Moritz Muschik

Journalismus, Karriereleiter

Digitale Revolution: Wie Innovationen den Journalismus verändern

Der Journalismus ist tot. Es lebe der Journalismus.

Vervielfältigung der Kanäle, Big Data und neue Formen der Publikumsbeteiligung – Mit dem digitalen Zeitalter haben sich auch die Arbeitsbedingungen im Journalismus gewandelt. Vor allem in Online-Redaktionen sind Tempo und Zeitdruck durch den Boom des Internets deutlich angestiegen. Journalisten müssen heute schneller und multimedialer berichten. Gleichzeitig müssen sie darauf achten, dass die Qualität der Berichterstattung nicht darunter leidet. Damit der Spagat zwischen Aktualitätszwang und fundierter Recherche gelingt, greifen Medienhäuser immer häufiger auf technische Hilfsmittel zurück.

Zu Besuch beim Internationalen Journalismus-Festival in Perugia

Doch welche Innovationen haben schon den Einzug in den medialen Praxisalltag geschafft? Und welche Chancen und Risiken verbergen sich hinter den revolutionären Ideen? Ein Besuch beim Internationalen Journalismus-Festival in Perugia zeigt, dass Innovationen in der Medienbranche aktuell für viel Gesprächsstoff sorgen. Einmal im Jahr verwandelt sich die Stadt in der italienischen Region Umbrien in einen Branchentreff, bei dem Experten aus der ganzen Welt über Trends im Journalismus diskutieren. Wir waren vor Ort bei der zwölften Ausgabe des Festivals und haben einen Blick in die Zukunft geworfen.

Regionale Revolution Zentralisierung in Deutschland

Der Journalismus ist verschiedensten Krisenphänomenen ausgesetzt. Die Auflagen der Printzeitungen gehen seit Jahren stetig nach unten und die Einnahmen durch Anzeigenverkäufe werden für Medienbetriebe zunehmend schwieriger. Um diesem Prozess entgegenzuwirken, schließen sich immer mehr einzelne regionale Zeitungen zu großen Verbänden bzw. Mediengruppen zusammen. Doch der Prozess der Zentralisierung des deutschen Zeitungswesens ist umstritten. Kritiker befürchten eine Monopolisierung des Zeitungsmarktes und eine zu einheitliche Berichterstattung.

Daniel Bouhs, ARD

„Im Endeffekt gibt es mehr Vielfalt“

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Foto: Moritz Muschik

ARD-Korrespondent Daniel Bouhs war zu Beginn der Umstrukturierung der Medienbranche eher skeptisch, doch der Medienfachmann hat seine Haltung gegenüber der Zentralisierung des Zeitungswesens geändert. Für ihn ermöglicht die Arbeit in großen Redaktionen vor allem bessere Recherchemöglichkeiten. Solange es Konkurrenzdruck zwischen den großen Medienhäusern wie Madsack und Funke gebe, so trage dies zur journalistischen Qualität bei, so Bouhs. Er ist von den Vorteilen dieser Neuordnung überzeugt:

Steffi Dobmeier, Funke Mediengruppe

„Die Qualität der Regionalzeitungen ist gestiegen“

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Foto: Moritz Muschik

In Deutschland sind die Mediengruppen Springer, Funke und Madsack die marktführenden Konzerne im Zeitungswesen. Steffi Dobmeier, Managing Editor der Funke Mediengruppe, hält die zunehmende Zusammenlegung der Redaktionen für sinnvoll. Sie stellt zwar klar, dass es sich zweifelsfrei um eine Zentralisierung des Zeitungswesens handelt, nicht aber um eine Monopolisierung – welche von vielen Kritikern diskutiert wird. Laut Dobmeier steigert diese Entwicklung die Themenvielfalt in den großen Zentralredaktionen:

Wolfgang Büchner, Madsack Mediengruppe

„Ich kann mir vorstellen, dass eine gute A.I. in Zukunft hervorragend eine Bundetagsdebatte zusammenfassen kann“

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Foto: Moritz Muschik

Neben der Funke Mediengruppe zählt das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) der Madsack Mediengruppe zu den zwei Unternehmen mit den größten zentralisierten Newsrooms in Deutschland. An der Spitze steht dort Wolfgang Büchner. Seit Januar 2017 ist er Chief Content Officer bei Madsack sowie Chefredakteur des RND.

