürdige Rede bei der Verleihung des Golden Globe. Ein prägnanter Satz gab die Richtung vor: „Zu lang wurden Frauen nicht angehört oder ihnen wurde nicht geglaubt, wenn sie den Mut hatten, gegen die Macht von Männern aufzubegehren. Aber deren Zeit ist um!“

Foto: Victoria Antoni

Mittlerweile ist dem Hashtag #MeToo eine Erweiterung verliehen worden: #UsToo. Es geht nicht mehr nur darum, kundzutun, dass Frauen negative Erfahrungen mit Männern gemacht haben, sondern viel mehr, dagegen als Kollektiv vorzugehen. Es soll ausdrücken, dass es nicht nur um die Filmbranche geht, nicht nur um Harvey Weinstein oder Kevin Spacey. Das Problem ist in unserer Gesellschaft verankert und drückt sich nicht nur durch sexuelle Belästigung aus. Oprah Winfrey verwendete es bereits: Das Schlagwort lautet Macht. Das Wort Unterdrückung wohnt nun auch dem gesellschaftlichen Diskurs bei, der nun auch auf andere Branchen übertragen wird. Vor allem Männer geraten dabei ins Kreuzfeuer. Sie würden ihre Macht ausnutzen, sich Dinge rausnehmen, die Frauen demütigen.

Unter dem Hashtag #UsToo wird Sexismus in der Medienbranche und in anderen Berufsgruppen thematisiert. Aus dem Hashtag wurde eine globale Bewegung gegen Sexismus und Machtmissbrauch.

Das international journalism festival widmet sich ausführlich dieser Thematik. Der Blick liegt dabei vor allem auf der Medienbranche. AnwältInnen, AktivistInnen und JournalistInnen erzählen über die Ursache, den Umgang, die Konsequenzen und die Wahrnehmung der #MeToo- und #UsToo-Debatte.

#UsToo: Sexismus in der Medienbranche

Eine genaue Auflistung aller Speaker und Themen sind unter folgendem Link zu finden: https://www.journalismfestival.com/. Auf der Website besteht auch die Möglichkeit einzelne Veranstaltungen im Stream nachzuschauen. In Perugia zeigt sich, dass #MeToo nicht nur sexuelle Übergriffe thematisiert. Der Hashtag umfasst auch Sexismus, die Wahrnehmung von Frauen in der Öffentlichkeit und fordert Gleichberechtigung.

Schon bei den Titeln der Events, wie z.B. „How women changed the role“, „Gender violence harassment: Best Practice for Journalists”,  “Sexual violence – a silencing tool “, wird deutlich wie die JournalistInnen die Debatte auffassen. Sie wünschen sich Veränderungen in der Wahrnehmung von Frauen. „I think with the MeToo-movement and a lot of the attention that came after […], the issue of sexual violence as a silencing tool against women journalists and what they have to go through, how they are combated, how they continue to do their work, something that we really want to focus on here, because we can’t talk about independent journalism without recognizing that ensuring women’s ability to be journalists and work safely is critical“, äußert sich Courtney Radsch (Commitee to protect Journalists) zu der MeToo-Bewegung.

What can we do that women don’t need to protect themselves in theirs jobs? We also have to talk about why we portray women more as victims than as survivors.

Das fragt sich Alison Baskerville (Documentary photographer).

Victim or Opinion?

 Fabio Bertoni (Rechtsberater des New York Times Magazines) und Fulvio Sarzano (Gründer der Rechtsfirma Sarzana and Associates) referierten über „Legal Issues: Reporting on #MeToo“ und betrachteten das Thema aus einer anderen Perspektive.

