Aus der Tonne in den Mund

Eine Reportage über Essen, welches keinen Cent kostet.

„Handschuhe brauche ich nicht, “ sagt Till, schmiert den Dreck an seiner schon schmutzigen Hose ab und wühlt weiter in der Mülltonne herum. Sein Kumpel Robin trägt Handschuhe und wühlt ebenso in einer anderen Tonne.

Es ist ein schöner Mittwochabend. Es ist 23 Uhr. Auf den Straßen ist wie immer viel los. Menschen sind unterwegs und grölen. Auch die beiden Studenten Till und Robin sind unterwegs. Aber nicht, um sich mit Freunden zu treffen oder feiern zu gehen. Till und Robin machen etwas, was mittlerweile viele Menschen interessiert und viele unterstützen. Sie gehen containern.

Die beiden Jungs tragen dunkle Kleidung. Eine dunkle Regenjacke, dunkle Schuhe und eine Mütze. Auch Robins Handschuhe sind schwarz. So können andere Leute sie nur schwer erkennen. Auch zum Schutz gegen die Polizei sind dunkle Farben immer von Vorteil. Denn das, was Till und Robin da wöchentlich machen, ist illegal. „Für Polizisten sind wir eigentlich Diebe, “ erzählt Till. „Wir wurden bis jetzt zwei Mal erwischt und die Polizei hat immer wieder gesagt, dass es illegal sei und die Supermärkte es nicht gerne sehen, sie aber von einer Strafe absehen und wir schnell verschwinden sollen.“ „Und natürlich sagten sie, dass wir es nicht wieder machen sollen“, fügt Robin hinzu und beiden fangen an zu lachen. Der Zwischenfall mit der Polizei brachte sie nicht zum Aufhören.

Till widmet sich einem Netz Orangen, welches er soeben aus der Tonne zog. Auf den ersten Blick sind alle Orangen noch total ok. Ein bisschen Dreck auf der einen Orange, ein kleiner Kratzer auf der anderen. Nur eine von sieben Orangen ist leicht verschimmelt. „Die Schale wird doch eh nicht mitgegessen“, sagt Robin, reißt das Netz auf, holt die verschimmelte Orange heraus, wirft sie in die Tonne zurück und packt die anderen in seinen Beutel. „Morgen gibt es leckeren, frischen Orangensaft zum Frühstück.“ Er grinst. Till holt eine Packung Pilze aus der Tonne. Ablaufdatum war der 11. Mai und dementsprechend sehen die Pilze auch aus. Till öffnet die Verpackung und ein stechender und ekliger Geruch treibt sich in die Nase. „Natürlich ist nicht alles immer noch  gut, aber es tut jedes Mal weh, wenn wir Lebensmittel hier lassen müssen, die wir vor zwei Tagen noch hätten essen können.“

Nachdem die beiden noch reichlich Gemüse und Obst in der Mülltonne finden konnten, beschließen sie zum nächsten Supermarkt zu fahren. Schnell räumen sie noch alle nicht mehr verwendbaren Lebensmittel zurück in die Tonne und schwingen sich auf ihre Fahrräder.

„Wir wollen den Platz und die Mülleimer immer ordentlich hinterlassen. Vielleicht kommen nach uns noch andere Leute zum Container vorbei. Aber wir wollen den Supermärkten natürlich nicht noch mehr Ärger bereiten. Wir wollen ja schließlich noch lange weiter containern. Vor allem hier bei diesem Supermarkt.“ Wir befinden uns in Linden Nord. Nahe der Limmerstraße. Welchen Supermarkt die beiden meinen, bleibt natürlich ihr Geheimnis.

Nächster Halt: Linden Süd.

Allgemein halten sich Till und Robin immer eher in Linden auf. Ihrer Meinung nach, können sie hier besonders gut containern und wissen mittlerweile schon, welche Supermarktmülltonnen gut sind, in welchen viel drin ist und in welchen eher weniger. Einige Supermärkte verschließen ihre Mülltonnen sogar erst gar nicht, damit die Leute, die containern, es leichter haben, an die noch essbaren Lebensmittel zu kommen. Andere Supermärkte verriegeln ihre Mülltonnen und haben sogar Videokameras angebracht.

Robin fährt vor. Mit seinem Rennrad ist er natürlich schneller unterwegs als Till, welcher ein altes, eher klapprigeres Fahrrad besitzt. Links in die Straße, rechts rum, über einen Parkplatz und schon sind sie da. Till und Robin kennen ihre Container-Gegend ziemlich gut. Deswegen kennen sie natürlich auch viele Geheimwege.