In seinen Augen ist der Zentralisierung von Newsrooms ein großer qualitativer Fortschritt der Zeitungsinhalte zu verdanken. Der häufig aufkommenden Kritik, das Gegenteil sei der Fall, hält er entgegen, dass vor dieser Entwicklung meist nur Pressetexte übernommen wurden und sich die Inhalte der verschiedenen Titel somit überwiegend glichen. Auf den ersten Blick wirke Zentralisierung zwar wie eine Grundlage für Einheitsbrei, doch solange keine Monopolstellung entsteht, sorge der starke Wettbewerb zwischen den zusammengelegten Verlagshäusern für gesunde Konkurrenz und höhere Qualität in der nationalen und regionalen Berichterstattung.

Auch automatisiertem Journalismus steht Büchner positiv gegenüber. Dadurch entstehe keine Abschaffung von Journalismus, viel mehr steige der kreative Anspruch an den Job des Journalisten. Außerdem hält er das bisherige Aufkommen von automatisiertem Journalismus erst für den Anfang:

Michael Krechting, NOZ Medien

„Ich glaube, dass es fast nirgendwo eine so blühende Regionalzeitungslandschaft gibt wie in Deutschland“

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Foto: Moritz Muschik

Michael Krechting ist seit 2015 für das Innovationsmanagement bei NOZ Medien zuständig und sieht vor allem dank der Breite an Zeitungstiteln Deutschland in einer Vorreiterrolle im Bereich der Regionalberichterstattung. Zudem hätten inzwischen viele Verlagshäuser erkannt, dass gehandelt werden muss und seien dementsprechend bereit, in die Zukunft zu investieren statt stets den billigsten Weg zu gehen. Er schließt nicht aus, dass weitere Verläge dem Beispiel von Madsack, der Funke Mediengruppe und NOZ Medien folgen: „Es könnte sicher noch dazu kommen, dass sich andere Mediengruppen bilden und Verlagshäuser zusammenschließen. Gerade in Regionen, in denen es jetzt noch viele einzelne Verlagshäuser gibt. Aufgrund der wirtschaftlichen Lage werden sie dieses Modell sicher prüfen.“

Die klassische, kleine Regionalzeitung mit nur einem Titel schreibt er trotzdem nicht ab. Deren Vorteil sei vor allem die enge Bindung zu den Lesern und ihre Rolle innerhalb der Gemeinschaft. In der Zentralisierung sieht Krechting Vorteile für den journalistischen Arbeitsmarkt, der besser aufgestellt sei als noch vor einigen Jahren. Statt zu einem Stellenabbau komme es vor allem im Bereich des Digitaljournalismus zu vielen neuen Möglichkeiten für angehende Journalisten. Das komme auch der Qualität zugute:

Algorithmen im Journalismus So beeinflussen sie unsere Arbeit

Sie begegnen uns täglich, agieren oft unscheinbar im Hintergrund und sind aus dem modernen Leben nicht mehr wegzudenken: Algorithmen sind die neuen Gatekeeper im Journalismus. Über 50 Prozent der Menschen wissen jedoch nicht, dass beispielsweise ihr News-Feed auf Facebook von Algorithmen gefiltert und bestimmt wird. Die Mechanismen entscheiden darüber, was wir sehen. Wie also können Medienhäuser Algorithmen transparent und zuverlässig nutzen?

In ihrer Panel Discussion suchten Mathew Ingram vom Columbia Journalism Review, Christina Elmer von Spiegel Online, Kolumnistin Ingrid Brodnig und ProPublica-Reporter Jeff Larson nach Antworten auf diese Frage. Bei Spiegel Online werden Algorithmen unter anderem bei der Recherche und der automatischen Textproduktion von Infografiken eingesetzt. Außerdem werden sie als eine Art Werkzeug für die Transkription und Empfehlungen für künftige Tweets verwendet. Die Experten beim Internationalen Journalismus-Festival in Perugia sind sich einig darüber, dass von den Algorithmen eine große Macht ausgeht, die kontrolliert werden muss. Denn letztlich werden sie von Menschen programmiert, die bei der Erstellung voreingenommen sind und somit Einfluss auf das Ergebnis nehmen. Die Redner kritisieren vor allem, dass der Umgang mit Algorithmen schon in der Ausbildung eines Journalisten stärker thematisiert werden sollte. Außerdem fordern sie, Expertenteams in die Newsrooms zu integrieren.

