Ausgekotzt: Wer im Glashaus sitzt, …

Ein wertendes Gedankenspiel zur neuen Außenstelle des Zoo Hannover mitten auf dem Messegelände der ehemaligen Expo 2000 zeigt die brandheiße Attraktion: Flüchtlinge.

„Mama, Mama, guck dir mal den da an! Der macht ja gar nichts!“ – „Klopf doch mal gegen die Scheibe, Schatz, dann wacht er vielleicht auf.“ – „Haha, er hat sich erschreckt. Wie der guckt!“

Es ist November, Dienstag 13 Uhr – Mensazeit. Die ohnehin schon rar gesäten Sitzplätze der einzigen Cafeteria weit und breit sind nun auch begehrte Beute für die „Menschen aus dem Kasten“. Diese zahlen ihr Essen brav mit Gutscheinen der Stadt oder den frisch ausgestellten Flüchtlingsausweisen, sofern der Freibetrag noch nicht durch zu häufiges Drucken aufgebraucht ist; E-Payment goes politically correct!

Hier auf der Expo Plaza ist also ein neues Flüchtlingsheim entstanden. Die Stadt Hannover kaufte den Glaskasten für etwa 5,5 Millionen Euro, setzte Firmen wie Nord Media vor die Tür und brachte dort Flüchtlinge unter. Ironischerweise handelt es sich bei der neuen Bleibe um den deutschen Pavillon zu Expozeiten – ein Zufall oder geschickter PR-Coup mit Willkommenssymbolik? Wer weiß. Mehr als 450 Vertriebene sitzen hier jedenfalls Tag für Tag hinter der gläsernen Fassade des Gebäudes, welche nun mehr an ein Terrarium als einen Bürokomplex erinnert. #zooforhumans

Aber das Expogelände ist doch groß genug für alle, draußen pfeift bereits ein nass-kalter Wind und irgendwo MUSS man die Menschen ja hinstecken. Punkt für die Stadt – und doch ist es so einfach nicht. Denn was passiert mit Menschen, die einerseits mit anderen auf engstem Raum eingepfercht und dennoch von der Gesellschaft isoliert sind? Produktivität sucht man wohl vergeblich. Warten müssen sie.

Nun muss der geneigte Leser wissen: Die Expo Plaza ist parallel zum neuen „Flüchtlingscamp Hannover Ost“ auch Campus mehrerer Hochschulabteilungen mit medialem Schwerpunkt. Das ganze Szenario spielt sich in der hinterletzten Ecke der Stadt ab. Außer einigen Niederlassungen von BMW, IKEA oder Banken gibt es hier nicht viel. Sollte es ja auch nie.

Das Spannungsfeld ist klar definiert: Technisch gestützte Arbeitswelt trifft auf Schneewittchens gläsernen Sarg. Aber nun ist das Kind eben in den Brunnen gefallen. Die Leute sind da, die Mensa platzt und die Stadt muss sich verantworten. Zugegeben: so ein deutscher Pavillon macht schon mehr her als eine marode Turnhalle, aber Design verbessert nicht gleich alles. Denn so kommen wir zurück zum Bild der Mutter und ihrem Kind vor der Glasscheibe des Multikulti-Terrariums. Privatsphäre mit 449 anderen und das auch noch in einem Haus mit gläsernen Wänden? Das fällt nicht unter „Erhöhung der Wohnqualität“, sondern erinnert eher an Big Brother. Nur dass hier niemand einfach aufhören und wieder ein normales Leben führen kann, wenn er es möchte. Der Zoo bleibt geöffnet.

Von Dennis Schmitt

Foto: Lara Sagen

[ssba]