Von #MeToo zu #quellavoltache: Die Bewegung gegen sexuelle Belästigung in Italien

Aus den vereinigten Staaten nach Europa, vom Weinstein Fall zur #MeToo-Bewegung: Ein Erdbeben hat die Mauer des Schweigens eingerissen, die sexuelle Belästigung und Nötigung vorm Licht der öffentlichen Debatte abgeschirmt hatte. Frauen haben ihre negativen Erfahrungen geteilt und eine Welle der Empörung und Offenbarung fegte über die Filmindustrie, die Welt der Medien und Politik, hinweg. Diese hinterfragt den vorherrschenden Machoismus, der zu oft totgeschwiegen und akzeptiert wurde und wirft einen kritischen Blick auf Arbeitsbeziehungen und Machtgefälle.

Fabion Bertoni (links) und Fulvio Sarzano Foto: Tilman Kortenhaus

Globales Problem, das sich noch konkret definieren muss

Und in Italien? Trotz einigen Beschwerden, wie die von Miriana Trevisan und den Schauspielerinnen, die beim Fernsehsender “Le lene” von Dino Giarrusso interviewt wurden und trotz dem Hashtag #quellavoltache, der in Italien als Synonym für #MeToo gilt und von Giulia Blasi ins Leben gerufen wurde, blieb das Beben aus. Stattdessen fokussiert die italienische Debatte vor allem die Opfer und bringt diese in Verruf. “Das ist sexueller McCarthysmus”, “Warum haben sie die Vorfälle nicht gemeldet, als sie passiert sind?”, “Sie könnten nein sagen.”, “Die erzählen das doch nur um berühmt zu werden.”: Und das sind nur einige der Reaktionen die eine Art kollektive Demontage der Debatte markieren. Warum ist in Italien die Mauer der Omertà nicht durch Beschwerden gefallen? Sind Frauen, die sexuelle Belästigung, sexuelle Unterdrückung oder gar Vergewaltigung auf der Arbeit erleben müssen wirklich zu Stillschweigen, Scham und Schuld Verurteilt? Oder gibt es durch die #MeToo Debatte tatsächlich Hoffnung für einen echten und bedeutungsvollen Wandel?

Zumindest von rechtlicher Seite erhoffen sich die Opfer Beistand. Doch die Justiz hat Schwierigkeiten die Fälle zu bewerten. Oft gehen rechtliche Maßstäbe und subjektive Wahrnehmung der Öffentlichkeit und vor allem der Opfer auseinander. In Deutschland hat zwar bereits vor der Weinstein-Affäre die Gesetzgebung reagiert und das “Nein heißt Nein”-Gesetz verabschiedet aber dennoch lässt sich auch mit der erweiterten Definition von sexuellen Übergriffen in diesem Gesetz oft kein Maß finden, was beide Seiten für angemessen halten. Dies ist kein rein deutsches Problem. Überall auf der Welt gelten von rechtswegen andere Grenzwerte, die zwischen Opferschaft und Meinung unterscheiden.

Die #MeToo-Bewegung schafft Aufmerksamkeit für eine Thematik, der lange nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Mittlerweile ist die Debatte nicht mehr aus dem Medienbewusstsein wegzudenken.

Im März 2017 wurde die  “Coalition for Women in Journalism”, das erste globale Netzwerk für Frauen, gegründet und  befasst sich mit Recht, Gleichberechtigung und Unterstützung für JournalistInnen.

Jean Lee (Global fellow Wilson Center) unterstützt den Gedanken der Netzwerke: „I‘m really proud of what women can achieve. We should use being women as a tool, as an advantage.“

Dass der Journalismus nicht nur das Thema aufbereitet und verbreitet, erklärt Shayda Hessami (Human Rights Activist). Sie beschreibt den Journalismus als ein „tool to empower women“. Sie bildet geflüchtete kurdische Irakerinnen in Flüchtlingslagern in den arbaischen Ländern zu Fotojournalisten aus. Ihr Gesicht: Zina Hamu. Nach dem Genuzid durch den „islamischen Staat“ gab die von Hessami initierte Organisation zwölf Damen eine neue Perspektive. Hamu ist dankbar für diese Chance, das Sprachrohr zu sein, dadurch in Litauen studieren zu können und einen Sinn widergefunden zu haben. Auch dafür ist diese Bewegung relevant – obgleich ihr Fokus eher in der sexistischen Kategorie angesiedelt ist.