Einblick in die Robo-Redaktionen Automatisierter Journalismus

Im Sommer 2017 berichtete die Los Angeles Times von einem schweren Erdbeben im US-Bundesstaat Kalifornien und sorgte damit international für Aufsehen. Denn von den dortigen Bewohnern hat keiner das Erdbeben gespürt. Verantwortlich für die kurze Meldung und den dazugehörigen Tweet war die sogenannte Software Quakebot, die seit mehreren Jahren für die Zeitung im Einsatz ist und aktuelle Erschütterungen in der Region zusammenfasst. Durch die Automatisierung und Bots gingen auch Meldungen auf Twitter heraus. Ein Computer analysiert in Echtzeit die E-Mails des US Geological Survey. Sobald die staatliche Stelle das Überschreiten eines bestimmten Grenzwertes meldet, verfasst die Maschine eine entsprechende Meldung. Forscher des California Institute of Technology in Pasadena hatten Daten des schweren Erdbebens von 1925 ausgewertet und diese mit der Jahreszahl 2025 irrtümlich per Mail an das US-Erdbebenzentrum USGS weitergeleitet. Anders als ein menschlicher Redakteur, der den Fehler wahrscheinlich anhand des in die Zukunft versetzten Datums bemerkt hätte, erledigte Quakebot seine Arbeit ungerührt. Die Zeitung löschte die Falschmeldung umgehend und nahm dazu auf Twitter Stellung.

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Twitter

Screenshot Twitter

Wenn Algorithmen in der Berichterstattung Fehler machen, ist die Schuldfrage schwierig. Lisa Gibbs von der amerikanischen Nachrichtenagentur Associated Press (AP) setzt bei der News-Produktion dennoch auf die maschinelle Unterstützung. „Die Meldung war nicht falsch, weil der Roboter einen Fehler gemacht hat. Die Schuld liegt bei USGS, weil die Menschen dort falsche Daten übermittelt haben“, betont sie. Letztlich seien automatisch generierte Texte nur so gut wie die Daten dahinter.

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Foto: Milena Schwoge

Die AP gilt als einer der Vorreiter des sogenannten Roboter-Journalismus. Seit 2014 setzt die Nachrichtenagentur bei Geschäftsergebnissen, Wettervorhersagen und Sportergebnissen auf eine Software. Ganz ohne menschliche Hilfe kommen die Journalismus-Automaten allerdings nicht aus. „Wir sagen, dass die Nachrichten von Robotern geschrieben werden, weil es witzig klingt. Das stimmt aber gar nicht. Die Geschichten werden nach wie vor von Journalisten vorgegeben. Die Software wertet lediglich die Daten aus und fügt die einzelnen Komponenten zusammen“, stellt Gibbs klar. Mit der Unterstützung von Algorithmen kann die AP pro Tag 30 600 Geschäftsergebnisse veröffentlichen und deckt damit fast den kompletten US-amerikanischen und kanadischen Aktienmarkt ab. Zum Vergleich: Vorher waren es täglich nur 300 Berichte. Durch die automatisch generierten Texte hätten die Journalisten mehr Zeit für investigative Recherche, wodurch schließlich auch die Qualität im Journalismus gesteigert werde, so Gibbs.

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Foto: Milena Schwoge

Die Arbeit von Journalisten ändert sich durch Innovationen

Dass die „Roboter“ eines Tages den klassischen Journalisten ersetzen werden, glaubt Gibbs nicht. Die automatische Textproduktion sei eher eine Art Zusatz. „Die Maschinen können uns durch ihre Analysen helfen, unseren Job zu machen, aber ihnen fehlt es an Kreativität und Expertise, um Sachverhalte einzuordnen“, sagt die Journalistin. Dennoch sollte die zukünftige Rolle der Automatisierung im Newsroom nicht unterschätzt werden. Allein die Entwicklung der vergangenen fünf Jahre habe bewiesen, dass sich der Roboter-Journalismus auf dem Vormarsch in die Redaktionen befindet. Fest steht: Die Arbeit von Journalisten wird sich auch in Zukunft durch Innovationen ändern. Das hat das Festival in Perugia gezeigt.

Von Milena Schwoge, Jonas Lindemann, Jan Jüttner und Moritz Muschik
Lifestyle

Wenn Wünsche wahr werden

Ein besinnliches Fest im Kreise der Familie. Der Tisch ist reichlich gedeckt. Unter dem geschmückten Tannenbaum liegen viele bunte Geschenke. Für die meisten ein ganz normales Weihnachtsfest. Nicht so für die Kinder des Kinderheims Limmer und der „Kleinen Strolche“. Continue reading