Sie sind angekommen. Es ist mittlerweile 23:40 Uhr. Irgendwo in Linden Süd, zwischen leeren Autos, Bürogebäuden und einem Baum, befinden sich die nächsten Mülltonnen. Bei diesen Tonnen müssen sie allerdings über einen Holzzaun steigen, welcher ungefähr zwei Meter hoch ist. Robin formt seine Hände zusammen und hebt Till so hoch, dass er über den Zaun klettern kann. Robin bleibt auf der anderen Seite stehen. Till fängt wieder an in den Tonnen zu wühlen. „Das sieht gut aus, “ sagt Till strahlend. Zwischen Zaun und Boden ist eine kleine Lücke, durch die Till  ‚den Müll‘  durchrollen kann. Eine Zucchini rollt durch die Lücke vor Robins Schuhe. Drei weitere Zucchini folgen. Der einzige Makel an diesen drei Zucchini sind kleine Macken und Risse in der Schale. „Die sind noch total genießbar! Man kann die Schale an den Stellen einfach wegschneiden und sie schmecken wie jede Zucchini, die man für ein paar Euro im Supermarkt kaufen kann.“ Robin schaut genervt. Kleine Falten bilden sich auf seiner Stirn. Während er diesen Satz sagte, rollten noch weitere Karotten, Äpfel, Kartoffeln und sogar Joghurts durch den Spalt. Mit seinen Handschuhen reibt er den Schmutz von den Kartoffeln und den Karotten. Einen der Joghurts hebt er hoch und schaut auf das Verfallsdatum. „15.4.2015.“ Heute schreiben wir den 13. Mai 2015. „Ich kann die Menschen und vor allem die Gesellschaft nicht verstehen. Die Gesellschaft hat nicht ohne Grund den Namen ‚Wegwerfgesellschaft‘. Wenn man sich das hier mal anschaut, was wir alles an einem Tag in Mülltonnen finden. Davon kann man eine ganze Familie ernähren. An manchen Tagen finden wir sogar so viel, dass wir am nächsten Abend unsere Freunde einladen und zusammen kochen“, erzählt Robin. Till klettert mit Hilfe einer Holzpalette über den Zaun wieder hoch und springt auf der andren Seite herunter. Er schaut Robin an, nickt und stimmt Robin zu. „Es gibt so viele Menschen, die nicht einmal Geld für Essen haben. Wenn die Supermärkte ihre fast abgelaufenen oder auch die abgelaufenen, aber noch genießbaren Lebensmittel zur Verfügung stellen würden, dann würden auch immer weniger Menschen containern. Denn wie wir alle wissen, ist containern illegal.“

Till und Robin packen alle Lebensmittel, nachdem sie diese grob gesäubert haben, in ihren Beutel. Sie schwingen sich wieder auf ihre Fahrräder und düsen nach Hause. Mittlerweile ist es immer leerer und ruhiger auf den Straßen geworden. Immer weniger Menschen tummeln sich auf den Straßen. Allerdings fällt ihnen auf dem Weg in ihre Wohngemeinschaft ein Obdachloser auf. Der ältere Mann sitzt auf einer Bank. Es ist kalt geworden. Till zögert nicht lang, fährt mit dem Rad direkt auf den Mann zu und schenkt ihm drei der Joghurts. Der Obdachlose strahlt über beide Ohren und macht sofort den Joghurt auf. Es ist 00:30 als die beiden Jungs Zuhause ankommen. Schuhe aus, Jacke aus und erstmal Hände waschen. Vor allem bei Till hat sich viel Dreck unter den Fingernägeln gesammelt. „Es ist nur Dreck und leicht abzuwaschen. Ich habe gar kein Problem damit, ohne Handschuhen in den Tonnen rumzuwühlen.“

Nachdem die Hände wieder sauber sind, schnappt sich Till eine Wanne und lässt Wasser hineinlaufen. Robin hat in der Zwischenzeit Handtücher besorgt und beide gehen zum Küchentisch. Till packt alle Lebensmittel in die Wanne mit Wasser und wäscht sie ab. Robin breitet das Handtuch auf dem Küchentisch aus und trocknet die Lebensmittel ab. Die beiden Jungs sehen glücklich und zufrieden aus. Die strahlen bis über beide Ohren.

Till wäscht, trocknet sich die Hände und greift in seine Hosentasche. Ein altes Handy kommt zum Vorschein. Er wählt eine Nummer, hält sein Handy an sein Ohr und telefoniert. „Wir haben super Sachen für eine Gemüsepfanne gefunden. Magst du morgen vorbei kommen?“ Till grinst. „Super, dann bis morgen um 8.“ Er legt auf.

Von Zoe Kraft

Foto: Lara Sagen

[ssba]