Ob die #MeToo-Debatte nachhaltig etwas an dem Frauenbild und dem Sexismus gegen Frauen verändert, wird sich noch zeigen. Die Medien sind jedenfalls auf dem richtigen Weg.

„Like a picture,  I am more that you can see“ – Zina Hamu.

Ein Projekt von: Lisa Schröter, Marvin Behrens, Tilman Kortenhaus und Victoria Antoni

Brainstorm, Journalismus, Karriereleiter

Fake News: Glaubwürdigkeitskrise des Journalismus?

Spätestens seit der US-Wahl 2016 scheint die Bedrohung des unabhängigen Journalismus durch „Fake News“ omnipräsent zu sein. Immer häufiger versetzen Falschmeldungen die Branche in Zeiten der rasend voranschreitenden Digitalisierung in Aufruhr. Journalisten auf der ganzen Welt verschreiben sich auf dem „International Festival of Journalism“ im italienischen Perugia dem Kampf gegen Desinformation.

Erst vor wenigen Tagen erschütterte die Diskussion um eine vermeintliche Falschmeldung mal wieder das weltpolitische Geschehen. Aktivisten zufolge wurden bei einem Giftgasanschlag Russlands in der von Rebellen kontrollierten Stadt Duma in Ost-Ghuta 150 Menschen getötet und etwa 1000 Menschen verletzt. US-Präsident Donald Trump reagierte mit einem entrüsteten Tweet, zwei Tage später forderte auch die US-Botschafterin Nikki Haley Sanktionen gegen Russland. Der Kreml schoss umgehend zurück: Bei der Meldung über den angeblichen Chemiewaffeneinsatz handele es sich um „Fake News“. Die Quelle der Meldung stehe in Verbindung zu Dschjhadisten, die durch die USA und Großbritannien finanziert werden.

Auf dem 12. „International Journalism Festival“ in Perugia Mitte April nimmt das Thema „Fake News“ eine zentrale Rolle ein. Weltweit gründen sich Initiativen gegen die steigende Desinformation, Medienvertreter aus allen Ecken des Globus debattieren über die Problematik und suchen gemeinsam nach einer Lösung. Der Konflikt zwischen den USA und Russland zeigt, welche Tragweite das Thema „Fake News“ mittlerweile im politischen Geschehen eingenommen hat. Täglich verbreiten sich Falschmeldungen auf der ganzen Welt. Und es wird immer schwieriger, sie als solche zu erkennen und einzudämmen. „Wenn ich die Antwort wüsste, wie man ‚Fake News‘ ein Ende setzt, wäre ich ein reicher Mann“, meint Chris Elliott, CEO des „Ethical Journalism Network“. Der langjährige Herausgeber des „Guardian“ sieht allerdings keinen einfachen Lösungsansatz gegen Falschmeldungen. „Allzu oft fokussieren wir uns auf einen Grund für eine Sache, aber ich glaube, es gibt vielfältige Gründe dafür, dass dieses Phänomen existiert.“

Paneltalk: „Newsrooms of the world unite! Finding a global solution to misinformation“, Foto: Tobias Kurz

Ein entscheidender Faktor ist die stetige Entwicklung der digitalen Möglichkeiten Nachrichten zu verbreiten. In Deutschland verbreiten sich Falschmeldungen vor allem über soziale Medien wie Facebook oder Twitter. Während der Bundestagswahl 2017 waren es vor allem Rechtspopulisten und rechtsextreme Nutzer, die Falschmeldungen, insbesondere in Verbindung mit der Flüchtlingskrise in Umlauf brachten. „Es gibt viel mehr Inhalte und viel mehr Wege, diese zu veröffentlichen und zu teilen. Das ist ein gesundes Umfeld für Medien, aber leider auch für ‚Fake News'“, meint Mandy Jenkins, die seit zwei Jahren als Head of News des irischen Redaktionsdienstleisters Storyful arbeitet. „Genauso wie ein Wachstum von Medien herrscht, herrscht ein Wachstum von Medien, die nicht notwendigerweise eine gute Mission verfolgen.“

„Wir müssen dafür sorgen, dass echte Nachrichten besser werden.“

Die serbische Journalistin Mira Milosevic sieht vor allem Unternehmen wie Facebook oder Twitter in der Verantwortung, dem Problem von sensationalistischer und des- oder misinformierender Berichterstattung entgegenzuwirken. Die Direktorin des „Global Forum for Media Development“ erklärt: „In den letzten fünf Jahren hatten wir die Entwicklung, dass der Facebook-Newsfeed Inhalte hervorgehoben hat, die schnell, oberflächlich und einfach zu konsumieren waren.“ Müssen Medienhäuser deshalb verstärkt mit den allmächtig, aber in diesem Fall so machtlos wirkenden sozialen Plattformen zusammenarbeiten? Jenkins ist der Meinung, dass das Problem nicht allein mit einer journalismusfreundlichen Überarbeitung der Facebook-Algorithmen gelöst werden kann. „Mit den Plattformen zusammenzuarbeiten, ist ein Teil davon, aber wir müssen dafür sorgen, dass echte Nachrichten besser werden, sichtbarer werden und stärker verbreitet werden. Wir können die dominantere Stimme werden“, nimmt sie ihre Kollegen in die Pflicht.

Für Journalisten wird das Überprüfen von Inhalten und Quellen immer wichtiger. Schließlich ist das Image des Journalismus durch die Vielzahl der Falschmeldungen und dem damit verbundenen Vertrauensverlust der Leser, Zuhörer und Zuschauer in Gefahr. Dies ist der Grund, warum viele Medienhäuser inzwischen Mitarbeiter haben, die sich speziell um die Prüfung von Informationen kümmern und ganze Organisationen journalistische Berichterstattung auf Falschmeldungen untersuchen. Das internationale „Fact Checking Network“ wurde 2015 vom Poynter Institut ins Leben gerufen, mit dem Ziel, auf der ganzen Welt „Fact-Checking“-Organisationen zu vernetzen.

Diese überprüfen Berichterstattung im Netz auf Objektivität und Richtigkeit und gelten als eines der wirkungsvollsten Mittel, um „Fake News“ entgegenzuwirken. Alexios Mantzarlis, seit 2015 Direktor des „Fact Checking Network“ sieht die Wurzel des Problems vor allem im Zeitalter der Digitalisierung begründet. „Es ist über soziale und sonstige Plattformen zu einfach, Falschinformationen ungefiltert zu publizieren und eine Vielzahl von Menschen zu erreichen. Deshalb ist es vor allem ein technisches Problem, für das man zunächst eine technische Lösung finden muss. Aus diesem technischen Problem folgt eine politische Problematik, weil ‚Fake News‘ für politische Zwecke verwendet werden.“

Foto: Janina Cordes

Seit Anfang des Jahres gibt es eine Expertengruppe in der EU-Kommission, die sich speziell der Bekämpfung von „Fake News“ widmet. Als Lösungsmaßnahme sieht das Team unter anderem das Offenlegen von Funktionsweisen von Algorithmen sozialer Plattformen als wichtigen Schritt. Sanktionen gegen Facebook, Twitter und Co. hält „Fact-Checking“-Experte Mantzarlis aber für gefährlich. Er warnt: „Oft führen wir die Debatte mittlerweile zu hysterisch. Ich fürchte, dass wir eine Überregulierung von sozialen Plattformen und damit auch des Journalismus bekommen, wenn wir zu viele Schranken einbauen wollen.“ Bis zu einer Lösung der „Fake News“-Krise ist es augenscheinlich noch ein weiter Weg – doch der Kampf gegen die Desinformation ist in vollem Gange.

von Janina Cordes, Tobias Kurz, Nina Marie Meier & Saskia Ratzmann